Mansplaning-Hotline
Nina Rölleram 20.03.2018

Schon seit einigen Jahren hat sich ein Begriff dafür etabliert, wenn Männer Frauen ungefragt Dinge erklären: Mansplaining. In Schweden wurde dafür sogar schon eine eigene Hotline für Frauen eingerichtet, die davon betroffen sind. Es scheint sich dabei also um ein echtes Problem zu handeln – das dachte ich zumindest lange Zeit. Inzwischen habe ich aber gemerkt, dass es mir mit der Ablehnung des Konzepts Mansplaining viel besser geht und eine solche Hotline dem Selbstbewusstsein von Frauen meiner Meinung nach schaden könnte.

Die Nummer gegen Mansplaining

Stell dir vor, ein männlicher Arbeitskollege belehrt dich ungefragt über Dinge, über die du selbst schon bescheid weißt. Dabei verdrehst du innerlich vermutlich die Augen, weil der werte Kollege denkt, er wisse besser Bescheid als du. Du hättest nun zwei Möglichkeiten: Entweder du weist den Besserwisser in seine Schranken und zeigst ihm, dass du zu dem Thema noch mehr beizutragen hast oder du schluckst deinen Ärger hinunter.

In Schweden hättest du noch vor einiger Zeit eine dritte Möglichkeit gehabt: Die Gewerkschaft Unionen hat für seine Angestellten eigens eine Hotline für solche Erlebnisse eingerichtet. Wer bei „Mansplaining-akuten“ anrief, bekam Tipps von Gleichstellungsexperten, wie man sich in einer solchen Situation wehren kann. Dabei handelte es sich jedoch nicht um ein dauerhafte Beschwerde-Hotline für Frauen, sondern lediglich um eine einwöchige Aktion.

Wie ein Sprecher der Gewerkschaft dem schwedischen Magazin The Local erklärt, ging es bei der Hotline nicht darum, alle Männer des Mansplainings zu beschuldigen, sondern ein Bewusstsein für dieses Phänomen zu schaffen. Klingt alles halb so wild, mir stößt diese Kampagne jedoch trotzdem unangenehm auf.

Mansplaining wird subjektiv definiert

Ich habe ein Problem mit dieser Hotline, weil sie den Anschein erweckt, dass Mansplaining ein Phänomen ist, das de facto besteht. Dabei lässt sich gar nicht genau sagen, ab wann jemand Mansplaining betreibt. Der Begriff stammt aus dem Essay-Band „Wenn Männer mir die Welt erklären“* der Journalistin Rebecca Solnit, die darin ihre persönlichen Erfahrungen mit Besserwissern beschreibt. Dass es Situationen gibt, in denen man von anderen belehrt wird, lässt sich nicht bestreiten. Daraus aber ein geschlechterspezifisches Problem zu machen, schon.

Ich wurde auch schon belehrt, aber…

mansplaining musik

Die Band kennst du bestimmt nicht!

Ich habe auch schon des Öfteren die Erfahrung gemacht, von Klugscheißern über Dinge zugequatscht zu werden, über die ich besser Bescheid weiß: Frischgebackene Veganer erklären mir die pflanzliche Lebensweise, obwohl ich schon seit meinem 14. Lebensjahr vegan lebe. Verschwörungstheoretiker wollen mir weismachen, dass ihr auf Youtube-Videos basierendes Wissen ernst zu nehmender sei, als alles, was ich in meinem Masterstudium gelernt habe. Selbst ernannte Musiknerds gehen davon aus, dass ich noch nie etwas von ihrer dummen Mainstream-Metalband gehört habe, obwohl ich seit meiner Jugend alternative Musik höre. Und ja, fast all diese Erlebnisse hatte ich mit Männern.

