Keine Rosen am Weltfrauentag
Jessica Tomalaam 08.03.2018

Liebe Männer, ich finde es ja ganz reizend, dass ihr mein Dasein als Frau an einem Tag im Jahr besonders hervorheben wollt, aber eure Rosen könnt ihr gerne behalten. Ich meine das auch gar nicht so böse, wie es vielleicht klingen mag. Aber ich verstehe einfach nicht, was mir diese Rose sagen soll? Danke, dass du eine Frau bist? Danke, dass du jeden Tag mit Ungleichheit im Alltag umgehst? Ich glaub, wir müssen mal reden. Ein offener Brief.

Jedes Jahr am Weltfrauentag wird mir irgendwo eine Blume, meist eine Rose, in die Hand gedrückt: Sei es im Supermarkt, von einem Politiker auf der Straße, einem Gewerkschaftler oder auf der Arbeit. Und zwar meistens von einem Mann. Du bist eine Frau, wir haben dich auserwählt! Herzlichen Glückwunsch, hier ist deine Rose! Bin ich beim Bachelor, oder was? Sorry, aber ich möchte eure Rose nicht haben. Warum? Ich empfinde das als ziemlich antiquiert.

Eine Rose als Wiedergutmachung?

Ich habe das Gefühl, dass mir mit dieser Rose gesagt werden soll: Damit sollten wir dann für die nächsten 365 Tage wieder quitt sein, oder? Nö, sind wir nicht. Warum? Weil Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in vielen Lebensbereichen immer noch eine Illusion ist. Zum Beispiel beim Gehalt. In Deutschland verdienen Frauen in vielen Branchen immer noch weit weniger als Männer. Laut der EU-Kommission lag der Gender-Pay-Gap, also der Gehaltsunterschied zwischen Männer und Frauen bei uns bei 22 Prozent. Das läge daran, dass Frauen unter anderem weniger gut bezahlte Führungspositionen besetzen. Wie sich das äußert, zeigt dieses Gender-Pay-Gap-Experiment, das Terre de Femmes mit realisiert hat:

Lieber gerechtfertigte Anerkennung, als eine Rose

Damit einher geht für mich ein anderer sehr wichtiger Punkt: Anerkennung. Tagtäglich erleben Frauen, dass die Anerkennung einem Mann gegenüber immer noch viel einfacher ausgesprochen wird, als gegenüber einer Frau. Vor allem in Firmen, die überdurchschnittlich viele Männer beschäftigen, hat man es als Frau besonders schwer. Das äußert sich in kleinen Dingen. Mal wird man im Meeting nicht beachtet oder übergangen. Mal wird eine Idee, die eigentlich von einer Frau kommt, einfach von einem Mann wiederholt und plötzlich gelobt. Hepeating nennt sich dieses Phänomen. Auch Mansplaining, wenn Männer also angeblich alles besser wissen, ist weit verbreitet.

Schwieriger Wiedereinstieg in den Beruf

Dazu kommt, dass Frauen sich öfter um die Kinder kümmern und dadurch zeitlich ziemlich eingeschränkt sind. Vielen Frauen, zum Beispiel einer alleinerziehenden Kollegin von mir, wird der Wiedereinstieg in den Beruf auch besonders erschwert. In Berlin gibt es einen großen Mangel an Kita-Plätzen. Das bedeutet, dass sie ihr Kind nicht untergebracht bekommt, auch nicht privat. Sie arbeitet im Home Office, kümmert sich non-stop um ihr Kind und ist am Limit. Werden wir dadurch nicht in die Rolle einer Hausfrau gezwungen, die sich halt einen Mann suchen muss, der die Kohle heranschafft, damit sie sich um das Kind kümmern kann? Ich hatte gehofft, dass so etwas Altbackenes schon lange der Vergangenheit angehört.

