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Emotional Eating: Wie du endlich aus dem Diät-Teufelskreis ausbrichst

Interview mit Kathrin Vergin

Emotional Eating: Wie du endlich aus dem Diät-Teufelskreis ausbrichst

Zum Jahresanfang nehmen wir uns gerne vor, endlich dauerhaft abzunehmen oder unsere Ernährung umzustellen. Bombardiert von widersprüchlichen Ernährungsratgebern und unrealistischen Körperidealen ist es aber kein Wunder, dass wir verlernt haben, einfach auf unsere Intuition zu hören. Stattdessen kompensieren wir negative Gefühle häufig mit Heißhungerattacken oder wissen uns nicht anders zu belohnen als mit Essen – es kommt zum Emotional Eating. Die Ernährungsberaterin und Psychotherapeutin Dr. Kathrin Vergin hat zu diesem Thema ein interaktives Tagebuch herausgebracht und uns im Interview erklärt, wie man aus dem Diät-Teufelskreis ausbrechen kann und warum ein Cheat Day nicht für jeden eine gute Idee ist.

Dies ist die gekürzte Version des Interviews. Das vollständige Gespräch kannst du dir im aktuellen desired-Podcast anhören!

desired: Hast du fernab von deinem Beruf auch einen persönlichen Bezug zum Thema Emotional Eating?

Dr. Kathrin Vergin: Ja, wie wahrscheinlich fast jede Frau habe ich nicht nur eine Diät ausprobiert, sondern eigentlich fast alle. Ich war nicht immer so sportlich und schlank, wie das jetzt der Fall ist. Bei einer Größe von 1,60 m habe ich auch schon mal fast 96 kg gewogen. Ich war sozusagen lange Zeit selbst betroffen und habe mich mit Diäten und dem Jojo-Effekt selbst auseinandersetzen müssen. Ich musste feststellen, dass ich aus meiner Ausbildung ganz viel über Essen und Ernährung wusste – aber wie man das langfristig in der Praxis umsetzt? Das ist die Krux, wie auch bei vielen anderen Frauen.

Jeder von uns hat ein ganz individuelles emotionales Essverhalten. Muster und Auffälligkeiten findest du mit dem „Emotional Eating Tagebuch“  heraus, das langfristig besser helfen kann als so mancher Diät-Ratgeber:

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Beim Begriff Emotionales Essen tun sich bei mir noch ein paar Fragezeichen auf: Wir Menschen sind auf der einen Seite zwar Tiere, aber wir sind eben auch emotionale Wesen mit einer Jahrtausende alten Esskultur. Ist Essen für Menschen nicht immer mit Emotionen verbunden – und ist das überhaupt etwas Negatives?

Nein, überhaupt nicht! Ich glaube, dass es durchaus auch gut ist, emotional zu essen, weil emotionslos zu essen, gerade in Gesellschaft, weitaus weniger Spaß machen würde. Mit der Familie, mit Freunden oder dem Partner essen zu gehen, oder auch mal gemeinsam zu kochen, ist ja auch mit Emotionen verbunden. Das darf und soll auch unbedingt dazugehören. Es wird immer nur dann zum Problem, wenn ich an nichts mehr anderes denken kann, als an mein Gewicht, meine Gelüste, mich die ganze Zeit frage: ‚Ist das verboten oder ist das erlaubt?‘ Wenn ich mich den ganzen Tag nur mit dem Gewichtsthema beschäftige und dann Heißhungerattacken bekomme, das wird dann irgendwann zum Problem. Aber Emotion kann auch Genuss bedeuten, und tolles Essen mit Genuss zu verbinden, macht absolut Sinn.

Es sind ja, mit einigen Ausnahmen, vorrangig Frauen, die schon schlimme Diät-Phasen in ihrem Leben oder andere Formen von gestörtem Essverhalten hatten. Können wir Frauen in einer Welt, umgeben von unrealistischen Schönheitsidealen auf Social Media und immer wieder neuen Diät-Produkten, überhaupt ein entspanntes Verhältnis zu Ernährung entwickeln?

Ich glaube schon, dass das geht, aber es trifft auch zu, was du beschreibst. In unserem Essverhalten durchlaufen wir in unserem Leben mehrere Phasen. In unserer Kindheit werden wir oft mit Essen belohnt oder bestraft, zum Beispiel wenn Mama sagt: ‚Wenn du den Teller nicht aufisst, gibt es schlechtes Wetter.’ Das kennen wir fast alle. Dann gibt es auch Phasen, in denen man zum Beispiel eine Trennung oder einen anderen Verlust durchmacht und wir aufgrund von Trauer und Einsamkeit essen. Das sind alles Dinge, die man sozusagen wieder rückgängig machen kann, indem man anfängt, sich selbst wieder wahrzunehmen. Was du beschreibst, hat viel mit Perfektionismus bei Frauen zu tun: Im Schnitt treffen Frauen pro Tag über 200 Entscheidungen, die das Essen oder die Figur angehen. Das ist natürlich extrem anstrengend ist, auch wenn es unbewusst läuft. Wenn eine perfektionistische Frau bei der 199. Entscheidung die „falsche“ trifft, fühlt sich das für sie nicht gut an, weil sie nur diesen „Fehler“ sehen kann und nicht alle anderen guten Entscheidungen.

