50 Shades of Grey - Geheimes Verlangen

“Fifty Shades of Grey” erobert zurzeit die Bestsellerlisten rund um den Globus im Sturm und sorgt für reichlich Zündstoff: So manch einer spricht von der sexuellen Befreiung der Frau, während Feministinnen auf die Barrikaden gehen. Dabei erzählt das Buch doch lediglich die Geschichte von einer jungen Studentin, einem lüsternen Millionär – und ihrer Sadomaso-Beziehung.

Fifty Shades of Grey - Geheimes Verlangen

Fifty Shades of Grey – Geheimes Verlangen

“Fifty Shades of Grey” erobert zurzeit die Bestsellerlisten rund um den Globus im Sturm und sorgt für reichlich Zündstoff: So manch einer spricht von der sexuellen Befreiung der Frau, während Feministinnen auf die Barrikaden gehen. Dabei erzählt das Buch doch lediglich die Geschichte von einer jungen Studentin, einem lüsternen Millionär – und ihrer Sadomaso-Beziehung.

„Fifty Shades of Grey“ dominiert in diesem Sommer den Buchmarkt. Kaum eine Bahnhofsbuchhandlung hat nicht stapelweise den Bestseller im Angebot – und das zu Recht: Bereits über 15 Millionen Bücher der Trilogie wurden weltweit verkauft. E. L. James, die eigentlich Erika Leonard heißt und für die BBC arbeitet, schaffte das, was noch keiner Autorin vor ihr gelang: Gleichzeitig nahmen ihre Bücher die vorderen vier Plätze der US-Bestsellerliste ein. Auf Platz Vier rangierte der Sammelband der Trilogie. Seitdem liest nicht nur jeder das Buch – gerne plakativ in der U-Bahn frei nach dem Motto: „Seht nur, wie aufgeschlossen ich bin!“ Auch in den Medien kommt man kaum mehr um den Stoff herum. Rund um den Globus wurde jetzt die Debatte um die „neue sexuelle Befreiung der Frau“ losgetreten. Feministinnen echauffieren sich über die Rolle der Protagonistin als Sexhäschen, während andere den Erfolg des Buches als ein Zeichen dafür sehen, dass auch moderne Frauen sexuell dominiert werden wollen. Fifty Shades of Grey – ein Skandal?

Fifty Shades of Grey: Naive Studentin verliebt sich in Selfmade-Milliardär

Das Buch selbst kommt zunächst ganz unscheinbar daher. Ana ist 21 und Studentin, als sie dem sechs Jahre älteren Christian Grey über den Weg läuft. Christian ist ein Wahnsinnsfang: Er ist ein wahrer Adonis, gebildet und kultiviert und noch dazu Selfmade-Millardär. Ja, richtig: Millardär („Christian ist reich. So reich wie Bill Gates“). Kein Wunder also, dass Ana sich Hals über Kopf in ihren Traumprinzen verliebt und darüber völlig die Besinnung verliert: Christian muss nur mit dem Finger schnippen oder ihr die Welt in Form von teuren Geschenken zu Füßen legen, schon lässt sich die arme Studentin spontan auf eine vertraglich geregelte Sadomaso-Beziehung mit ihm ein. Denn: Er kann niemanden lieben, ohne ihn zu dominieren („Ich schlafe nicht mit jemandem, ich ficke… hart“). Die Regeln des unanständigen Vertrages sind allerdings streng: Ana muss als sogenannte „Sub“, also Untergebene, rund um die Uhr bereit für den dominanten Mr. Grey, ihren „Dom“ sein, sich von ihm Reisen und Kleidung spendieren lassen und für genügend Schlaf und gesunde Ernährung sorgen. Schnell wird das neue Leben für Ana zur Herausforderung – immerhin wünscht sie sich nichts mehr als eine liebevolle Beziehung zu Christian.

Anstrengender Schreibstil mit einem Hauch Sigmund Freud

Zunächst einmal ist anzumerken, dass der Schreibstil von E. L. James vor allem eines ist: Anstrengend. Leider wirkt der Wortschatz recht einfallslos und wer sich Sexszenen fernab der Klischeebegriffe wünscht, ist hier falsch: Um abgedroschene Floskeln à la „seine riesige Erektion drückte sich gegen meinen Schenkel“, „Seine Worte lassen mich in eine Million Stücke explodieren“ und „ich fahre mit meiner Zunge über seine Eichel“ kommt auch Fifty Shades nicht herum. Dabei fällt insbesondere auf, dass die Übersetzung nicht allzu gelungen ist: Wenn James von „just fucked-up hair“, also quasi „frischgeficktem Haar“ redet, lesen wir in der deutschen Fassung nur von „postkoitalem Haar“, was doch sehr trocken klingt. Schade eigentlich. Hinzu kommt das – sogar für Fans – sehr nervenzehrende permanente Zwiegespräch Anas mit ihrer inneren Stimme, ihrer sogenannten „Inneren Göttin“. Die Innere Göttin ist quasi die allzeit bereite Gedankenwelt der Protagonistin, die am liebsten nackte Purzelbäume im Kreis um Christian Grey herum schlagen würde – wäre da bloß nicht Anas Gewissen, das sich regelmäßig meldet und ihr zu klügeren Entscheidungen rät. Hier hat E. L. James mal eben vom guten alten Freud abgeschrieben und dessen Instanzenmodell auf ihre Hauptfigur in Fifty Shades of Grey übertragen, die sich zwischen Ich und Über-Es zerrissen fühlt.

