Paartherapie als letzter Ausweg?

Vermutlich jeder, der schon einmal miterlebt hat, wie die eigene Beziehung in die Brüche ging, kennt das Gefühl, wenn plötzlich vieles mit dem Partner schwer fällt, was früher ganz leicht war, und man beklommen beobachtet, wie sich allmählich eine Krise anbahnt. Dann kann eine Paartherapie hilfreich sein.

Stefan und Katharina sitzen gemeinsam vor dem Fernseher – wie fast jeden Abend. Katharina sucht seine Hand, Stefan greift nach der Fernbedienung. Beide fühlen sich unwohl, obwohl alles vertraut ist: Die Couch, der geliebte Partner, die Eröffnungssequenz des „Tatorts“. Katharina holt tief Luft, die Worte „Ich glaube, wir sollten mal miteinander reden“ formen sich in ihrem Kopf, sie spricht sie nicht aus und Stefan flüchtet in die Küche, um eine Tüte Chips zu holen, damit seine Hände Beschäftigung haben. Als die beiden später ins Bett gehen, dreht sich einer nach links und der andere nach rechts – voneinander weg. Eine Paartherapie könnte hier vielleicht helfen, doch kaum Paare, die sich trennen, haben das vorher versucht. Schade eigentlich! Und höchste Zeit, die Paartherapie aus der hysterischen Ecke zu holen, in der viele sie gemeinsam mit Alice Schwarzer und frustrierten Latzhosenträgerinnen (die Redakteurin entschuldigt sich für diesen unsachlichen Stereotypus) zu Unrecht verorten.

Paartherapie: Ist dann nicht sowieso schon alles zu spät?

Viele Menschen gehen für jeden dritten Kopfschmerz zum Arzt, weil sie einen Gehirntumor fürchten oder lassen sich wegen winziger Höcker ganze Nasen operieren. Die kranke Liebesbeziehung bringen leider die wenigsten zu einem Therapeuten. Dabei muss es nicht immer gleich der „Seelenklempner“ sein: Zwar sind viele Paartherapeuten Psychologen, doch auch Sozialpädagogen und Seelsorger sind in dem Beruf tätig. Überhaupt ist es ein großes Missverständnis, die Paartherapie oder Eheberatung als Psychotherapie zu sehen – eine Paartherapie ist ausdrücklich keine Heilbehandlung.

Paartherapie: So läuft sie ab

Paartherapie: Die Lösung aller Probleme?

Mitunter kann zwar die so genannte „individualpsychologische“ Arbeit wichtig für eine erfolgreiche Paartherapie sein, im Mittelpunkt steht aber, beide Partner in einen gemeinsamen Prozess einzubeziehen. Ein paar Voraussetzungen sollten für das Gelingen aber schon erfüllt sein: So müssen in einer Paartherapie beide Partner die beratende Person auch als solche akzeptieren. Der Paartherapeut ist Moderator und Begleiter – nicht mehr und nicht weniger. Sieht ihn ein Teil des Paares immer nur als Störenfried, Wichtigtuer, „diesen komischen Psychoheini“ oder aber als Schiedsrichter oder Wunderheiler, ist das Unternehmen Paartherapie zum Scheitern verurteilt. In dem Fall kann es sinnvoll sein, einen anderen Therapeuten auszusuchen. Außerdem muss die Beziehung von beiden als Gemeinschaftsprojekt gesehen werden – alle Schuld ausschließlich beim Partner zu suchen, ist der falsche Ansatz.

