Selfies Suizid
Nina Rölleram 20.06.2018

Hätte man vorher nicht Anzeichen erkennen müssen?“ Diese Frage stellen sich wohl fast alle Angehörigen von Personen, die sich das Leben genommen oder es versucht haben. Das äußere Erscheinungsbild ist nur selten ein Indikator dafür, was in suizidalen Menschen wirklich vorgeht, wie einige Betroffene kürzlich auf Twitter veranschaulicht haben. Unter dem Hashtag #SmilingWithMentalIllness zeigen vor allem viele junge Frauen, wie glücklich sie kurz vor ihrem Suizidversuch auf Selfies aussahen.

Der Mai gilt in den USA schon seit 1949 als „Mental Health Awareness Month“, also ein Aktionsmonat, in dem verstärkt über psychische Erkrankungen aufgeklärt wird. Auf Twitter nutzten viele Betroffene den Monat dazu, um Depressionen, Zwangsneurosen, Essstörungen oder Angststörungen ein Gesicht zu geben. Während die einen unter dem Hashtag #ThingsPeopleSaidAboutMyMentalIllness von all den dummen Sprüchen erzählten, die sie von ihrem Umfeld schon zu hören bekommen haben, posteten andere heiter wirkende Fotos, die mich persönlich sehr berührt haben.

Es ist so einfach, glücklich auszusehen

Würdest du beim Anblick dieser jungen, hübschen Frau vermuten, dass sie sich nur zwei Tage nach Entstehen der Fotos versucht hat, sich das Leben zu nehmen? Mit dem Hashtag #SmilingWithMentalIllness möchte die mittlerweile 24-jährige Elle aus New Jersey verdeutlichen, dass man auch an seinem absoluten Tiefpunkt nach außen hin glücklich aussehen kann. Unter ihre Selfies kommentiert sie sarkastisch: „Ich habe zwei Tage später versucht mich umzubringen und war zwei Wochen lang im Krankenhaus. Aber ich sehe gut aus, also geht es mir wohl auch gut.“

Niemand hat etwas geahnt

Dass sich Erfolgserlebnisse wie der bestandene Universitätsabschluss und Depressionen nicht ausschließen, zeigen die Fotos von Sophie-J aus England. Unter ihren Fotos schreibt sie auf Twitter: „Am Tag meines Abschlusses sagte mir jeder, wie mutig und schön ich bin. Sie alle wussten nicht, dass ich erst eine Woche vorher versucht hatte, mir das Leben zu nehmen und, dass ich in den darauf folgenden drei Monaten meinen nächsten Suizidversuch planen würde.“

Depressionen haben kein Gesicht

Während viele Frauen Selfies posteten, die sie in der Zeit vor ihrem Suizidversuch zeigen, veröffentlichte die Londonerin Chloe Bellerby ein Foto, das sie hinterher und vermeintlich glücklich zeigt. Chloe, die mittlerweile Aufklärungskampagnen über psychische Krankheiten organisiert, kommentiert unter dem Bild: „Das war an dem Tag, als ich von der Klinik entlassen wurde, nachdem ich versucht hatte, mir das Leben zu nehmen. Ein Lächeln kann so viele Menschen täuschen! Nach außen hin wirkte ich glücklich und zufrieden mit meinem Leben. Was sich in Wahrheit in mir abspielte, war unfassbar düster. Depressionen haben kein Gesicht.“

Die Unfassbarkeit bleibt

Dass gestellte Fotos auf Twitter, Instagram oder Facebook häufig nicht die Realität wiedergeben, wissen wir im Grunde genommen alle. In Phasen, in denen ich selbst mit Depressionen oder sehr schmerzhaften Trennungen zu kämpfen hatte, habe auch ich trotzdem noch Bilder von mir gepostet, auf denen ich glücklich wirkte. Social-Media-Plattformen können schließlich auch ein willkommener Ausbruch aus der bedrückenden Realität sein. Trotzdem merke ich, wie sehr mich die #SmilingWithMentalIllness-Posts erschüttern, denn sie führen vor Augen, wie viele Menschen suizidale Gedanken haben, ohne dass ihr Umfeld dies realisiert.

Als ich kürzlich davon erfuhr, dass der Koch und Autor Anthony Bourdain sich überraschend das Leben genommen hatte, war ich ebenfalls sehr erschüttert. Als großer Fan habe ich seine regelmäßigen Instagram-Posts verfolgt, in denen er begeistert von vortrefflichen Gerichten, aktuellen Projekten und auch der Liebe zu seiner Tochter schrieb. Mein erster Impuls, als ich die Todesnachricht las, war daher auch, auf Anthony Bourdains Instagram-Kanal zu gehen. Ganz so, als könnten all die Fotos kurz vor seinem tragischen Tod eine Erklärung für das Unfassbare liefern. So schmerzlich es jedoch ist, nicht immer lassen sich bei Suizidfällen im Nachhinein Anhaltspunkte für die verzweifelte Lage finden, in die sich der Betroffene befunden haben muss.

Die #SmilingWithMentalIllness-Posts haben mir daher noch mal ins Bewusstsein gerufen, dass ich das Gespräch mit Menschen in meinem Umfeld suchen sollte, wenn ich vermute, dass es ihnen psychisch nicht gut geht – selbst wenn sie nach außen hin erfolgreich und glücklich wirken. Nicht jeder Suizid kann zwar von einem aufmerksamen Umfeld verhindert werden, aber ich finde es wichtig, dass solche Aktionen Menschen vor Augen führen, dass Depressionen und suizidale Gedanken keine Seltenheit sind und hoffentlich mit der Zeit enttabuisiert werden.

Solltest du oder eine dir nahe stehende Person unter suizidalen Gedanken, Depressionen oder anderen psychischen Problemen leiden und weißt nicht mehr weiter, kannst du dich für einen ersten Rat anonym, kostenlos und rund um die Uhr an die Telefonseelsorge unter 0800/1110111 und 0800/1110222 wenden. Ebenso ist eine Beratung via Email möglich unter https://ts-im-internet.de. Weitere hilfreiche Informationen findest du auf http://www.telefonseelsorge.de.

Bildquelle:

iStock/penguinline


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