Getrennter Unterricht

Dass Jungen und Mädchen getrennten Unterricht bekommen, ist in Deutschland selten. Experten weisen aber auf die unterschiedlichen Anforderungen der Geschlechter hin.

Monoedukation, der nach Geschlechtern getrennte Schulunterricht, ist in Deutschland sehr selten. An den meisten deutschen Schulen werden Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet. Koedukation nennt sich dieses Prinzip. In Nordrhein-Westfalen gibt es beispielsweise nur noch 27 reine Mädchen- und 14 reine Jungenschulen. Seit den 60er und 70er Jahren vollzieht sich der Wandel von der Mono- zur Koedukation. Im Rahmen der Pisa-Studie wurde die bildungspolitische Frage nach dem Sinn von auf Geschlechter abgestimmtem Unterricht allerdings noch einmal aufgeworfen.

Getrennter Unterricht und die Frage nach der Geschlechtergerechtigkeit

Weniger als ein Prozent der deutschen Schüler besucht eine nach Geschlechtern getrennte Schule. Allein in den letzten zehn Jahren wurden deutschlandweit weitere sechs Mädchen- und sieben Jungenschulen geschlossen. „Die koedukative Idee steht hin und wieder im Widerspruch zur Erkenntnis, dass reine Mädchen- oder Jungenschulen auch Vorzüge haben“, so der Bielefelder Bildungsforscher Rainer Dollase. Er sieht die sinkende Zahl der Schulen, an denen getrennter Unterricht gegeben wird, als „vor allem der sinkenden Schülerzahl geschuldet. Die Schulen müssen Jungen aufnehmen, um genug Schüler zu behalten.“ Ein Trend hin zur reinen Koedukation in Deutschland? Nicht unbedingt. „Dennoch ist das Thema Geschlechtergerechtigkeit in der Schule nicht tot“, sagt Olaf Köller, Bildungsforscher an der Uni Kiel. „Es ist sogar mit den Pisa-Studien noch mehr in die Öffentlichkeit gerückt.“ Im Rahmen der Pisa-Studie wurde deutlich, dass die männlichen Schüler in Deutschland 2009 im Lesen weit schlechter abschnitten als die weiblichen, im naturwissenschaftlichen Bereich aber knapp bessere Ergebnisse erzielten. Doch was lässt sich aus dieser Erhebung ablesen? „Bisher hat man sich nur gefragt, was man für die Mädchen tun kann“, erklärt Köller. „Jetzt fragt man sich auch, was wohl den Jungen fehlt.“ Eine Schieflage besteht also nach wie vor. Waltraud Cornelißen, Sozialogin beim Deutschen Jugendinstitut in München, bezeichnet diese Schieflage sogar als „Redramatisierung von Bildung und Geschlecht“. „Jungen werden seltener als Mädchen vorzeitig eingeschult und häufiger zurückgestellt, Jungen bleiben häufiger sitzen, Jungen besuchen häufiger eine Sonderschule.“

In der Bildungsgerechtigkeit besteht noch immer Schieflage.

Getrennter Unterricht in bestimmten Fächern kann ein Mittelweg sein.


Ist getrennter Unterricht eine Lösung in der Frage nach mehr Bildungsgerechtigkeit?

Olaf Köller ist sich sicher: „Das Problem der Jungen entsteht nicht durch die Koedukation, sondern durch hartnäckige Stereotypen. Zum harten Macker passt es eben nicht, dass er gerne liest.“ Daraus erwächst die Erkenntnis, dass Mädchen andere Ansprüche an Bildung haben als Jungen. „Jungen und Mädchen kommen in getrenntem Unterricht zwar ungefähr gleich schnell voran“, betont Rainer Dollase, „aber Jungen stören sich weniger an Leistungsunterschieden als Mädchen, sind insgesamt deutlich unruhiger, kommen schneller zur Sache und ziehen den Frontalunterricht vor. Mädchen tendieren eher zu ‚modernen’ Formen wie Gruppen- und Projektarbeit.“ Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, versuchen viele Schulen jetzt, einen Mittelweg zu finden. In einzelnen Fächern kann der Unterricht nach Geschlechtern getrennt durchgeführt werden, um besonderen Anforderungen der Schüler besser gerecht zu werden. Die Entscheidung liegt im Ermessen der Schulen. Konkrete Erhebungen zu den Auswirkungen dieses Unterrichtsprinzips gibt es deshalb bislang nicht. Sylvia Löhrmann, die nordrhein-westfälische Ministerin für Schule und Weiterbildung, hält es für wichtig, ein Bewusstsein für die geschlechterspezifischen Anforderungen an Schulbildung zu entwickeln: „Es kommt darauf an, dass wir dem unterschiedlichen Zugang von Jungen und Mädchen zum Lernen gerecht werden“, betont sie. Getrennter Unterricht in bestimmten Fächern, beispielsweise aus dem naturwissenschaftlichen Bereich, könne hierfür ein erster wichtiger Schritt sein.

Die Koedukation ist in Deutschland weiter auf dem Vormarsch. Immer mehr Schulen, in denen Mädchen und Jungen getrennt voneinander unterrichtet werden, werden geschlossen. Experten raten allerdings dazu, die Vorteile des getrennten Unterrichts nicht gänzlich außer Acht zu lassen. Schulen müssen im Sinne der Bildungsgerechtigkeit wieder ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Mädchen und Jungen unterschiedliche Anforderungen an die Schulbildung mitbringen.

Bildquelle: Monkey Business Images | Dreamstime.com

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