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Benachteiligung, Desinteresse und fehlende Anerkennung von Eltern

Hallo ihr Lieben,

ich schreibe hier heute meinen ersten Beitrag, weil es mir überhaupt nicht gut geht.
Vorab möchte ich mich für den -vermutlich- langen Text entschuldigen. Ich muss mir einfach einmal alles von der Seele reden und weiß nicht mehr, was ich noch tun soll. Aber nun zu meiner Geschichte:

Ich bin das jüngste Kind einer Familie mit insgesamt drei Kindern. Ich (w, 28) habe zwei ältere Geschwister (w, 31 & m, 33), die seit ich denken kann, die "Lieblingskinder" meiner Eltern waren. Dazu gibt es mehrere Beispiele - doch erst ein paar Hintergrundinformationen:

Mein Bruder, der sehr klug und gebildet ist, hat schon früh sehr viele gute Noten nach Hause gebracht. Er war immer ein eher zurückgezogener Junge, der gerne Zeit alleine in seinem Zimmer am Computer verbracht hat. Später hat er schließlich ein Informatikstudium mit einem sehr guten Diplom abgeschlossen.
Meine Schwester, die in der Schule zwar immer gut, aber nicht herausragend war, war schon immer der recht häusliche Typ. Sie hat meiner Mutter viel im Haushalt geholfen und mich später "erzogen", als meine Mutter wieder arbeiten gegangen ist. Sie hat den gleichen Sport betrieben wie ich und war ansonsten (glaube ich) recht pflegeleicht.

Nun zu den Problemen:
Mein Vater, der keinen Abend ohne Bier aushält, hat mich stets mit meinem Bruder verglichen. Auch, wenn ich sehr gute Leistungen in der Schule erzielt habe, kam nie ein gutes Wort, sondern nur "Dein Bruder war da aber soundso besser!" Obwohl meine Schwester und ich den gleichen Sport gemacht haben, wurde immer bei zeitgleichen Terminen bei ihr zugeschaut, weil das "ja viel spannender und interessanter" sei. Auch in der Schule habe ich von meinen Lehrern regelmäßig gehört, warum ich nicht wie mein Bruder sein könne.

Da ich als Kind ein kleiner Freigeist war, war ich viel draußen und habe mir das eine oder andere Mal die Knie aufgeschlagen - was ich aber nicht besonders schlimm fand. Meine Eltern haben darüber immer geschimpft und gefragt, ob ich nicht vorsichtiger sein könnte. Da mein Vater jeden Tag betrunken war, haben ihm meine -damals noch frechen- Antworten nicht gepasst. Also hat er mich geschlagen und angeschrien. Ich weiß noch, wie ich als kleines Kind (ca. 7 Jahre) zusammengekauert in einer Ecke auf meinem Bett saß und mein Vater wieder auf mich einprügeln wollte. Mein Bruder (dem er nie etwas getan hätte) hat sich schützend vor mich gestellt, sodass er dann betrunken in sein eigenes Bett gestolpert ist. Die Prügelein habe ich jahrelang über mich ergehen lassen - ich dachte ja immer, dass es an meinem losen Mundwerk liegt. Als ich jedoch nur eingeschüchterte Antworten gegeben habe, hat das leider auch nichts geändert.
Zur gleichen Zeit wurde ich in der Schule gemobbt - geschlagen, getreten, geschubst, bespuckt (das volle Programm eben). Ich habe mir jeden Tag andere Ausreden einfallen lassen, warum ich nicht in die Schule gehen kann und dennoch haben meine Eltern nicht bemerkt, was los ist. Blaue Flecken und andere Wunden konnte ich gut auf meinen Sport damals schieben, sodass auch andere Menschen nichts gemerkt haben. Ich weiß nicht, warum ich damals mit allen Mitteln verstecken wollte, was Zuhause und in der Schule mit mir passiert ist - ich vermute aus Scham.
Jahre später (ich war ca. 17) habe ich meine Mutter damit konfrontiert, dass ich von meinem Vater geschlagen werde. Ihre Antwort war "Du lügst doch! Das ist doch nur wieder etwas, um dich in den Mittelpunkt zu stellen. Es wäre besser gewesen, wenn wir dich nie gezeugt hätten!" Das war hart! Ich habe meine Sachen gepackt und bin erstmal zu einer Freundin. Dann habe ich die Schule (Oberstufe) abgebrochen und eine Ausbildung angefangen. Irgendwann bin ich wieder zu meinen Eltern zurück, weil ich wirklich geglaubt habe, dass ich mir alles nur eingebildet habe.

