Knutschen in der Öffentlichkeit

Knutschen in der Öffentlichkeit

Sie sitzen so eng umschlungen, dass es schwer sein dürfte, zu sagen, wo der eine Körper aufhört und der andere anfängt. Ihr Gesicht verschwindet zur Hälfte in seinem gierig geöffneten Mund, außer Atem schnappt Sie nach Luft, um sich dann gleich wieder seinen Küssen hinzugeben. Glucksend und kichernd kommentiert sie seine Zärtlichkeiten, als sich seine Hand zielsicher ihren Weg unter ihr T-Shirt bahnt. Auch mein Mund steht beim Anblick dieser Szene offen. Das „Will-ich-auch“-Gefühl mischt sich mit ungläubigem Staunen. Leicht errötet wende ich mich wieder meinem Cappuccino zu.

Bin ich prüde, weil sich beim Anblick eines öffentlich knutschenden Pärchens mein anerzogenes Schamgefühl meldet? Oder ist es schlichtweg unhöflich sich im Café derart zu liebkosen? Die Hemmschwelle zum öffentlichen Liebesbeweis ist in den letzten Hundert Jahren kontinuierlich gesunken. Was unsere Großeltern sich damals nur im stillen und vor allem dunklen Kämmerlein getraut haben, ist nun schon fast gesellschaftsfähig. Keusch bis zur Hochzeit, „Wilde Ehe“ und zugeknöpfte Hemdblusen werden im 21. Jahrhundert nur noch sanft belächelt; als Relikte einer Prüderie, die längst überholt scheint. Die Medien zeigen uns ein ganz anderes, aktuelleres Bild unserer Sexualität. Sex im Frühstücksfernsehen, zum Mittag und selbstverständlich im Abendprogramm: die Zeiten haben sich geändert.

Tatsächlich gibt es nichts Schöneres als die Liebe zweier Menschen zueinander. Wem entlockt der Anblick eines verliebten Pärchens nicht ein kleines, erinnerndes oder begehrliches Lächeln? Wem wird es nicht selbst ganz warm ums Herz, wenn er zwei Turteltäubchen Händchen haltend und knutschend die Straße entlang bummeln sieht? Wohl nur Zynikern oder Frisch-Geschiedenen nicht. Menschen, die sich an Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit stören wird wahlweise Prüderie oder Herzlosigkeit unterstellt. Oder Beides. Es passt einfach nicht in unsere moderne, offenherzige Welt, sich daran zu stören. Dafür haben uns die 68er schließlich den Weg geebnet, wir sind nun freie Menschen, mit dem Recht auf, mehr oder weniger, freie Liebe.

Für mich gibt es, was das betrifft nur eine Regel: Öffentliche Zärtlichkeit sollte da aufhören, wo das Vorspiel anfängt. Dem Küssen und Knuddeln sind somit keine Grenzen gesetzt und ich zeige meinem Schatz, wo auch immer wir grade sind, dass ich ihn liebe. Schließlich lässt sich Leidenschaft nicht timen. Aber wenn die Stimmung zu heiß wird, müssen wir halt zusehen, wie wir an ein etwas intimeres Örtchen kommen. Wenn ihr wisst, was ich meine.

Das bringt mich zurück zu unserem Pärchen. Die Beiden haben sich ihren leidenschaftlichen Liebesbekundungen noch etwas eine halbe Tasse Cappuccino lang hingegeben, bis die ersten Beschwerden der Zaungäste dem Treiben ein abruptes Ende gesetzt haben. Dem armen, etwas schüchternen Kellner kam dann die leidvolle Aufgabe zu, die Beiden höflich zum Gehen aufzufordern. Sichtlich beschämt haben sich die jungen Liebenden dann auch fluchtartig zurückgezogen. Sie waren wohl wirklich zu sehr in ihre kleine, erotische Welt versunken, um überhaupt zu bemerken, was um sie herum geschah. So ist ihnen weder der rüstige und entrüstete Rentner am Nebentisch aufgefallen, der schnaubend seinen Kaffee bezahlt und schimpfend das Lokal verlassen hat, noch das Pärchen mittleren Alters, dass dem Treiben gehässig tuschelnd und kopfschüttelnd, aber dennoch aufmerksam gefolgt war.

Hinter so mancher erboster Aufregung, steckt also in Wirklichkeit der Voyeurismus unserer Mitmenschen, die Schauspiele wie dieses hartnäckig verfolgen. Denn Rücksichtnahme hin oder her, wir sind schließlich freie Menschen und entscheiden selbst, ob wir hinschauen.

Was denkst Du?

Galerien

Lies auch

Teste dich