Pornosucht
Birte Imme am 25.02.2015

Der Seitensprung eines Partners erschüttert eine Beziehung enorm, zerstört sie oft sogar. Doch was passiert, wenn die Konkurrenz keine andere Frau, sondern rund um die Uhr im Internet abrufbar ist? Denn was mit ein paar pikanten Filmchen pro Monat anfängt, kann schnell zur allnächtlichen Beschäftigung und damit zu einer ernst zu nehmenden Pornosucht werden. Heutzutage ist es nämlich kinderleicht, an Pornos zu kommen – das Internet bietet eine ganze Bandbreite an heißen bis höchst perversen Streifen und jeder halbwegs klar denkende User kann sich die Filme kostenlos und jederzeit anschauen. Das ist in erster Linie eine praktische Möglichkeit, seine Lust zu befriedigen. Doch was, wenn man die Dosis Cybersex täglich braucht? Ab wann spricht man von Pornosucht? Erfahre es hier.

Es gibt Frauen, die sind schon eifersüchtig, wenn ihr Partner hin und wieder einen Porno schaut. „Reiche ich Dir nicht aus?“ oder „Wozu hast Du denn eine Freundin?“ sind häufige Fragen, die in diesem Zusammenhang fallen. Dabei ist gelegentliches Pornogucken und die damit verbundene Masturbation nun wirklich nichts Schlimmes und fallen noch lange nicht unter den Begriff Pornosucht. Es hilft dabei, schnell und unverbindlich aufgestauten Frust abzubauen, und lässt einen für einen kurzen Moment vom stressigen Alltag abschalten. Und tatsächlich schauen auch immer mehr Frauen Pornos – aus genau demselben Grund. Nun kann es aber passieren, dass sich eine Person so sehr in der virtuellen Pornowelt verliert, dass es ohne nicht mehr geht. In diesem Fall spricht man von Pornosucht. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland zwischen 200.000 und 500.000 Internet-Sexsüchtige. Neun Zehntel davon sind Männer. Wie es dazu kommt, wie sich die Pornosucht äußert und welche Folgen sie u.a. für die Beziehungen der Betroffenen haben kann, haben wir für Dich in Erfahrung gebracht.

Video: Die lustigsten Pornonamen

Wer sagt, dass Pornos nichts mit Kreativität zu tun haben, hat sich noch nicht unsere Hitliste der lustigsten Titel angeschaut. Auf solche Perlen kommt nicht jeder!

Pornosucht: Ein Phänomen des Internetzeitalters?

Zunächst einmal ist es wichtig, sich Folgendes klar zu machen: Pornografie gibt es nicht erst seit dem Internetzeitalter! In Wirklichkeit wurden schon im antiken Griechenland eindeutig pornographische Abbildungen auf Alltagsgegenstände wie Vasen oder Trinkgefäße gezeichnet und bereits damals mussten sich die Menschen entscheiden, ob sie sich in diese Bilder vertiefen wollten oder nicht. Und auch bevor das World Wide Web ein schier unendliches Angebot an Sexfilmchen zur Verfügung stellte, konnte der Voyeur in uns befriedigt werden – Bewegtbilder waren zwar Mangelware, dafür hatte der Kiosk oder die Tankstelle um die Ecke aber immer ein paar Schmuddelheftchen parat, mit denen man sich ein paar schöne Stunden, beziehungsweise Minuten, machen konnte. Dennoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die stets verfügbaren Internet-Pornos bei einer relativ kurzen Lebensdauer eine rasante Entwicklung durchgemacht haben und damit natürlich auch die Pornosucht gefördert haben. Zur Verdeutlichung: „YouPorn“ gibt es seit nicht einmal zehn Jahren (Gründung 2006), seine Konkurrenten „PornHub“ und „RedTube“ sind 2007 online gegangen. Die in Deutschland bei Google eingegebenen Suchanfragen (nach sexuellen Schlagwörtern) grenzen monatlich an die 2,5 Millionen und umfassen nicht einmal das direkte Eingeben der Internetseite in den Browser.

Was treibt Menschen in die Pornosucht?

