Helena Serbentam 30.07.2018

Hier mal ein Gläschen Sekt zum Empfang, dann ein Feierabendbierchen – Alkohol zu trinken ist ein fester Bestandteil in unserer Gesellschaft und ‚gehört einfach dazu’. Wer da nicht mitmacht, gilt schnell als Langweiler. Ich wollte herausfinden, wie es ist, für einen längeren Zeitraum auf Alkohol zu verzichten und musste leider eine ernüchternde Erkenntnis machen.

Deshalb wollte ich auf Alkohol verzichten

Mein bisheriges Trinkverhalten

Als Teenagerin war mein Alkoholkonsum im Vergleich zu meinem Freunden sehr gering. Zu diesem Zeitpunkt haben mir die meisten alkoholischen Getränke einfach nicht zugesagt. Das erste Mal wirklich einen über den Durst getrunken, habe ich mich 16 Jahren beim Abschlusszelten. Am nächsten Tag ging es mir so schlecht, dass das Thema sich ein Jahr für mich erledigt hatte. Ich war auch nicht wirklich eine Partygängerin und als ich einen Führerschein hatte, habe ich gerne die Fahrerin gegeben. Das änderte sich alles in der Uni-Zeit. Dort habe ich das Klischee-Party-Leben einer Studentin geführt. Beim Alkohol-Selbsttest von Kenn-dein-Limit sagte mir damals das Testergebnis, dass mein Konsum einen (für Studierende üblichen) kritischen Zustand erreicht habe.

Seitdem ich aber jeden Wochentag um halb sieben aufstehen muss, um zur Arbeit zu gehen, hat sich mein Trinkverhalten von selbst reguliert. Jeden Abend Party zu machen, ist heute nicht mehr möglich. Aber ich trinke doch gerne ein Glas Wein (oder auch mal zwei) zum Abendessen. Wenn es eine Feier bei Freundinnen gibt, können es auch einige Cocktails sein. Ich glaube nicht, dass mein Alkoholkonsum in einem kritischen Zustand ist. Ich weiß aber, dass es weniger sein könnte.

Es ist nicht leicht Alkohol zu umgehen, weil er auch in vielen Lebensmitteln steckt.

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Mein Selbstversuch

Mich stört die Doppelmoral, die einige Menschen bei Alkohol an den Tag legen und so tun, als wäre es keine Droge. Außerdem werden Personen, die beim Sektempfang mal nach dem Orangensaft greifen, sofort gefragt, woran das liegen könnte: „Medikamente? Schwangerschaft? Ein ernsthaftes Alkoholproblem? Oder irgendwelche religiösen Gründe?” Und wenn keine der Ausreden passt, gilt die Person schnell als Spielverderber oder Spießer. Das sorgt für einen enormen Gruppendruck, dem ich entgehen lernen möchte.

Deshalb hatte ich mich entschlossen, während der diesjährigen Fastenzeit keinen Alkohol zu trinken (und auch keine Süßigkeiten zu essen, um keine „Ersatzdroge“ zu haben). Ich glaubte nicht, dass es mich stark in meinem Leben einschränken würde. Aber ich war gespannt, wie leicht mein Umfeld es mir machen würde und an welche Grenzen ich stoßen würde. Eine Ausnahme hatte ich von vorn­he­r­ein festgelegt, damit ich dann nicht das Gefühl hätte, versagt zu haben: Der Jahrestag mit meinem Freund fiel genau in die Fastenzeit und ich wollte mit ihm auf diesen Tag anstoßen. Also war klar: Von 40 Tagen Fastenzeit herrschte bei mir 39 Tage lang Prohibition.

Prohibitionszug in den USA

Von 1920 bis 1933 herrschte in den USA die Prohibition: Der Verkauf und Transport von Alkohol wurde verboten. Die Durchsetzung und steigende Kriminaltiät machte es jedoch schwer, das Gesetz durchzusetzen.

So war es für mich

Ein bisschen habe ich mich zu Beginn wie ein trotziges Kind gefühlt, dem gesagt wird, dass es jetzt leider 39 Tage keine Rosinenschnecken essen darf, aber alles andere schon, und dieses Kind auf einmal richtig Lust auf Rosinenschnecken bekommt. Ich habe mich sehr auf das Verbot fokussiert. Da ich mein Nicht-Trinken nicht angekündigt hatte, fragten mich dauernd Menschen, ob ich ein Glas Rotwein mittrinken möchte, im Supermarkt wurde ein neuer Sekt zur Verkostung angeboten und es ging auf Ostern zu: Überall gab es Eierlikör! Ich liebe Eierlikör! Nun gut, ich stellte schnell fest, dass ich weniger Kopfschmerzen im Allgemeinen hatte, mehr Lust mich zu bewegen und begann jeden Tag ein wenig Sport zu machen.