Fifty Shades of Grey.

Fifty Shades of Grey.

Parallelen zu “Twilight”

Wer bereits die „Twilight“-Reihe gelesen hat, wird nicht umhin kommen, gewisse Parallelen zu Stephenie Meyers Vampirepos zu entdecken. Zu Recht, immerhin ist Fifty Shades Of Grey ursprünglich als Fan Fiction zu Twilight entstanden. Die Autorin klickte sich durch Twilight-Fan-Foren und beschloss, die Geschichte weiterzuführen, womit sie großen Anklang bei den Fans fand. Für die Veröffentlichung wurden Bella und Edward dann lediglich umgetauft und bekamen einige eigenständige Charakterzüge verpasst. Der frappierendste Unterschied zu Meyer ist hier noch, dass Christian Grey nicht in der Sonne glitzert wie Edward – aber was soll’s, immerhin kann er seine Angebetete ja dafür mit seinem Privatjet beeindrucken.

Fifty Shades of Grey: Botschafter des Keuschheitskults?

Ein weiterer Punkt, in dem Twilight und Fifty Shades Of Grey als Verbündete daherkommen, ist übrigens, wer hätte das gedacht, der vermittelte Keuschheitskult. Wer sich hier von den Sexszenen aufs Glatteisen führen lässt, sollte nochmal ein wenig zurückblättern und sich auf die Kernaussagen des Buches konzentrieren: Ana ist mit 21 noch völlig unerfahren, was Männer betrifft – sogar für Masturbation fühlte sie sich bisher zu unschuldig. So ist Christian Grey der erste, dem sie sich hingibt, und er beginnt das Schauspiel natürlich mit einer so zärtlich-romantischen Liebesnacht, wie jedes Teenagermädchen sie sich erträumt. Die „Kein Sex vor der Ehe“-Moral einer Stephenie Meyer kommt hier übrigens ebenfalls nicht zu kurz, wenn auch gut maskiert: Ana zögert zwar nicht, ihre Unschuld mal eben dem mysteriösen Mann zu schenken, den sie noch nicht einmal eine Woche lang kennt, später wird allerdings artig geheiratet. Das Keuschheitsprinzip geht also auf. Des Weiteren ist Grey es, der seine Geliebte immer wieder zu einem anständigen Lebenswandel ermahnt: Sie soll doch bitte keinen Alkohol trinken, regelmäßig Sport treiben, nicht rauchen, für ausreichend Schlaf sorgen und sich gesund ernähren. Ein echter Saubermann also.

Ausgefallene Spielarten bleiben ein Tabu

Leser, die sich von Fifty Shades of Grey tatsächlich erotische Bereicherungen versprechen, werden leider nicht auf ihre Kosten kommen. E. L. James beschreibt die lustvollen Begegnungen zwischen Ana und Christian sehr detailreich und für die meisten Leser dürfte das weinrote Spielzimmer des Milliardärs, in dem Flogger, Handschellen und Ledermasken zu finden sind, ganz schön verrucht wirken – doch neben seitenlangen Gesprächen über die Praktiken von Mr. Grey erfolgt keine echte Handlung. Das Äußerste, zu dem es zwischen den beiden Protagonisten kommt, sind einige – zugegeben recht animalische – Sexszenen und ein paar Züchtigungen von Anas Kehrseite. Ausgefallenere Spielarten bleiben ein Tabu für die unschuldige Ana, die schon nach einigen Klapsen auf ihr Hinterteil in Tränen ausbricht. Darüber hinaus dürfte gerade so manche Leserin sich doch ein wenig daran stoßen, dass Ana mit geradezu unmenschlichem Lustempfinden aufwarten kann: Selten braucht es länger als ein bis zwei Minuten des Liebesspiels, bis sie den Höhepunkt ihrer Lust erreicht – gelegentlich reichen sogar zarte Berührungen ihres Liebsten im Dekolleteebereich, um sie mal wieder „vor Lust zerspringen“ zu lassen.

