Burnout bei Kindern
Nina Rölleram 09.11.2016

Bitte was, Kinder mit Burnout? Nein, Du hast Dich nicht verlesen und genauso wenig handelt es sich um eine hypochondrische Diagnose überfürsorglicher Eltern in Zeiten, in denen fast jedes Kind angeblich unter ADHS und mindestens einer Nahrungsmittelunverträglichkeit zu leiden scheint. Studien belegen, dass Burnout bei Kindern zu einem ernst zu nehmenden Problem geworden ist. Wir haben nachgeforscht, welche Faktoren bei Kindern ein Gefühl der totalen Überforderung auslösen und wie Du die Symptome frühzeitig erkennen kannst.

Das Burnout-Syndrom dürfte mittlerweile jedem geläufig sein: Es bezeichnet einen Zustand psychischer Erschöpfung durch hohen Leistungsdruck und kann ein Begleitsymptom von Depression und Apathie sein. Bei Erwachsenen gehört Burnout zu einer gängigen Diagnose und wird in der Regel durch beruflichen Stress ausgelöst. Man sollte meinen, dass Kinder noch gar nicht so viel Stress ausgesetzt sein können wie Erwachsene. Das Bild einer unbeschwerten Kindheit mit viel Zeit zum Spielen und Herumblödeln scheint jedoch zu bröckeln: Studien belegen, dass die meisten Kinder sich heutzutage gestresst fühlen. Wir verraten Dir, was die Hauptursachen für kindlichen Stress sind und ob Du vielleicht Mitschuld an der Überforderung Deines Kindes hast.

Burnout bei Kindern

Schulischer Druck ist bei Kindern in Deutschland Stressfaktor Nr.1.

Studie: Kinder stehen mehr denn je unter Stress

Weltweit werden Depressionspatienten laut einer WHO-Studie immer jünger. Stress kann dabei ein Auslöser sein. Eine Studie der Universität Bielefeld hat dem genauer auf den Zahn gefühlt und herausgefunden, dass jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche in Deutschland unter deutlichem Stress leidet, ohne dass die Eltern dies zwingend mitbekommen. Denn neun von zehn Eltern glauben nicht, dass sie ihr Kind überfordern und ganze 40 Prozent sorgen sich viel eher darum, ihr Kind nicht genug zu fördern. Dabei fühlten sich die befragten Kinder nicht nur gestresst, sondern litten auch zu zwei Dritteln unter klassischen Burnout-Symptomen wie Einschlafproblemen, Müdigkeit oder Kopf- und Bauchweh. Die Bausparkasse LBS, die in ihrem Kinderbarometer jährlich Kinder nach ihrem Befinden befragt, fand heraus, dass sich Kinder vor Allem von der Schule gestresst fühlen.

Übeltäter Nr.1: Übertriebener Optimierungsdruck

Burnout bei Kindern

Der Optimierungsdruck vieler Eltern hört auch in der Freizeit nicht auf.

Auch wenn man vielleicht denken könnte, dass es Kinder heutzutage in vielen Dingen besser haben als noch vor hundert Jahren, sind sie heutzutage tatsächlich ganz anderen Zwängen ausgesetzt. Laut Experten liegt dies an der Ökonomisierung unserer Gesellschaft: Schon im Kindergartenalter wird versucht, die Kleinen auf das Berufsleben vorzubereiten. Das beginnt manchmal schon im Säuglingsalter mit CDs, die Babys das Zählen beibringen oder bilingualen Kindergärten. Es ist schon längst zur Normalität geworden, dass Eltern ihre Kinder nötigen, schon vor der ersten Klasse Lesen und Schreiben zu können. Wenn Kinder in einem derartigen Klima geprägt von Leistungsdruck aufwachsen, verinnerlichen sie diesen mit der Zeit und setzen sich sogar selbst unter Druck.

Burnout bei Kindern

Die schulische Bildung wird immer früher angesetzt.

Das Ergebnis sind dann Kinder, die an sich selbst zweifeln, weil sie den hohen Ansprüchen ihrer Eltern nicht gerecht werden können. Dabei haben viele Kinder auch kaum Zeit, sich vom Stress zu erholen: Nach der Schule stehen meist Musikunterricht, Sportkurse oder Nachhilfe auf dem Plan. Mehr als jedes dritte Kind in Deutschland wird heutzutage zur Nachhilfe geschickt, selbst wenn ihre Leistungen ausreichend sind. Denn noch besser geht es schließlich immer! Erziehungswissenschaftler kritisieren den bedenklichen Verlust sogenannter „Qualitätszeit“. Viele Kinder haben kaum bis gar keine Freizeit, die sie selbst nach ihren Wünschen gestalten können. Viele Eltern versuchen auch hier möglichst die Kontrolle zu übernehmen, um das Beste aus ihrem Kind herauszuholen. Das könnte auch daran liegen, dass Kinder immer mehr zu Statussymbolen werden, deren Aufgabe es ist, den Selbstwert der Eltern zu steigern.