Im Laufe der Zeit wurde ich sicher, dass ich mich rundum besser fühlte. Die kleinen körperlichen Leiden, wie ein leichtes Stechen im Leberbereich oder geschwollene Lymphknoten, verschwanden. Mein permanentes Sodbrennen verabschiedete sich ebenfalls. Beim einmaligen Trinken eines Drinks an unserem Jahrestag wurde mir sehr schnell beschwipst zu Mute, obwohl ich sehr viel dazu aß. Das fühlte sich sehr seltsam an. Ansonsten war ich sehr stolz auf mich, dass ich mein Ziel so gut durchsetzen konnte.

Ich beim Essen mit Glas Wein

Cheatday: Nur am Jahrestag mit meinem Freund entschied ich mich, ein Glas Wein zum Essen zu trinken.

Das haben die anderen gesagt

Überraschung

Am Anfang haben die Leute so überrascht auf mein Nicht-Trinken reagiert, dass ich mich danach gefragt habe, was für einen Eindruck ich hinterlasse: „WAS? DU? KEIN ALKOHOL? FÜR SO LANGE?” Das hat mich manchmal geärgert, weil ich vorher auch keine Schnapsdrossel war.

Entzugserscheinungen!?

Mein Freund und ich waren an einem Abend mit Freunden im Restaurant, ich hatte wegen der Arbeit zwischen 13 und 21 Uhr nichts mehr gegessen und hatte einfach großen Hunger. Als dann der Kellner nur unsere gesammelte Bestellung aufnehmen wollte und die Anderen eine halbe Stunde brauchten, um sich zu entscheiden, bin ich ziemlich unfreundlich geworden. Die anderen sagten mir, dass das wohl an meinem „Entzug” liegen müsse. Nachdem ich gegessen hatte, war ich sehr zufrieden und glücklich, auch ohne Alkohol. Also nichts da mit Entzug.

Unverständnis

Ein weiteres Gespräch führte ich mit eben diesen Freunden noch mal, ein paar Tage später, beim gemeinsamen Kochen. Mir wurde gesagt: „Warum verzichtest du auf etwas, was du magst, wenn es dir bisher noch keinen Schaden zugefügt hat?” Ich musste fast lachen, weil Alkohol so vielen Menschen Schaden zufügt und dennoch als so harmlos gilt. Laut Aktionswoche Alkohol sind insgesamt74.000 Todesfälle jährlich auf Alkoholkonsum in Deutschland zurückzuführen. Niemand weiß, ob ich nicht doch sehr bald einen Schaden davontragen würde. Bluthochdruck, eine Fettleber oder Leberzirrhose sind vor allem Krankheiten, die nicht nur durch starken, sondern auch regelmäßigen Alkoholkunsum entstehen können.

 

Ist dein Alkoholkonsum bedenklich? Erfahre es in unserem Quiz:

Gemeinsam trinkt sich mehr

Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass ich Alkohol hauptsächlich in Gesellschaft konsumiere. Wenn ich abends vor einer Feier denke „Aber trinken werde ich nichts”, bin ich sehr schlecht darin, diesen Vorsatz durchzusetzen. Es reicht eine Person, die mich fragt, ob ich „ein Gläschen” mittrinke. Durch meine geplante Abstinenz musste ich dieses Verhalten ändern und habe mich dadurch auch sehr viel selbstbewusster gefühlt. Ich kann mir vorstellen, bald wieder einmal so lange auf Alkohol zu verzichten. Mir schmeckt ein Glas Wein oder Gin Tonic einfach zu gut, als das ich für immer aufhören möchte, Alkohol zu trinken. Nur versuche ich nun maßvoller zu sein.

Für alle Mal-Nichts-Heute-Trinkenden wünsche mir künftig, dass sie sich nicht immer erklären müssen. Wir brauchen keinen Grund, um mal auf einer Party nur Softdrinks zu konsumieren. Es ist einfach eine persönliche Entscheidung, die jeder hinnehmen sollte. Für mich war die Kritik der anderen an meinem Verhalten das Unangenehmste in diesem Zeitraum, während der Alkohol selbst mir kaum gefehlt hat.

 

Was denkst du über das Thema? Hast du alkoholische Abstinenz schon mal ausprobiert oder würdest es gerne tun? Teile deine Erfahrungen gerne in den Kommentaren.

Bildquelle:

iStock/IgorGeiger,istock/Thinkstock Images, Privat

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