große Männer
Nina Rölleram 23.04.2018

Als ich mich vor einigen Wochen mal wieder auf der Online-Dating-Plattform OkCupid anmeldete, kam ich ziemlich ins Grübeln. Ich hatte nämlich festgestellt, dass ich die Single-Herren nicht nur nach Profil-Übereinstimmung, sondern auch nach Körpergröße filtern kann, und setzte den Regler auf mindestens 1,80 m hoch – meine eigene Körpergröße. Damit verfalle ich anders als in anderen Bereichen meines Lebens in das gängige Rollenklischee von der Frau, die zu ihrem großen Beschützer aufsehen will. Bin ich deswegen unemanzipiert? Ehrlich gesagt ist mir das in Sachen Anziehung und Liebe ziemlich egal.

Mit der Vorliebe für große Männer stehe ich zumindest nicht alleine da. Eine niederländische Studie hat herausgefunden, dass heterosexuelle Frauen sogar besonders viel Wert darauf legen, dass ihr Partner sie überragt, im Idealfall um ganze 21 cm. Geht man von der durchschnittlichen Körpergröße deutscher Frauen von 1,66 m aus, müsste der Mann also mindestens 1,87 m sein. Derart hohe Ansprüche – im wahrsten Sinne des Wortes – habe ich persönlich nicht unbedingt, gleich groß würde mir schon genügen. Ich kann jedoch auch nicht leugnen, dass Typen jenseits der 1,90 m bei mir mehr Interesse wecken.

Laut einer aktuellen Studie sind kleinere Männer in Beziehungen oft eifersüchtiger, weil sie große Männer als Konkurrenz wahrnehmen.

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Sind Frauen beim Dating sexistisch?

Eigentlich nimmt man gemeinhin eher von den Männern an, dass sie bei der Partnerwahl und vor allem beim Online-Dating oberflächlich sind. Beim Thema Körpergröße sind es aber wohl eher wir Frauen. Als ich mich durch die Profile bei OkCupid wischte, musste ich selbst feststellen, wie wichtig mir dieses Kriterium zu sein scheint: Bei Typen, bei denen ich mir unsicher war, ob ich sie nach links oder rechts wischen sollte, entschied nicht selten die Körpergröße. Das klingt furchtbar oberflächlich, aber auf irgendeiner Grundlage muss man beim Online-Dating eben eine Entscheidung darüber treffen, ob man jemanden attraktiv finden könnte.

Über diese Oberflächlichkeit regen sich aber nicht nur kleine Männer auf ihren Tinder- und OkCupid-Profilen auf, sondern auch andere Frauen. So fordert die Kolumnistin Ann-Kathrin Mittelstrass vom Bayrischen Rundfunk mehr Lässigkeit von Frauen auf Partnersuche und fragt sich, warum selbst bekennende Feministinnen sich einen großen Mann an ihrer Seite wünschen. Christine Kewitz von Vice ist ebenfalls über dieses verstaubte Rollenklischee schockiert und findet, dass die Körpergröße genauso wenig Einfluss auf die Partnerwahl haben sollte wie Augenfarbe, Schuhgröße oder Sommersprossen. Anstatt sich an der Körpergröße zu orientieren, suche sie deshalb künftig nach einem kleineren Mann, um sich selbst mal wie die Beschützerin fühlen zu können.

Klingt in der Theorie ja nett, aber…

Als ich mir diese beiden Artikel durchlas, war meine erste Reaktion: Eigentlich haben sie ja recht. Wie kann man sich als Feministin über sexistische Rollenklischees in anderen Bereichen der Gesellschaft aufregen, wenn man sie selbst in seinem Privatleben fortführt? In Befragungen der Dating-Plattform ElitePartner zeigten sich die Frauen ähnlich aufgeschlossen und emanzipiert wie die beiden Kolumnistinnen: Körpergröße sei kein entscheidendes Thema mehr. Die Realität sieht laut der Psychologin und ElitePartner-Expertin Lisa Fischbach jedoch anders aus:

„Viele wollen einem modernen, offenen Selbstbild entsprechen und zeigen sich bei der Frage nach ihren Präferenzen ausgesprochen tolerant. Doch die tatsächliche Partnerwahl bildet die realen Dynamiken unverfälscht ab. Sie zeigt: Trotz unseres modern postulierten Geschlechterverständnisses beeinflussen offensichtlich unbewusst wirkende, tradierte, fast schon archaische Wahlmuster die Partnerwahl.“

Meine Kollegin Susanne hat bereits die Erfahrung gemacht, dass Männer von größeren Frauen verunsichert sind. Macht das eine Beziehung unmöglich?