Protagonistin lässt sich mit teuren Geschenken verführen

Dass Feministinnen Fifty Shades Of Grey trotz der harmlosen Softporno-Erotik als degradierend für die Rolle der Frau wahrnehmen, ist auch ohne ausschweifend beschriebene Orgien verständlich. Immerhin wird die zart besaitete Ana auf 382 Seiten fortwährend in die Opferrolle gedrängt: Sie trifft selten durchdachte Entscheidungen, sondern lässt sich vom gutaussehenden Neureichen mit Privatjet und teuren Geschenken blenden. Dabei muss sie regelmäßig von ihrem Mr. Charming „gerettet“ werden und wird letztlich auf ihr bezauberndes Äußeres reduziert: Sie ist naiv, leicht zu beeindrucken und besitzt kein Selbstbewusstsein, was sich darin äußert, dass sie Christian nach und nach geradezu hörig wird. Schade für ihre ansonsten sympathische Rolle.

Fifty Shades of Grey – Befreiungsschlag für die moderne Frau?

Wer im Zusammenhang mit Fifty Shades of Grey von der sexuellen Befreiung der modernen Frau spricht, liegt falsch. Ja, die moderne Frau darf zu jeder Form des sexuellen Ausdrucks stehen, und wenn sie sich gerne dominieren lassen möchte, ist das ihr gutes Recht. Doch das ist keineswegs die Botschaft des Romans. Wenn wir nur an „Belle de Jour“ zurückdenken, den bahnbrechenden Film und Meilenstein der sexuellen Revolution, fallen die deutlichen Unterschiede ins Auge: Catherine Deneuve spielte die frustrierte Gattin eines gut betuchten Arztes, die sich nach Unterwerfung sehnt und sich daraufhin im Freudenhaus anstellen lässt, um sich abends scheinheilig wieder an ihren Mann zu kuscheln. Während sie allerdings sexuelle Ausschweifungen erlebt und echte Erfahrungen mit Praktiken wie Bondage und Demütigung macht, verliert sich Ana in romantischen Tête-à-têtes mit ihrem fast perfekten Traummann, der zunehmend handzahmer wird. Von echter Unterordnung oder gar Sadomasochismus ist in Fifty Shades of Grey keine Spur – es wird lediglich darüber geredet.

Christian Grey: Der Traummann, wie er im Buche steht

Des Weiteren entpuppt sich Christian Grey zunehmend als „einer von den Guten“, da er Gefühle für Ana entwickelt und sich herausstellt, dass er nur aufgrund seiner harten Kindheit die ominöse SM-Vorliebe pflegt: Er muss ein Trauma verarbeiten. Nicht nur ist das ein ungalanter Seitenhieb auf alle, die tatsächlich Sadomasochismus praktizieren, und das nicht aufgrund eines Kindheitstraumas, sondern, weil es ihnen Lust bereitet. Darüber hinaus macht auch die charakterliche Entwicklung Christians deutlich, dass das Buch nicht etwa einen solchen Hype auslöst, weil sich die weibliche Leserschaft nach dominantem Sex sehnt – vielmehr werden die typischen Disney-Ansprüche an den Traumprinzen auf seinem weißen Pferd erfüllt. Christian Grey ist liebevoll, sexy, verkörpert dank seiner Eifersucht und dem herrischen Unterton die stereotypen Eigenschaften eines Machos, besitzt große Macht und lässt sich noch dazu dank seiner schweren Kindheit so herrlich bemitleiden: Der harte Schurke, der eigentlich nur geliebt werden möchte. Dieser Typus des Traummannes wird seit Jahrzehnten in den Medien erfolgreich vorgestellt – da macht auch das angebliche Skandalwerk keine Ausnahme.

Fifty Shades of Grey ist unterhaltsam, birgt aber keineswegs die sexuelle Revolution, die es verspricht. Wer sich auf Grund des Trubels rund um das Buch gerne selbst von seinen Qualitäten überzeugen will, sollte genau das tun – nur so lässt sich die Debatte, die es ausgelöst hat, verstehen. Allerdings hat die Diskussion rund um das angebliche Skandalbuch wenig mit dem zu tun, was sich tatsächlich dahinter verbirgt.

Bildquellen: Melissa Connors / Dreamstime.com / Getty Images / Saol Loeb / AFP / Bulls / News international


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Was denkst du?

  • LadyHamburg am 12.09.2012 um 13:06 Uhr

    Mir gefallen die Bücher auch 🙂 Bin gespannt auf Teil 3. Spannend bis zum Schluss,alles andere als Langweilig ^^

    Antworten
  • Angimaus93 am 11.09.2012 um 12:45 Uhr

    Also ich finds ziemlich gut.

    Antworten
  • nanni0660 am 09.09.2012 um 21:13 Uhr

    Genau auf den Punkt gebracht. Einfach furchtbar schlecht geschrieben, finde ich

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  • TheGirlNextDior am 04.09.2012 um 13:48 Uhr

    Die Bücher sind gar nicht soooo schlimm wie sie im Fernsehen dargestellt werden 🙂

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