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Interview

Beziehungscoach Aino Simon: „Offene Beziehungen sind nicht weniger loyal”

Offene Beziehungen sind nur eine Option für Menschen, die frei von jeglicher Eifersucht sind? Nicht, wenn es nach Beziehungscoach Aino Simon geht, die selbst seit vielen Jahren in einer offenen Ehe lebt. Sie hat uns erklärt, dass Eifersucht auch in alternativen Beziehungsmodellen ihren Platz hat. Viel wichtiger für eine offene Beziehung sei hingegen ein ganz anderer Aspekt, wie sie uns im Interview verraten hat.

Dies ist die gekürzte Version des Interviews. Das vollständige Gespräch kannst du dir im aktuellen desired-Podcast anhören!

desired: Hallo Aino! Du bist nicht nur Beziehungscoach, sondern lebst auch das, was du lehrst: Mit deinem Mann führst du eine offene Ehe. Wie kam es dazu?

Aino: In vergangenen Beziehungen hatte ich immer erlebt, dass ich diesen Männern fremdgegangen bin. Ich hatte so eine große Sehnsucht nach fremder Haut und nach vielfältigen Erlebnissen und Eindrücken, dass mir schnell in der Sexualität mit diesen Männern langweilig geworden ist. Ich hab diese Männer sehr gemocht und das waren auch sehr gute Beziehungen, aber es hat für mich nicht gestimmt, mich in diesem wichtigen Feld meiner körperlichen Erfahrungen einzuschränken.

Damals dachte ich noch, ich sei ein bisschen komisch oder anders. Ich hatte niemanden, der mir gesagt hat, dass das normal ist und man Beziehungen auch anders leben kann. Ich dachte, eine Beziehung ist automatisch monogam und wenn man das nicht kann, muss man das heimlich anders machen. Ich fand das blöd, dass ich meine Freunde anlüge und gleichzeitig wollte ich darauf nicht verzichten, weil das einfach wahnsinnig viel Spaß gemacht hat.

Als ich meinen Mann kennengelernt habe, haben wir festgestellt, dass es uns beiden so gegangen ist. Er hatte diese Erfahrungen auch gemacht. Wir haben ganz am Anfang viel darüber gesprochen. Als wir dann ein Paar wurden, haben wir uns in die Augen geschaut und gesagt: Wir können jetzt so tun, als wären wir ein monogames Paar. Das geht bestimmt ein paar Jahre gut, aber wir wissen ganz genau, dass der Tag kommt, dass wir damit brechen. Daher haben wir vom ersten Tag an beschlossen, dass wir uns mit unseren Wünschen einander zeigen und uns eben nicht betrügen wollen, sondern im Vorfeld über diese Themen sprechen und dann gemeinsam Lösungen finden.

Das bedeutet, dass wir keine monogame Beziehung führen, sondern eine offene. Viele Menschen denken, eine offene Beziehung ist unverbindlich oder weniger loyal. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Nach außen hin sehen mein Mann und ich aus wie ein ganz normales monogames Paar, aber wir leben zusammen eine ganz große, innere Offenheit. Das bedeutet, dass wir einander erlauben, Liebhaber oder Liebhaberinnen oder sogar Zweit-Partner*innen zu haben.

Mehr praktische Ratschläge findest du in Ainos neuem Ratgeber „Liebe lieber einzigartig: Finde das Beziehungsglück, das zu dir passt“.

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Ist es leichter, von Anfang eine offene Beziehung zu führen, anstatt eine monogame Beziehung später zu öffnen?

Es ist leichter, wenn man von Anfang an über diese Themen spricht. Es ist wichtig zu wissen, dass eine Beziehung immer ganz unterschiedliche Phasen durchläuft und dass es sehr angemessen sein kann, dass es auch geschlossenere Phasen gibt. Wenn man zum Beispiel miteinander Kinder bekommt, ist es total angemessen, sich mal nach innen zu konzentrieren. Wenn die Kinder größer sind, kann es sein, dass mehr Öffnung nach außen auch das Innen wieder belebt. Ich sehe nicht, dass ein Modell für alle und für immer stimmt, sondern es ist kontext- und bedürfnisabhängig. Deswegen finde ich es so wichtig, dass du eine Wahl hast. Beziehungen beginnen in der Regel nicht damit, dass man sich darüber austauscht, ob man monogam leben will, sondern wir sind es automatisch, denn wir lieben ja einander.