Ich könnte nun sagen: Ich war Opfer von Mansplaining! Damit mache ich es mir aber zu einfach, denn ich kann es manchmal auch verstehen, wie es zu solchen Erlebnissen kommt. Nehmen wir das Beispiel mit den männlichen Musiknerds: Es kam schon vor, dass ich mich darüber geärgert habe, dass ein Typ automatisch davon ausging, dass ich eine Band nicht kenne – vermutlich, weil ich eine Frau bin. Das alleine könnte man schon als sexistisch bewerten, meiner Meinung nach handelt es sich lediglich um berechtigte Vorurteile. Denn wenn ich ehrlich bin, bin ich in meinem Freundeskreis eine der wenigen Frauen, die Hardcore-Punk hören, und stelle somit eher eine Ausnahme dar. Noch dazu muss ich zugeben, dass ich mich bei weitem nicht so gut auskenne wie viele meiner Kumpels, von denen ich mir gerne Musiktipps hole.

Betreibe ich dann nicht auch Womansplaining?

Wenn dann ein Typ eine Frau über irgendwelche Bands belehrt, tut er dies aus der Erfahrung heraus, dass er wohl sonst nie etwas mit Frauen zu tun hat, die sich für seine Musik interessieren. Es mag zwar wahnsinnig klischeehaft klingen, aber umgekehrt gehe ich bei Gesprächen mit Männern auch davon aus, dass diese nicht unbedingt Serien wie „Pretty Little Liars“ und „Gossip Girl“ kennen oder wissen, was ein Beauty Blender ist. Damit tue ich manchen Männern bestimmt unrecht, in vielen Fällen liege ich aber richtig.

So sehr ich solche Geschlechterklischees auch hasse, oft treffen sie eben auch zu und bestimmen, wie wir mit dem jeweils anderen Geschlecht reden. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass ich nur von solchen Männern belehrt werde, die mich noch nicht kennen, also völlig falsch einschätzen. Sobald geklärt ist, dass ich keine Nachhilfestunde zu einem bestimmten Thema nötig habe, hatte ich in der Kommunikation mit Männern noch nie Erlebnisse, die man unter Mansplaining-Verdacht stellen könnte. Ähnliches berichteten auch diese Gamerinnen im Interview, die sich als Frauen von Männern in der Szene akzeptiert fühlen.

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Auf einmal ist alles Mansplaining

Meine Argumentation mag für manche so klingen, als würde ich das Konzept Mansplaining einfach nicht verstehen. Dabei habe ich es schon vor vielen Jahren im Laufe meines Studiums kennengelernt und fand es überzeugend. Damals hatte ich den Eindruck, endlich einen Begriff dafür zu haben, für das, was ich schon öfter mit Männern erlebt habe. Durch das Lesen zahlreicher Texte zum Thema wurde ich mit der Zeit immer sensibilisierter und fühlte mich bald umgeben von Mansplainern.

Darum finde ich auch die ständige Kritik an GNTM kontraproduktiv für junge Mädchen.

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Diskutieren statt überempfindlich werden

Irgendwann merkte ich, wie sehr diese Anschuldigung dazu führt, Diskussionen zu unterbinden. Egal, ob in Uniseminaren oder in Facebook-Kommentarspalten: Sobald ein Mann gegen eine Frau argumentiert und dabei auch noch auf wissenschaftliche Theorien verweist, können Frauen die Diskussion mit dem Vorwurf des Mansplainings abwürgen. Anstatt zu argumentieren, lernen Frauen auf diese Weise, beim leisesten Anschein von Besserwisserei einfach dichtzumachen. Langsam bekomme ich den Eindruck, dass viele Feministinnen schon so empfindlich sind, dass sie jedwede Kritik, die von Männern kommt, auf diese Weise abtun.

Ich habe es schon erlebt, dass Männern dieser Vorwurf gemacht wurde, die in meinen Augen aber tatsächlich besser bescheid wussten. Das kommt nun mal auch vor. Das, was bei mir am Ende vieler solcher Diskussionen hängen bleibt: Ein Mann erklärt seine Sichtweise, und anstatt, dass die Frau ihn mit besseren Argumenten überzeugt, zieht sie sich aus der Affäre – und ruft in Schweden womöglich beleidigt das Mansplaining-Sorgentelefon an. Die Message, die das in meinen Augen sendet? Frauen darf man nicht mehr mit zu viel Kritik und Argumenten bombardieren, das vertragen sie einfach nicht. Empowerment sieht für mich anders aus.

Bildquelle:

iStock/Deagreez, iStock/igor_kell
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