kostenloser Nahverkehr
Nina Rölleram 15.02.2018

Die Meldung sorgt derzeit für rege Diskussionen: Die Bundesregierung erwägt, den kostenlosen Nahverkehr in fünf deutschen Städten zu testen. Mit dieser Maßnahme sollen Autofahrer auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel umschwenken und Deutschland könnte dadurch EU-Bußgeldern für zu hohe Stickoxid-Grenzwerte vermeiden. Das mag auf den ersten Blick nach einer guten Idee klingen. Ich bezweifle jedoch, dass ein kostenloser Nahverkehr die Situation zum Positiven verbessern wird – im Gegenteil!

Hier könnten die Fahrtkosten bald entfallen

Die Bewohner der fünf ausgewählten Modellstädte Mannheim, Bonn, Essen, Reutlingen und Herrenberg (Baden-Württemberg) können sich womöglich darauf freuen, in Zukunft keine Tickets mehr lösen zu müssen. Wie es in einem Schreiben der Bundesregierung an den EU-Umweltkommissar heißt, soll der Nahverkehr auf diese Weise für Autofahrer attraktiver und die Zahl der Privatfahrzeuge in Städten verringert werden.

Alle wichtigen Infos zu dem umstrittenen Vorschlag bekommst du in diesem Video:

Wer zahlt die „kostenlosen“ Tickets?

Vor einigen Jahren, als ich noch „Alles für alle, und zwar umsonst“ skandierend auf linksradikale Demonstrationen gegangen bin, hätte ich die aktuelle Meldung mit Sicherheit abgefeiert. Einfach in Bus und Bahn einsteigen, kein nerviges Abstempeln von Tickets und nervöses Herumgekrame, wenn der Kontrolleur kommt – das ist für viele eine Traumvorstellung. Inzwischen bin ich aber weniger naiv und frage mich natürlich zuerst, wie eine solche Maßnahme finanziert werden soll.

Fahrscheinautomat

Ticketautomaten könnte man sich zwar sparen, aber mehr Personal und Fahrzeuge wären nötig.

Zuallererst ist alleine die Bezeichnung kostenloser Nahverkehr irreführend, denn selbstverständlich bereitet der Transport tausender Menschen hohe Kosten, die auf irgendeinem Weg gedeckt werden müssen. Derzeit ist es laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) noch so, dass die Hälfte der Nahverkehrskosten durch die Ticketpreise gedeckt werden. Bei der Einführung des kostenlosen Nahverkehrs würden zusätzliche Kosten anfallen, da nicht nur mehr Fahrzeuge, sondern auch mehr Personal finanziert werden müssten. Schließlich ist zu erwarten, dass das kostenlose Angebot mehr Fahrgäste anlockt. Selbst der VDV, der normalerweise als Befürworter von öffentlichen Verkehrsmitteln gilt, sieht den Vorschlag kritisch, weil die Mehrkosten auf die Steuerzahler umgelegt werden könnten, wie ein Sprecher faz.net erklärt.

Mehrkosten scheinen bei dieser Maßnahme vorprogrammiert zu sein. Das zeigt auch die nur fünf Jahre währende Einführung des kostenlosen Nahverkehrs im brandenburgischen Templin: Die Passagierzahlen stiegen auf das fast 15-fache und die Kosten explodierten. 2003 wurde das ambitionierte Projekt schließlich beendet. Es mag sich zwar nach einer Stammtischparole anhören, aber in diesem Fall kann man wohl durchaus mal sagen: „Am Ende zahlt alles der Steuerzahler!“

Nicht jeder kann und möchte Bahn fahren

Man sollte eigentlich meinen, dass mir der Vorschlag der Bundesregierung gefallen müsste. Denn ich fahre täglich mit der Berliner U-Bahn zur Arbeit, habe eine Jahreskarte und plane auch nicht, auf ein Auto umzusteigen. Daher sollte ich mich doch eigentlich freuen, wenn der Nahverkehr in Zukunft womöglich auch in Berlin kostenlos werden würde. So egoistisch denke ich jedoch in diesem Fall nicht. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich mit Berlin Glück habe, in einer Großstadt mit einem gut ausgebauten Verkehrsnetz zu wohnen. Aus meinem Heimatkaff in der Nähe von Frankfurt am Main weiß ich jedoch allzu gut, wie beschwerlich es sein kann, mit dem halbstündlich fahrenden Bus irgendwo hinzukommen.