Warum man sich selbst befriedigt, sollte wohl jedem klar sein. Doch warum brauchen so viele Menschen Pornografie, um ans ersehnte „Ziel“ zu kommen? Und geht es überhaupt nur um den Orgasmus? Oder ist es etwas anderes, das Männer in die Pornosucht treibt?
Ein erster Grund ist, dass man beim Schauen von Pornos unbeobachtet ist. Jede Rücksichtnahme fällt weg, ein Vorspiel existiert nicht (und das ist ja für viele Männer ohnehin überflüssig) und Mann kann sich – auf der Suche nach der geilsten Szene, der besten Nahaufnahme – getrost seinem Jagdtrieb hingeben. In der Pornografie geht es um das isolierte Streben nach Rausch, nach einem Glücksgefühl. Man jagt dem „ultimativen Bild“ hinterher und kehrt letztlich doch nur „verkatert“ aus dem Bilderrausch in die Realität zurück. Und trotz des Wissens, dass wir das, was wir jagen, nie finden werden, bleibt die Sehnsucht, die erst zum Zwang wird und letztlich in der Pornosucht enden kann. Die Grenze ist dann überschritten, wenn der Betroffene die Kontrolle verliert und dem Drang, Pornos zu gucken, permanent nachgeben muss. Dann kann man von Pornosucht sprechen. In einer Studie der Universität Gießen zu diesem Thema wurden die Gehirne von Sexsüchtigen im Kernspintomographen untersucht, während sie Pornos guckten. Der zuständige Professor Rudolf Stark erklärte gegenüber „bild.de“, wie das Gehirn darauf reagiert: „Durch den ständigen Konsum von Pornos entsteht eine Konditionierung. Immer mehr Anreize führen zu einem Impuls, der sich irgendwann nicht mehr unterdrücken lässt. Dann reicht oft schon der Anblick eines Computers, um erregt zu werden.“ Irgendwie skurril, wenn man von einer Maschine erregt wird, oder?

Pornosucht: Sind auch Frauen betroffen?

Da die männliche Erregung oftmals durch visuelle Reize ausgelöst wird, sind Männer anfälliger für eine Pornosucht. Frauen schauen sich zwar auch hin und wieder Sexfilme an, fliehen bei der Selbstbefriedigung aber eher in eine Phantasiewelt „ewig romantischer Liebe“. Zwar sind beide Arten eine Flucht aus der Wirklichkeit, doch nur die Pornosucht hat schwerwiegende Folgen auf das soziale Leben. Und sollte Frau doch einmal die Lust auf den besonderen Kick verspüren, zieht sie den realen Seitensprung meist einer virtuellen „Affäre“ vor – was keinesfalls bedeutet, dass das besser ist.

Pornosucht: Die Folgen für den Betroffenen

Pornosucht betrifft hauptsächlich Männer

Bei Pornosucht geht es um die Jagd nach der
geilsten Szene

Nicht nur sexuell ausgehungerte Single-Männer sind von der Pornosucht betroffen. Interessanterweise greifen auch Männer, die vergeben sind, sehr oft auf Sexfilme zurück. Und das sind nicht wenige! Wie eine Studie der Universität Gießen herausgefunden hat, leben rund 40 Prozent der Pornosüchtigen in einer festen Beziehung. Gerade in Partnerschaften, in denen Sex ein schwieriges oder gar kein Thema ist, flüchten sich Männer in die virtuelle Welt, um sich dort zu holen, was sie bei ihrer Partnerin nicht (mehr) bekommen. Auch seelische Einsamkeit, Frust oder fehlende Lebensinhalte können Motive für Pornosucht sein. Da beim anonymen Internet-Sex jedoch nur die eigene Befriedigung zählt, verlernt der Mann mit der Zeit die Fähigkeit, echten sexuellen Kontakt aufzubauen oder zu halten. Die Pornosucht zerstört nach und nach die Beziehung. Statt ein Sexualleben mit der Partnerin zu haben, wird das eigene Vergnügen heimlich alleine vor dem Bildschirm befriedigt. Hinzu kommt, dass der „normale“ Sex irgendwann nicht mehr als befriedigend, sondern schlichtweg als langweilig empfunden wird, denn der Pornosüchtige hat oftmals Fantasien, die die reale Partnerin nicht erfüllen kann oder will. Die permanente Reizüberflutung hat dazu geführt, dass die sexuelle Reizschwelle unglaublich hoch liegt und damit auch die Orgasmusschwelle beeinflusst. Das bedeutet: Es braucht sehr, sehr viel, damit der Mann überhaupt erregbar wird. Die Pornosucht erhöht aber nicht nur den Anspruch an die Partnerin, sondern auch an den Mann selbst, weil er länger, härter und besser sein will – wie die Pornostars! Versagensängste und Depressionen sind daher keine seltenen Konsequenzen der Pornosucht. Die meisten Betroffenen haben zusätzlich mit einem schlechten Gewissen zu kämpfen, da sie immer mit dem Gedanken im Hinterkopf leben, ihre Partnerin auf eine gewisse Art zu betrügen. Das sorgt sowohl für zwischenmenschliche als auch für sexuelle Blockaden.

