Selbstverteidigung für Frauen
Jessica Tomalaam 23.08.2017

Ein ungutes Gefühl auf dem Nachhauseweg, wenn dir eine Gruppe von Männern entgegenkommt oder jemand plötzlich vor oder hinter dir steht. Als Frau (und sicherlich auch als Mann) geht einem häufig die Pumpe, wenn man sich in einer solchen Situation befindet. Aber wie verhält man sich im Ernstfall? Ich habe meine Kollegin Anett Pohl, die in Berlin einen Selbstverteidigungskurs für Frauen anbietet, nach den wichtigsten Tipps und Techniken gefragt, die dir im Notfall helfen können.

Viele Techniken, die Anett im Selbstverteidigungskurs lehrt, stammen aus dem „Krav Maga“. Die Nahkampftechnik mit Ursprung in Israel ist inzwischen weltweit bekannt und wird nicht mehr nur von der israelischen Armee und dem Geheimdienst Mossad ausgeübt, sondern eben auch zur Selbstverteidigung von Privatpersonen genutzt. „Das Ziel der Krav Maga-Techniken sind in diesem Fall, sich gegen einen Angriff zu wehren und Zeit zu gewinnen, um sich aus der Gefahrensituation zu entfernen“, erklärt Anett, die seit vier Jahren Krav Maga ausübt.

Regelmäßig trainiert sie die grundlegenden Schlag- und Tritttechniken, die du dir im ersten Video anschauen kannst:

Mit den Techniken kannst du dich und andere schützen

Bei den Kursteilnehmerinnen im Alter von 15 bis 46 Jahren waren derartige, mulmige Situationen wie oben beschrieben übrigens manchmal der Grund, warum sie sich für den Selbstverteidigungskurs angemeldet haben. Jetzt lernen sie, wie sie sich und andere durch abblocken, schlagen und treten schützen können. Anetts Ziel ist es übrigens, dass die Teilnehmerinnen irgendwann in die gemischten Kurse wechseln, damit sie sehen, dass die Techniken auch bei Männern erfolgreich sind.

Im zweiten Video zeigt sie dir mit Steve Hansche, dem Besitzer des Kampfkunststudios CORE in Berlin, wie du dich aus dem Griff oder einer Umklammerung des Angreifers lösen kannst:

Scanne deine Umgebung

Im Kurs lernt man neben den Techniken und Griffen auch, wie man die Umgebung checkt. „Da ist es zum Beispiel wichtig, dass Kopfhörer rechtzeitig aus dem Ohr genommen werden, man schaut, ob es noch Ausweichmöglichkeiten gibt und sich psychisch darauf vorbereitet, dass man gleich vielleicht einen Angriff abwehren muss“, erklärt meine Kollegin. Außerdem werden auch Stresssituationen geübt: Da wird die Musik aufgedreht und die Angriffe werden zum Teil im Dunkeln und gleich mit mehreren Angreifern simuliert.

Auch die Situation, vor der wohl jede Frau am meisten Angst hat, wird geprobt:Was tue ich eigentlich, wenn jemand bereits auf mir liegt? Im Video zeigt Anett dir, wie du dich aus dieser Lage befreien kannst:

Angriffsmittel: Selbstvertrauen und deine Stimme!

„Das Wichtigste, das man im Kurs lernen kann, ist sein Selbstvertrauen zu stärken“, sagt Anett. „Denn das Vertrauen in dich selbst ist vielleicht der Grund dafür, dass du eben nicht angegriffen wirst.“ Wenn du aber mal in eine Notsituation gerätst, solltest du das Selbstvertrauen haben, auch wirklich zuzuschlagen. Aus ihrer Erfahrung als Trainerin kann Anett sagen, dass dieser Schritt die meiste Überwindung kostet. „Außerdem musst du mit lauter Stimme kommunizieren ‘Ich möchte das nicht, lass mich in Ruhe’!” Vergessen solltest du auch nicht, laut um Hilfe zu schreien, um andere auf dich aufmerksam zu machen und den Angreifer zu verunsichern. „Und dann musst du bereit sein, dich zu verteidigen“, rät Anett, die übrigens über Tai Chi zum Krav Maga gekommen ist.