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Mal angenommen, die „kostenlosen“ Fahrten würden wirklich auf die Steuer umgelegt werden, würden auch all jene den Nahverkehr finanzieren, die diese gar nicht nutzen. Der Journalist Jan Schmidbauer weist in der Süddeutschen darauf hin, dass dies insbesondere unfair gegenüber Menschen in abgehängten Landstrichen wäre. Ein Klempner aus einem brandenburgischen Dorf würde mir als Großstädterin dann quasi meine Bahnfahrt finanzieren, obwohl ich mir diese auch selbst leisten kann.

Währendessen hat dieser wahrscheinlich gar nicht die Möglichkeit, auf umweltfreundliche Verkehrsmittel umzusteigen, weil nur ein paar Mal täglich ein Bus durch seinen Ort tuckert. Dazu kommen natürlich auch noch die Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen auf ein Auto angewiesen sind oder solche, die aufgrund von Angststörungen keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können. Ich könnte auf jeden Fall gut verstehen, wenn sich diese Menschen darüber aufregen würden, dass sie nun höhere Steuern zahlen müssen, um die Fahrten von Großstädtern zu finanzieren.

Überfüllte Bahnen – dafür eben kostenlos

Abgesehen von der Finanzierung frage ich mich auch, was sich im öffentlichen Nahverkehr ändern würde, wenn die Ticketpreise ganz entfielen. Ich bin mir sicher, dass die Fahrgäste dafür einen Preis zahlen müssten, wenn auch nicht in Form von Geld, aber wohl mit Geduld und einer höheren Toleranz für Defekte, Ausfälle und versiffte Bahnabteile. Diese wären bestimmt zu erwarten, wenn plötzlich viel mehr Fahrgäste öffentliche Verkehrsmittel nutzen würden und gleichzeitig nicht für genügend Fahrzeuge und Personal gesorgt wäre.

Der Journalist Stefan Laurin von den Ruhrbaronen macht hier einen recht interessanten Vergleich: Man stelle sich vor, die kostenlosen Bahnen sähen in Zukunft ähnlich ungepflegt aus, wie einst kostenlose Raststättentoiletten. Nikolaus Doll von der Welt formuliert es noch eindeutiger und stellt die These auf, dass etwas, das nichts kostet, auch nichts wert sei. Der Serviceanspruch der Verkehrsbetriebe würde sich also vermutlich in Grenzen halten, da sie sich schließlich nicht um ihre Kunden sorgen müssten.

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Wirklich eine Geldfrage?

Wie du siehst, gibt es viele Argumente, die gegen die Einführung des öffentlichen Nahverkehrs sprechen. Vor allem sollte man sich aber die Frage stellen, ob denn dadurch wirklich mehr Autofahrer auf Busse und Bahnen umsteigen würden. Denn das ist schließlich das beabsichtigte Ziel der Bundesregierung. Ich habe große Zweifel daran, denn kostenlose Bahnfahrten locken vermutlich eher Fahrradfahrer und Fußgänger an. Der VCD nennt dies den „unerwünschten Verlagerungseffekt“. Ein Autofahrer, der dem Bahnfahren bisher schon skeptisch gegenüber stand, wird sich sicher nicht von einer überfüllten kostenlosen Fahrt im öffentlichen Nahverkehr überzeugen lassen. Aus meinem persönlichen Umfeld kenne ich zumindest niemanden, der bisher aus Kostengründen Busse und Bahnen meidet, oder du etwa? Dann erzähl mir gerne mehr darüber in den Kommentaren!

Bildquelle:

iStock/Getty Images Plus/freie-kreation, iStock/Getty Images Plus/hanohiki


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Was denkst du?

  • Katja Nauck am 15.02.2018 um 15:15 Uhr

    Ich sehe den Plan, den Nahverkehr kostenlos zu gestalten auch eher kritisch. Ich bin selbst auch ausschließlich mit den Öffentlichen in Berlin unterwegs und dennoch stellt sich für mich auch die Fragen: Wer soll das finanzieren? Das ist eine ähnliche Diskussion wie mit der GEZ. Alle bezahlen pauschal für einen Service, den nur wenige nutzen. Ich bin mir sehr unsicher, ob diese Rechnung aufgehen wird und glaube auch nicht, dass auf einmal alle die Öffentlichen nutzen werden. Ich möchte auch, dass Bus und Bahn weiterhin sauber sind und die Fahrer halbwegs zufrieden mit dem Job. Was soll das werden, wenn die öffentliche Hand das bezahlt? Ob es den Angestellten im Nahverkehr dann besser geht? Es wäre dann zumindestens wünschenswert ... Bevor also viele Hurra schreien, sollten sie sich das wirklich gut überlegen, was das bedeutet.

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