Wir haben alle diese Vorstellung im Kopf, wenn ich mich jetzt verliebe, ist die Beziehung automatisch monogam, weil Liebe eben so ist. Das ist aber nur ein Glaubenssatz.

Aino Simon

Liebe ist erstmal eine Fähigkeit, die du hast. Und du kannst deine Liebe auf alles und jeden scheinen lassen. Wenn du liebst, heißt das nicht automatisch, dass du monogam lebst oder leben musst. Es hilft enorm, wenn man am Anfang über diese Themen spricht, das empfehle ich allen Verliebten. Redet über die vielen Möglichkeiten, die es gibt und redet über die Ängste und Sehnsüchte, die da dranhängen, denn in dieser Verliebtheitsphase ist es leichter darüber zu sprechen. Es ist schwerer, wenn man viele Jahre zusammen ist und vielleicht in einer Krise steckt. Diese Fragen dann zu besprechen, tut weh, es geht aber auch.

Viele Menschen, die in monogamen Beziehungen leben, könnten sich eine offene oder polyamouröse Beziehungsform nicht vorstellen, weil sie dafür viel zu eifersüchtig sind. Kann man diese Modelle also nur ohne Eifersucht leben, oder spielt diese hier auch eine Rolle?

Ja, immer! Eifersucht ist erstmal ein Schatz. Die erste Frage ist: Was passiert, wenn du dich eifersüchtig fühlst? Wenn du dich eifersüchtig fühlst, hast du ganz unterschiedliche Gefühle. Jeder Mensch erlebt Eifersucht anders. Manche werden ganz ängstlich, andere werden superaggressiv, wieder andere werden total selbstkritisch oder bekommen Zweifel an sich selbst. Jedenfalls verliert der Mensch, der eifersüchtig ist, das Gefühl, dass er liebenswert und wertvoll ist. Vor allem verliert er auch das Gefühl, dass er sich auf die Verbindung verlassen kann. Auf einmal bekomme ich Angst, dass ich was verliere. Das weist dich darauf hin, dass du bestimmte Konflikte aus deiner Vergangenheit mit dir herumträgst, die noch nicht gut gelöst sind.

Vielleicht hängst du dein Selbstwertgefühl sehr stark an andere. Das bedeutet, dass du abhängig von dieser Liebe bist. Als Kinder sind wir abhängig von der Liebe der Erwachsenen. Wenn wir diese nicht bekommen, dann sterben wir. Deswegen ist das auch eine existenzielle Bedrohung. Wir als Erwachsene sterben nicht, wenn Liebe weggeht. Wir können das verkraften und aushalten, wenn sich Beziehungen verändern und daran wachsen wir auch.

Die Monogamie versucht, etwas einzufrieren. Es ist der Versuch, Sicherheit herzustellen. Diese Sicherheit gibt mir dann mein Selbstwertgefühl. Wenn das dann wegfällt, fühlt sich das an, als bin ich nicht mehr ich, als zerbreche ich. Was Polyamore üben ist, ihren Selbstwert nicht an andere Personen oder die Beziehung knüpfen, sondern in sich selbst finden. Jetzt ist es aber so, dass jeder Mensch Eifersucht fühlt. Deswegen können und sollten wir Eifersucht nicht abschaffen, sondern sie willkommen heißen und nutzen, um uns selber besser zu verstehen. Offene oder polyamore Paare gehen anders als monogame mit dieser Eifersucht um. Das ist meine Empfehlung an alle: Akzeptiert, dass es Eifersucht gibt und versucht nicht, diese reflexartig wegzuschieben.

Im vollständigen Podcast-Interview erfährst du, welche Strategie Aino und ihr Mann haben, um produktiv mit Eifersucht umzugehen und welche erfrischend andere Sicht die Therapeutin auf das Thema Seitensprung hat:

Würdest du mit einer offenen Beziehung gut zurecht kommen? Finde es mit unserem Test heraus!

Bist du der Typ für eine offene Beziehung?

Bildquelle: Aino Simon
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