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Muss ich beim Dating politisch korrekt sein?

Viele Frauen scheinen sich dessen bewusst zu sein, dass ihr Beuteschema im Widerspruch zu ihren sonstigen Ansichten steht. So lässt sich erklären, dass Befragungen ergeben, dass eigentlich ja nur die inneren Werte zählen, viele jedoch keine Partnerschaft mit einem kleineren Mann eingehen. Mir ist völlig bewusst, dass ich von der Körpergröße nicht auf den Charakter eines Menschen schließen kann und es bestimmt ganz viele kleine Männer dort draußen gibt, mit denen ich mich gut verstehen würde. Es ist auch nicht so, als hätte ich diese Erfahrung nicht auch schon gemacht. Jedoch bin ich mir unsicher, ob ich einen kleineren Typen wirklich attraktiv genügend finden könnte, um mich in ihn zu verlieben.

Es mag für manche furchtbar unromantisch klingen, seine Partnerwahl an einer Zahl festzumachen, schließlich weiß man letzten Endes nie, wo die Liebe hinfällt. Allerdings lässt sich doch auch nicht ausblenden, dass Attraktivität eine wichtige Rolle dabei spielt, ob man jemanden anziehend findet oder nicht – insbesondere was die Sexualität betrifft. Und da muss ich eben gestehen, dass meine Vorlieben, was Äußerlichkeiten angeht, doch sehr klischeehaft sind: Ich stehe nicht nur auf große Typen, sondern auch auf Männer mit prägnanten Adamsäpfeln, tiefen Stimmen, definierten Muskeln, starkem Bartwuchs, Brusthaar, markanten Hakennasen und Glatze oder Kurzhaarfrisur – alles Attribute, die wir mit Männlichkeit in Verbindung setzen. Obwohl ich ungern solchen Geschlechterklischees entspreche, sehe ich es in Sachen Partnerwahl nicht ein, meine Vorlieben zu leugnen, nur um politisch korrekt zu sein und mich total emanzipiert zu fühlen. Wem würde ich schließlich damit etwas beweisen wollen?

Mit meiner Körpergröße von 1,80 m begegne ich natürlich häufiger Männern, die kleiner sind als ich. Das kann nicht nur beim Online-Dating nerven, sondern auch in anderen Punkten:

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Ich kann meine Vorlieben nicht abstellen

Ich finde es wichtig, sich kritisch mit veralteten Rollenklischees in Beziehungen auseinanderzusetzen. Ich will durchaus keinen Chauvinisten an meiner Seite haben, der stets seine Männlichkeit unter Beweis stellen muss oder Angst davor hat, seine Gefühle zu zeigen. Wenn es jedoch um Äußerlichkeiten geht, kann und will ich mich nicht an feministischen Idealen orientieren. Es fühlt sich für mich einfach schöner an, mich zum Küssen nicht zu einem Kerl hinunterbeugen zu müssen und tatsächlich auch, mich an einen großen starken Mann anzulehnen. Das schließt für mich trotzdem nicht aus, dass ich in einer Beziehung mit einem großen Mann nicht auch mal die Rolle der „Beschützerin“ einnehmen kann, wenn ich ihn beim Kuscheln in den Arm nehme und ich ihm zur Abwechslung einen Kuss auf den Kopf geben kann.

Hast du auch eine Vorliebe für große Männer oder findest du es bedenklich sich bei der Partnerwahl so sehr auf die Körpergröße zu fokussieren? Schreib mir von deinen Erfahrungen in den Kommentaren!

Bildquelle:

iStock/Margaret_I_Wallace


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