Andere Ursachen für Burnout bei Kindern

Burnout bei Kindern

Viele Kinder sind im Gymnasium überfordert.

Neben Eltern, die ihre Kinder unter Druck setzen, machen manche auch das deutsche Schulsystem für die gestiegenen Stresslevels verantwortlich. Da hier bereits in der Grundschule selektiert wird, wer aufs Gymnasium und wer auf die Haupt- oder Realschule kommt, beginnt der Optimierungswahn auch schon derart früh. Da der gesellschaftliche Trend dahin geht, Kinder möglichst aufs Gymnasium zu schicken, um sie für eine akademische Laufbahn vorzubereiten, landen viele völlig überforderte Kinder in diesem Schulzweig, die den Anforderungen auf Dauer nicht gerecht werden können. Dies führt bei vielen Schülern zu einem verminderten Selbstwertgefühl.

Des Weiteren stehen auch die Eltern dieser gestressten Kinder unter einem ähnlich hohen gesellschaftlichen Leistungsdruck. Besonders in sozial schwächeren Familien, in denen finanzielle Nöte herrschen, besteht ein besonderer Förderungsdruck. Schließlich sollen es die Kinder einmal besser haben als man selbst.

Wie erkennt man Burnout bei Kindern?

Burnout bei Kindern

Kinder leiden oft im Stillen.

Leider ist es bei Kindern gar nicht so einfach zu erkennen, wann all dieser Druck einfach zu viel ist. Anders als Erwachsene sind Kinder nicht dazu in der Lage, psychische Beschwerden verbal zu äußern. Vielmehr zeigt sich ihr Leiden dann durch andere Beschwerden: Sie klagen über Kopf- oder Bauchschmerzen, ziehen sich zurück oder wirken lustlos. Im Teenageralter können die Reaktionen dann noch drastischer ausfallen: Essstörungen und selbstverletzendes Verhalten können auch eine Auswirkung von jahrelanger Überforderung sein. Wenn Du bei Deinem Kind diese Anzeichen bemerkst, solltest Du das Problem ansprechen und womöglich auch professionelle Hilfe suchen:

  • Dein Kind wirkt ständig unzufrieden mit sich und seinen Leistungen
  • Dein Kind reagiert häufig übertrieben gereizt
  • Dein Kind hat Schwierigkeiten zur Ruhe zu kommen und einzuschlafen
  • Dein Kind sucht ständig nach Anerkennung und Bestätigung
  • Dein Kind kommt morgens schwer aus dem Bett und möchte nicht zur Schule gehen
  • Dein Kind wirkt regelmäßig erschöpft und ausgelaugt
  • Dein Kind zieht sich zurück und möchte sich nicht mit Gleichaltrigen treffen
  • Dein Kind klagt häufig über physische Schmerzen wie Kopf- und Bauchschmerzen

Einen Gang runter schalten: Burnout bei Kindern vermeiden

Burnout bei Kindern

Einfach mal auf der Couch abhängen!

Was kann man tun, um die eigenen Kinder gar nicht erst einem solchen Druck auszusetzen? Glücklicherweise lassen sich einige Tipps auch ohne professionelle Hilfe anwenden. Das Beste, was Du als Elternteil tun kannst, ist, Deinem Kind mehr Freiräume zu geben. Das bedeutet, dass Du nicht versuchen solltest, den Alltag Deines Kindes komplett durchzuplanen. Nur so können sich Kinder auch mal Erholungsphasen gönnen, in denen es nicht gilt, irgendwelchen Ansprüchen gerecht zu werden. Achte einmal darauf, ob Du Deine Kinder vielleicht auch zu oft beim Spielen zurechtweist, ihnen Anweisungen gibst, wie sie besser Malen oder Fußball spielen können. Auch wenn diese Hinweise nett gemeint sind, signalisieren sie Kindern, dass sie in ihrem Handeln den Anforderungen ihrer Eltern nicht gerecht werden. Also: Besser manchmal nichts sagen und Kinder frei spielen lassen. Außerdem ist es wichtig, Kinder für kleine Erfolge zu loben und sie mit erholsamen Freizeitbeschäftigungen wie einem Kinobesuch oder einem Ausflug in den Freizeitpark zu belohnen. Nur wenn Kinder signalisiert bekommen, dass sie ein Mitspracherecht bei der Gestaltung ihrer Freizeit haben, können sie ein positives Selbstwertgefühl aufbauen und zu zufriedenen Menschen heranwachsen.

Bildquelle: iStock/BrianAJackson, iStock/lvdesign77, iStock/Highwaystarz-Photography, iStock/mdmilliman, iStock/DGLimages, iStock/Tomwang112, iStock/red_pepper82


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