Jahre später, in der Zwischenzeit habe ich nach erfolgreicher Beendigung meiner Ausbildung mein Abitur nachgeholt und angefangen zu studieren, war ich mit meinem Bruder feiern und er sagt zu mir "Ich weiß noch, wie du damals in der Ecke gesessen hast, panisch vor Angst, und Papa wieder auf dich einprügeln wollte. Es tut mir so leid, dass dir das alles passiert ist!" Da wurde mich klar, dass alles, was ich verdrängt habe, weil ich mir habe einreden lassen, dass es nicht stimmt, doch wahr ist. Dann kam es zunächst zum Bruch mit meinen Eltern und ich habe Monate nicht mit ihnen gesprochen. Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund zieht es mich immer wieder zu meinen Eltern, sodass ich schließlich wieder den Kontakt aufgenommen habe.

Beim Studium haben mich meine Eltern (Arbeiterfamilie) kaum unterstützt. Meinem Bruder haben sie damals viel Geld überwiesen, damit er geschait studieren kann. Ich dagegen musste in Teilzeit arbeiten, um mir mein Studium zu finanzieren. Als ich meinen ersten universitären Abschluss gemacht habe, kam kein "Wir sind stolz auf dich!"

In der Zwischenzeit hat meine Schwester ein Kind bekommen, geheiratet und ein Haus gebaut. Ich liebe dieses Kind. Ich hatte eigentlich auch immer eine gute Beziehung zu meiner Schwester. Seit das Kind da ist, ist es allerdings problematisch. Sie meldet sich nur noch bei mir, wenn sie etwas von mir will oder braucht. Es besteht keinerlei Interesse mehr an mir oder meinem Leben.

Also dachte ich mir (wer weiß, warum mir diese Anerkennung von ihnen so wichtig ist!), dass ich mich noch mehr anstrengen muss, um endlich ihre Zuneigung und Liebe und Anerkennung zu bekommen. Die Reaktionen auf die bestmöglichen Noten in der Uni sind "Und was sollen wir jetzt machen? Dir um den Hals fallen?!" Jja, zur Hölle nochmal. Eine Umarmung und ein nettes Wort täten ausnahmsweise ganz gut. Ich stehe jetzt kurz vor meinem Master-Abschluss und habe eine Promotionsstelle angeboten bekommen. Als ich das meinen Eltern erzählt habe, war die Reaktion "Ach, du willst doch nur deinen Bruder übertrumpfen!"
Das hat mich sehr verletzt. Darauf folgte wieder ein Bruch - der jedoch erneut inkonsequenterweise nach vier Wochen vergessen war.

Nun habe ich in dieser Woche die -hoffentlich- letzte Klausur meines Lebens geschrieben. In einer Familien-Gruppe habe ich ihnen das einen Tag vorher mitgeteilt. Darauf kam bis jetzt (am Montag habe ich die Klausur geschrieben) keine Reaktion. Also kein "viel Glück!" vorher oder "Wie war es?" hinterher. Das verletzt und kränkt mich, zumal sie die ganze Zeit in dieser Gruppe irgendwelche dummen Bilder (Witze) verschicken.

Ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll. Einen richtigen abschließenden Bruch bekomme ich nicht hin und ich schaffe es aber auch nicht, damit abzuschließen. Ich bin so verzweifelt und glaube, dass ich kurz vor einer Depression stehe. Mein Selbstwertgefühl ist am Boden und ich bin nur noch traurig.
Als ich meine Eltern mal auf all das angesprochen habe, hieß es "Wir können deine Schwester eben besser leiden! Und dein Bruder ist so klug, da wirst du sowieso nie mithalten können." Natürlich haben sie außerdem darauf beharrt, dass alles andere gelogen ist.

Ich bin froh, dass ich einen tollen Freund habe, der immer hinter mir steht. Er kann die Situation und di Belastung für mich aber nur bedingt nachvollziehen. Er versucht, immer für mich da zu sein, findet aber oft einfach nicht die passenden Worte.

Danke, dass ich auf diesem Weg alles loswerden konnte.

M.

von HoneyAerowen am 20.07.2018 um 15:26 Uhr
Das tut mir sehr leid zu hören wie es dir bisher ergangen ist und Hut ab, wie du trotz all diesen Steinen dir noch etwas Schönes aufbauen konntest. Familie sucht man sich (leider) nicht aus, du kannst dich glücklich schätzen einen solchen Partner an deiner Seite zu haben. Ich kann das sehr gut nachvollziehen wie das ist wenn immer nur die anderen Geschwister bis in den Klee gelobt, unterstützt etc. werden und gefühlt bei jeder Kleinigkeit alles perfekt machen und man selbst alles falsch zu machen scheint.
Kann verstehen, dass all das dazu führt dass dein Selbstwertgefühl am Boden ist - aber: Dazu gibt es keinen Grund, du bist kurz davor deinen Master abzuschließen und hast sogar eine Promotionsstelle angeboten bekommen! Da hast du doch sehr viel erreicht (und sicherlich mehr als man bei der Vorgeschichte vielleicht hätte vermuten können). Du bist sehr stark, wenn du es bis hierhin geschafft hast, da solltest du dich nicht mehr so von den Eltern (und Geschwistern) aus der Bahn werfen lassen. Du stehst schließlich auf eigenen Füßen, hast es dir selbst erarbeitet. Entweder, man hält zusammen und unterstützt sich gegenseitig oder leider nicht. Wenn von ihnen nichts kommt - dann erwarte nichts und schränke den Kontakt zumindest so weit ab, dass es dich nicht mehr belastet (auch ein kompletter Kontaktabbruch kann da hilfreich sein - würde ich zwar nicht zwingend empfehlen aber was hilft es dir wenn es dich nur noch mehr herunterzieht?). Wie sieht denn das Verhältnis zu deinem Bruder aus? Klar, die Schwester hat auch viel am Hut momentan, vielleicht könntest du mal vorsichtig schauen ob es wieder besser werden könnte indem du Zeit mit der Nichte/dem Neffen verbringen könntest (ich weiß ja nicht wie weit ihr auseinander wohnt etc.).

Fühl dich umarmt, du bist damit nicht alleine. Kenne einige in meinem Umfeld, die ähnliches durchlebt haben, glaub mir teilweise haben sie den Kontakt fast vollständig abgebrochen weil es ihnen nicht gut tat und sie sich lieber mit positiven Menschen umgeben wollten. Man lebt nur einmal.
Nochmals: Respekt vor deiner Leistung, lass dich nicht unterkriegen und zieh dein Ding auf jeden Fall durch! Vielleicht kommt ihnen irgendwann die Einsicht, vielleicht auch nicht. Aber das wäre es nicht wert, sich selbst die Zukunft zu verbauen. Viele haben dann die "Freude, Friede, Eierkuchen"-Familie vor sich, sehen alles schwarz oder weiß und vergessen, dass es noch viele Graustufen dazwischen gibt. So ist es wohl auch bei dir. Was macht dir denn Spaß? Was muntert dich auf und tut dir gut? Fokussiere dich auf diese Dinge, tu das was dir gut tut.
Alles Liebe und ich hoffe, du fühlst dich jetzt nicht mehr ganz so traurig :)

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