Einige aktuell beliebte Diätprogramme setzen auf Kalorienzählen unter der Woche und einen Cheat Day, an dem alles erlaubt ist. Was hältst du davon?

Sowohl im Selbstversuch als auch bei meiner Arbeit mit Patienten kommt es darauf an, ob man der Typ dafür ist. Manche sind vom Typus ‚ganz oder gar nicht‘. Die kommen überhaupt nicht damit klar, kleinere Portionen zu essen oder bestimmte Dinge in Maßen. Für die ist ein Cheat Day schwer, weil sie danach nicht wieder runterfahren können. Sie kommen aus einer dauerhaften emotionalen Ess-Schleife. Je mehr ich allerdings unterdrücke, desto schwieriger wird es. Generell ist daher mein Credo: Die Menge macht es. Es geht darum zu lernen, wie man aus aus der vollen Palette an Essen schöpfen kann, das ich zur Verfügung habe – aber in sinnvollen Maßen. So eine Cheat-Mahlzeit kann dann auch mal gar nicht so schlecht sein, weil ich das Gefühl habe, dass ich das brauche.

Wichtig ist, sich anzueignen, dass es bei einem Essen bleibt und man nicht wieder in eine völlige Ekstase verfällt. Das ist meistens die Gefahr dahinter, wenn man sich den Freifahrtsschein „All You Can Eat“ an einem Cheat Day gibt. 

Dr. Kathrin Vergin über Cheat Days

Die Bezeichnung Cheat Day ist allerdings so unschön: Das klingt so, als würde man sich sonst immer streng an Regeln halten und dann etwas Böses oder Verbotenes tun – dabei gehört doch ein unbeschwerter Genuss auch zum Leben dazu. 

Ja, das ist genau der Grund, warum sich viele Menschen als Diät-Versager fühlen, weil sie sich dann mal wieder nicht an den Plan gehalten haben. Das kann genauso ein schlechtes Gefühl verursachen. Dann ist man wieder in dem Kreislauf: Weil ich mich schlecht fühle, esse ich. Und weil ich mich nach dem Cheat Day noch schlechter fühle, esse ich weiter, weil ich gelernt habe: Wenn ich mich schlecht fühle, esse ich. Irgendwann bin ich in einem Kreislauf drin, bei dem es bald nicht mehr bei einer Mahlzeit bleibt. Dann bewirkt ein Cheat Day genau das Gegenteil: Ich kann gar nicht mehr aufhören.

Statt zu Diäten wird häufig auch zu intuitivem Essen geraten: Klingt erst mal nachvollziehbar, zu lernen, was dem eigenen Körper guttut und sich dementsprechend zu ernähren. Wenn man sich aber sehr für gesunde Ernährung interessiert und viel dazu gelesen hat, ist es doch schwer, noch intuitiv zu sein. Sollte man sich also lieber nicht zu viel Wissen aneignen?

Ja, das Wissen ist natürlich leicht zugänglich und häufig stößt man auf Studien, die einander widersprechen: Je mehr du liest, desto schlauer bist du am Ende – nämlich überhaupt nicht. Daher sollte man sich überlegen, in welche Detailtiefe man das treiben möchte. Irgendwann wird man nämlich feststellen, dass man sich im Prinzip von gar nichts mehr ernähren kann, weil entweder im Boden etwas drin ist, dann soll ich kein Fett essen, aber Kohlenhydrate sind auch nicht gut, zu viel Eiweiß ist auch problematisch, bei zu viel Eiern bekomme ich ein Cholesterinproblem... Man sollte sich stattdessen lieber fragen, warum man Essen für emotionale Bedürfnisse benutzt, die man in dem Moment nicht anders befriedigen kann. Wenn ich ein aktiver Mensch bin, kann ich diese Aktivität bedienen. Wenn ich ein Bequemlichkeitsmensch bin, wäre es im Coaching total falsch, demjenigen fünfmal die Woche Sport zu verordnen. Jeder sollte schauen, was für ein Typ er ist, und was wirklich passt. Vielleicht ist unter all den Ernährungstipps auch mal der richtige dabei, aber es kann für den Körper auch sehr anstrengend sein, sich ständig auf verschiedene Ernährungsformen umstellen zu müssen – ebenso wie für die Seele und den Kopf.

Was die Expertin von DNA-Tests zum Abnehmen hält und wie man ein Ernährungstagebuch ohne Kalorienzählen führt, erfährst du im vollständigen Gespräch mit Dr. Kathrin Vergin in unserem aktuellen desired-Podcast:

Vielen Dank für das Interview, Kathrin!

Wie stark beeinflussen Gefühle dein Essverhalten? Beantworte die folgenden Fragen und finde es heraus!

Bist du ein Emotional Eater?
Bildquelle:

Markus Hertrich/Vergin_Kathrin

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