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Nicht nur an einem Tag im Jahr

Das sind nur einige Ungleichheiten, die ich in meinem Umfeld erlebe, mir selbst aber auch nicht mehr gefallen lasse. Aber auch endlich für sich einzustehen, war kein einfacher Schritt und hat mich viel Kraft gekostet. Darum kann ich jetzt auch sagen: Lieben Dank für die Blumen, aber ich fände es viel schöner, wenn ihr euch das Geld für die Blume spart und mir stattdessen in einem der Punkte, die ich oben beschrieben habe, entgegen kommt. Und zwar nicht nur an einem Tag im Jahr. Ich mache viel richtig, aber sicherlich auch einiges falsch. Und genauso möchte ich auch behandelt werden. Ihr braucht mich nicht mit Sandhandschuhen anpacken, wenn ich Mist gebaut habe, weil ihr denkt, dass ich dann gleich losheule. Ich halte das schon aus. Aber vermittelt mir auch den Respekt und die Anerkennung, wenn ich etwas verdammt gut gemacht habe. Nicht, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich ein Mensch bin.

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Auch heute haben meine Kolleginnen und ich übrigens eine Rose bekommen, und zwar von unserem männlichen Kollegen in der Redaktion. Wir alle haben uns sehr darüber gefreut. Aber eher, weil es kein Wildfremder war, sondern ein Freund, der es sicherlich auch oft nicht einfach hat, weil er in unserer frauendominierten Redaktion manchmal doch etwas untergeht. Er zeigt uns auch nicht nur an einem Tag im Jahr, dass er gern mit uns zusammenarbeitet, sondern fast täglich (außer wir gehen uns gegenseitig auf die Nerven, was ja auch mal sein kann). Für all die anderen Herren, die mir die Rosen eher aus Pflichtbewusstsein in die Hand drücken würden, habe ich einen anderen Vorschlag: Spendet die paar Euro lieber! Es gibt genug Organisationen, die sich für Frauenrechte auf der ganzen Welt einsetzen. Und damit es keine Ausreden gibt, haben meine Kolleginnen und ich ein paar für euch herausgesucht:

  • Anett ist zum Beispiel Mitglied der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e.V., da sie nur kleine, lokale Projekte unterstützen – mit großem Fokus auf Frauen. Sie arbeiten nach der Devise, dass die Menschen vor Ort am besten wissen, wie sie ihre Situation verbessern können, und geben diesen finanzielle Hilfen. Viele Projekte drehen sich um juristische Aufklärungsarbeit, denn nur Frauen, die wissen, was ihnen zusteht, können dies auch beim Staat einfordern. Auch Vereine, in denen Frauen gemeinsam Gewerbe aufbauen und so finanzielle Unabhängigkeit erreichen, werden von der ASW unterstützt.
  • Nina hält die Gulabi Gang für unterstützenswert. Denn statt Misshandlungen gegen Frauen tatenlos zuzusehen, wird die Gulabi Gang in Indien aktiv: Neben Aufklärungskampagnen gehen die mutigen Frauen in pinken Saris und mit Bambusstöcken bewaffnet gegen gewalttätige Männer vor.
  • Frieda-Frauenzentrum e.V. in Berlin: Ich würde mich über Unterstützung für diese Organisation freuen, weil sie mit vielen Projekten nicht nur jüngere Mädchen unterstützen, sondern auch einen offenen Raum für Frauen aller Genderidentitäten bieten. Besonders spannend finde ich auch das Anti-Stalking-Projekt, dass das Frauenzentrum anbietet. Denn verschiedene Studien, unter anderem vom Bundeskriminalamt, zeigen, dass gerade Frauen besonders oft Opfer von Stalkern werden.
  • Meine Kollegin Katja Nauck ist durch das berührende Buch und den Film „Wüstenblume“ von Model Waris Dirie auf das Thema weibliche Genitalverstümmelung aufmerksam geworden. Deshalb findet sie die Arbeit der Intact Mädchenhilfe wahnsinnig wichtig, der in Afrika Aufklärung zur Problematik und den Folgen der vaginalen Beschneidung von jungen Mädchen betreibt und diese auch vor Ort unterstützt. Denn diese grausame Praxis ist leider immer noch stark verbreitet und sollte bekämpft werden.
Bildquelle:

Getty Images/Farknot_Architect


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