Pornosucht: Die Folgen für die Partnerin

Wenn einer Frau bewusst wird, dass Ihr Partner aufgrund einer Pornosucht keine Lust mehr hat, mit ihr zu schlafen, sondern stattdessen jede Nacht virtuellen Bildern und Szenen nachjagt, ist das erst einmal ein Schock. Schließlich leidet das Selbstwertgefühl sehr darunter, wenn man von seinem eigenen Mann nicht mehr begehrt wird. Gleichzeitig steckt natürlich auch ein enormer Vertrauensmissbrauch dahinter, weil die Pornos nur im Geheimen konsumiert werden. Leider trägt die Frau in manchen Fällen eine indirekte Mitschuld an der Tatsache, dass ihr Partner sich in die Porno-Welt flüchtet – nämlich dann, wenn ihre Beziehung eine unterschiedliche Machtbalance hat. Wenn die Frau mehr Gefühle hat als der Mann und sich an ihn klammert und immer verfügbar ist, merkt er, dass sie ihm vollkommen sicher ist. Infolgedessen verliert sie den Reiz für ihn und macht ihn anfällig für die Reize anderer. Natürlich ist dies eine sehr drastische Aussage und bedeutet nicht, dass jeder Mann, dessen Frau ihn über alles liebt, anfällig für Pornosucht ist.

Pornosucht: So hilfst Du Deinem Partner

Entzieht sich Dein Partner Dir immer mehr und lebt seine sexuellen Triebe nur noch heimlich vor dem Bildschirm aus, leidet er höchstwahrscheinlich unter Pornosucht. Führe ein offenes, klärendes Gespräch, in dem Du ihm klar machst, dass er da alleine nicht mehr herauskommt. Hilf ihm, indem Du Dich zuallererst von eigenen Schuldgefühlen freimachst und auch ihn von Vorwürfen verschonst. Sieh Dich nicht in Konkurrenz zu den virtuellen Frauen – ganz egal, wie perfekt diese aussehen mögen. Die Pornos haben nichts mit Dir zu tun und ändern auch nichts an den Gefühlen Deines Partners. Selbst wenn er möchte, kann er vermutlich nicht mehr kontrollieren, wie oft er sich dem Bilderrausch vor dem Computer hingibt. Wenn er das auch selbst begriffen hat, könnt Ihr gemeinsam nach einer Lösung suchen. Frage ihn zum Beispiel, was ihm im Bett fehlt. Bitte ihn, nicht zu viel zu onanieren, damit er auch mit Dir seinen Spaß hat. Sollte das nicht funktionieren, weil die Pornosucht extremer ausgeprägt ist, kann eine Therapie oder der Beitritt in eine Selbsthilfegruppe helfen.

Pornosucht ist ein ernst zu nehmendes Problem, das leider immer größere Ausmaße annimmt. Denn dadurch, dass das Internet immer früher zugänglich wird, kommen Jugendliche bereits vor der Pubertät mit (teils krassen) sexuellen Inhalten in Kontakt. Was anfangs vielleicht nur Neugier auslöst, kann schnell zur Faszination werden und in eine Sucht ausufern, aus der die Betroffenen selbst nur schwer wieder heraus kommen. Insbesondere für die zwischenmenschliche Ebene ist eine Pornosucht pures Gift, da sie Menschen daran hindert, reelle (sexuelle) Beziehungen aufzubauen, was wiederum der Anfang von Bindungsängsten und Einsamkeit ist. Pornosucht kann also die erste Station in einem nicht enden wollenden Teufelskreis sein. Damit dies nicht passiert, sollte der Pornokonsum in Grenzen gehalten werden!

Bildquellen: iStock/lolostock; iStock/Jürgen François


Täglich kostenlose News zu Lifestyle, Liebe & mehr!

In zwei einfachen Schritten per WhatsApp auf dein Smartphone:

  1. Klicke auf „Start“ und schicke in WhatsApp die Nachricht ab.
  2. Speichere unbedingt unsere Nummer als „desired“, um den Newsletter zu erhalten!

Was denkst du?