Eine Paartherapie ist keine Beziehungsschule

Bei einer Paartherapie geht es genau so wenig darum, einem (oder beiden) zu erklären, „wie das in der Liebe so läuft“. Jede Beziehung ist ein Unikat und es ist unmöglich, so etwas wie „beziehungsrelevantes Fachwissen“ zu vermitteln. Stattdessen soll ermöglicht werden, die jeweilige Beziehung mit den Lebenskonzepten beider Partner vereinbar zu machen: Jeder soll sich in der Beziehung (wieder) wohl und glücklich fühlen. Die Ansätze auf dem Weg dahin sind in der Paartherapie vielfältig: Mediation, also Vermittlung zwischen den Partnern mit Hilfe des Paartherapeuten, spielt eine wichtige Rolle, auch Rollenspiele (ein gestalttherapeutischer Ansatz) können manchmal hilfreich sein, zum Beispiel dadurch, dass die Partner lernen, sich in den jeweils anderen hineinzuversetzen. Oft ist das Problem in Beziehungen auch gar nicht so sehr was, sondern wie es gesagt wird – Inhalte werden mitunter kaum noch wahrgenommen, stattdessen unterschwellige Signale wie Kritik, Verteidigung, Rechtfertigung, Verachtung oder Ausgeschlossensein. Die Gründe für Konflikte in der Paarbeziehung sind vielfältig – entsprechend gibt es in der Paartherapie diverse Erklärungsmodelle. Psychoanalytische Ansätze gehen etwa davon aus, dass die Partner jeweils individuelle Konflikte noch nicht verarbeitet haben, die so den Paarkonflikt bedingen. Mehrgenerationen-Ansätze vermuten die Ursprünge des Problems in den unterschiedlichen Herkunftsfamilien und den daraus resultierenden Unterschieden in Sozialisierung, Wertesystemen und entwickeltem Selbstverständnis. Systemische Therapieansätze vermuten die Probleme in zirkulären Prozessen: Die Partner drehen sich mit ihren Konflikten im wahrsten Sinne des Wortes im Kreis. Auch tiefenpsychologische und psychoanalytische Ansätze können in der Paartherapie zum Einsatz kommen. Vermutlich gilt wie so oft, dass alle ein bisschen Recht haben.

Paartherapie: Sex und Liebe lassen sich nicht trennen

Damit wäre dann also auch diese Frage geklärt… Nein, Spaß beiseite, während man früher Paartherapie und Sexualtherapie deutlich voneinander abgrenzte, ist man inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass Beziehungsprobleme in der Regel mehrere Ebenen haben: Wenn Stefan und Katharina schon auf dem Sofa immer nur nebeneinander her starren, scheint es unwahrscheinlich, dass später im Schlafzimmer Stürme der Leidenschaft losbrechen. Deshalb geht die moderne Paartherapie davon aus, dass nur eine Veränderung des Kommunikationsverhältnisses nicht ausreicht, um eine Beziehung zu retten.

Was kostet eine Paartherapie?

Während man aus amerikanischen Filmen und Serien leicht das Vorurteil gewinnen kann, dass eine Paartherapie eine äußerst kostspielige Angelegenheit ist, die fast immer der augenrollende Ehemann bezahlt und die am Ende ohnehin nichts bringt, sieht die Realität erfreulicherweise (zumindest hierzulande) anders aus: Tatsächlich gibt es eine Menge kostenlose Angebote für Paartherapie, die in der Regel von kirchlichen Trägern bereitgestellt werden, etwa der Caritas oder der Diakonie. Keine Angst, das bedeutet nicht, dass Ihr Euch peinlich berührt mit einem Pfarrer im stillen Kämmerlein zusammensetzt – auch diese Stellen arbeiten mit speziell ausgebildeten Paartherapeuten, die im übrigen die allermeisten Probleme schon einmal gehört haben. Ihr seid zu 100 Prozent nicht das erste Paar mit einem Problem und zu 99,9 Prozent nicht das erste Paar mit diesem Problem.

Was bringt eine Paartherapie?

Natürlich ist eine Paartherapie niemals eine Garantie dafür, dass eine Beziehung gerettet werden kann (oder wird). Tatsächlich ist sie aber immerhin ein guter erster Schritt auf dem Weg dahin: Während laut Wikipedia einerseits 80 bis 90 Prozent aller Paare, die sich trennen oder eine Krise erleben, keine Paartherapie in Anspruch nehmen, erfahren andererseits rund zwei Drittel aller Paare, die es tun, eine Besserung ihrer Situation durch die Therapie. Zur Paartherapie zu gehen, bedeutet eben auch, sich Probleme bewusst zu machen und bringt den Wunsch zum Ausdruck, sie zu lösen: Wenn sich Stefan und Katharina beide bewusst entscheiden, an der Beziehung zu arbeiten, ist schon viel gewonnen. Manchmal macht eine Paartherapie leider auch deutlich, dass eine Trennung unausweichlich ist. Doch auch das kann ein Erfolg sein, denn die Situation klärt sich zumindest auf und am Ende geht es vielleicht sogar beiden Partnern wieder besser.

Eine Paartherapie ist vor allem eines: Das Eingeständnis zweier Menschen, etwas ändern zu wollen – kein Psychoquatsch, keine Liebesschule und kein Gerichtshof der Beziehungsverbrechen. Wer sich in seiner Beziehung nicht wohl fühlt, die ihm aber dennoch wichtig ist, sollte sich um Besserung bemühen – und dafür muss man sich manchmal helfen lassen.

Bildquelle: © 4774344sean / iStock / Thinkstock


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