Weitere Tipps, mit denen du dich schützen kannst:

  • Die wichtigste Voraussetzung: Wille und Entschlossenheit für den Ernstfall!
  • Ein Tritt in die Eier kann richtig ausgeführt (immer mit dem Spann, nie nur mit den Zehen!) eine gute Abwehrmethode sein, wenn man den Mann unvorbereitet trifft. Leider ist er keine Allzweckwaffe!
  • Von wegen in High Heels kann man nicht gut kämpfen: Ein Tritt auf den Mittelfuß mit hohen Schuhen ist gleich viel effektiver!
  • Mit flacher Hand Richtung Gesicht und Hals des Angreifers zu schlagen, reicht manchmal schon aus, damit sich sein Griff lockert und du fliehen kannst.
  • Nicht in Schockstarre verfallen und aufgeben: Auch wenn nur ein guter Tritt oder Schlag durchkommt, kann das deine Chance zur Flucht sein!
  • Beim Krav Maga gibt es verschiedene Techniken, die je nach den eigenen körperlichen Gegebenheiten effektiv eingesetzt werden können. Auch wenn der Angreifer größer und schwerer ist als du, bedeutet das nicht, dass du dich nicht gegen ihn wehren kannst!

Ich habe gleich nach meinem Gespräch mit Anett ein paar ihrer Selbstverteidigungstipps an meinem Freund ausprobiert (sorry nochmal!) und war froh, dass sie wirklich effektiv waren. Natürlich hoffe ich, dass ich niemals in so eine Situation gerate, aber ich fühle mich etwas wohler, wenn ich zumindest ein paar Techniken kenne, mit denen ich mich schützen kann. Hast du dich schon mal in so einer fürchterlichen Situation befunden und dich vielleicht mithilfe einiger Tipps retten können oder hast du vielleicht sogar noch andere Abwehrtechniken parat, die du teilen möchtest? Ich freue mich auf deine Meinung in den Kommentaren!

Bild- und Videoquellen: iStock/MrKornFlakes, desired/Leon Klamand


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Was denkst du?

  • ninaa_lyn am 26.08.2017 um 16:16 Uhr

    Tolle Selbetsverteidigungstipps, danke! sind das denn alles Maßnahmen, NACHDEM ich lauthals um hilfe schreie und erste versucht habe panisch wegzurennen oder soll ich schreien und fliehen überspringen? soll ich vor dem ersten Schritt des Angreifers auch schon in Kampfposition gehen, um zu suggerieren, dass ich mich ggf wehre oder ist das Überraschungsmoment besser in solchen Situationen?

    Antworten
    • Anett Pohl am 26.08.2017 um 19:42 Uhr

      Hallo Nina, Danke für deinen Kommentar! Gerade als Frau ist das Überraschungsmoment dein Freund. Denn wenn der Angreifer Gegenwehr erwarten würde, würde er dich nicht angreifen. Sie suchen immer Opfer, keine Gegner. Was Schreien und Wegrennen angeht: Das ist immer ganz von der Situation abhängig. Wenn du es vorher schaffst, der Angreifer also noch nicht nah genug dran ist, um zuzugreifen, dann gern laut werden und die Distanz vergrößern, also wegrennen. Wenn der Täter schon sehr nah dran ist, du beim Wegrennen also keinen großen Vorsprung hättest, dann würde ich eher raten, mit ihm zu reden, die Situation versuchen zu deeskalieren und wenn es sein muss dann aber doch zuzuschlagen/treten. Und dann nichts wie weg. Das wichtigste ist hier auch, wie im Artikel gesagt, dass man sich seiner Umgebung bewusst ist, um selber nicht überrascht zu werden. Und manchmal reicht auch ein Wechsel der Straßenseite, um einer brenzligen Situation zu entgehen. Ich hoffe, das hilft dir. LG Anett

  • ahsh7Gahk4bo7 am 24.08.2017 um 12:02 Uhr

    Coole Tipps dabei, die sicherlich auch für Männer sehr hiflreich sind. Hat die anett diese denn mal in der Praxis anwenden müssen? Vermutlich führt das Selbstbewusstsein u.a. dazu, dass man eine andere Ausstrahlung hat und mit geringerer Wahrscheinlichkeit Opfer qird?!

    Antworten
    • Jessica Tomala am 24.08.2017 um 13:01 Uhr

      Absolut! Diese Tipps helfen natürlich auch Männern in brenzligen Situationen;) Und wie Anett schon sagt, durch das Training wird dein Selbstvertrauen enorm gestärkt. Wahrscheinlich auch ein Grund, warum sie glücklicherweise noch nie in eine Situation kam, in der sie sich hätte selbst verteidigen müssen!

  • Nina Röller am 23.08.2017 um 12:21 Uhr

    Ich finde es wichtig, dass es bei Krav Maga auch um die Stärkung des Selbstbewusstseins geht. Gerade der Punkt, dass man sich laut bemerkbar machen sollte, ist wohl war, würde mir aber ungeheuer schwer fallen. Ich hätte dringend mal ein Schrei-Training nötig! ?

    Antworten