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Kommentar

Erwachsenenadoption: Wie aus meinem Stiefvater mein Papa wurde

Erwachsenenadoption: Wie aus meinem Stiefvater mein Papa wurde

Obwohl zahlreiche Menschen von ihren Eltern enttäuscht oder sogar im Stich gelassen werden, bleiben sie ihnen auch im Erwachsenenalter treu. Aber warum eigentlich? Mit 22 Jahren habe ich mich dazu entschieden meinem Vater den Laufpass zu geben und die einzig richtige Entscheidung zu treffen: Der Entschluss zu einer Erwachsenenadoption. 

Die meisten Menschen denken bei einer Adoption an kleine Kinder aus einem Waisenhaus, die eine neue Familie bekommen. Dabei muss eine Adoption weder etwas mit kleinen Kindern, noch mit Waisen zu tun haben. Grund dafür kann der Verlust der eigenen Eltern sein, genauso gut aber auch die bewusste Entscheidung dazu, eine andere Person offiziell als Elternteil annehmen zu wollen – so auch in meinem Fall.

Anerkennung der elterlichen Pflichten

Nach der Trennung meiner Eltern fand meine Mutter einen neuen Partner. Er hatte es nie einfach mit mir. Mein leiblicher Vater war mein Held und da konnte er einfach nicht mithalten. Trotzdem blieb er immer an meiner Seite und vermittelte mir das Gefühl da zu sein, wenn ich ihn brauchte. Ganz im Gegensatz zu meinem leiblichen Vater.

Der Kontakt zwischen meinem Vater und mir war immer oberflächlich und je älter ich wurde, desto bewusster wurde mir, dass ihm seine elterlichen Pflichten scheinbar nicht bewusst waren. Und immer, wenn ich mich über abgesagte Treffen, ignorierte Geburtstage und Ähnliches ärgerte, stand der Freund meiner Mutter mir immer bei. Nie verlor er dabei ein schlechtes Wort über meinen Vater und bezog trotzdem still und leise Stellung. Er nahm mich als seine eigene Tochter an und machte dabei keinen Unterschied zwischen mir und seinen leiblichen Kindern.

Allen Koventionen zum Trotz

Die Erkenntnis, wen ich wirklich als Vater sah, war ein langer Prozess. Angefangen bei der Entscheidung die Anreden „Papa“ und „Dad“ parallel zu benutzen, bis hin zur Festlegung, wer bei Erzählungen mit „Papa“ und „Vater“ gemeint sein soll. Ich hatte Angst davor, was die Gesellschaft darüber denken könnte, wenn ich mich zwischen den beiden entscheiden würde. Denn auch wenn ich keine Entscheidung treffen musste, wusste ich, dass ich sie treffen wollte. Ich wollte nicht weiter einem Mann die Möglichkeit geben, sich mein Vater zu nennen, der es nicht verdiente. Wo steht geschrieben, dass man für immer Eltern sein darf, wenn man nichts dafür tut? Und wer sagt mir, dass ich selbst keine Entscheidungsgewalt darüber habe?

Generell verhält sich die Gesellschaft meiner Meinung nach oft sehr engstirnig. Viele Menschen haben Probleme mit Neuem, das sie nicht direkt nachvollziehen können und neigen dazu, Menschen zu verurteilen, ohne die Hintergründe zu kennen. Doch die Welt ist eben nicht schwarz-weiß. Leben verlaufen unterschiedlich und Familien bestehen nicht automatisch aus einer Mama, einem Papa und einem Kind.

Man muss sich die Konsequenzen bewusst machen

Mein Wunsch nach einer klaren Entscheidung zur Vaterschaftsfrage festigte sich und schließlich stellten wir den Antrag. Dabei musste ich mich fragen, welche Art der Adoption es eigentlich werden sollte? Eine normale Erwachsenenadoption ohne Namensänderung, mit zwei eingetragenen Vätern und einem Erbschaftsvorteil? Oder eine Erwachsenenadoption mit Wirkung einer Minderjährigenadoption, bei der die komplette Verbindung gekappt wird? Und genau das wollte ich. Ganz oder gar nicht.

Meinem Antrag musste mein Erzeuger selbst stattgeben. Ich gebe zu, in diesem Moment hätte ich nicht gerne in seiner Haut gesteckt. Wer bekommt schon gerne einen Brief, in dem das eigene Kind fragt, ob es einen loswerden und ein neues Elternteil haben darf. Nichtsdestotrotz blieb ich dabei und schickte ein Statement ans Familiengericht, ebenso wie mein potenzieller neuer Vater auch. Nach weiteren Briefen gab mein Erzeuger schließlich nach und eine offizielle Vorladung zum Gericht folgte. Wir mussten vor den Augen der Richterin versichern, dass wir tatsächlich ein Vater-Tochter-Verhältnis haben und dass ich mir sicher sei, die Erwachsenenadoption mit Wirkung einer Minderjährigenadoption durchsetzen zu wollen. Das tat ich.

Ein neuer Mensch

Schon im Gericht wurde der Adoption stattgegeben und wenige Wochen später bekamen wir die Bestätigung nach Hause. Mit dabei: Die Erklärung, dass ich gemäß der Volladoption den Namen meines nun Papas annehmen und meine Geburtsurkunde ändern durfte. Denn das ist ein entscheidender Punkt: Das alte Ich wird hierbei vernichtet. Die Person, die man zuvor war, gibt es nicht mehr. Alle meine Dokumente wurden zerstört, meine alte Akte versiegelt, sodass nicht einmal mehr das Amt darauf zugreifen kann. Und weißt du was? Es fühlt sich richtig gut an.

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Ich bereue den Schritt nicht

Cheyenne Kolbuch
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Wenn es nach der Gesellschaft geht, ist man seinen Erzeugern zu ewiger Treue verpflichtet. Familie ist für immer, heißt es oft. Aber warum? Gehören nicht trotzdem elterliche Pflichten dazu, die erfüllt werden müssen, um sich die Treue zu verdienen?

Ich glaube, dass nur ich selbst verstehe, wieso ich diesen drastischen Schritt gehen musste. Immer wieder werde ich gefragt, ob ich meine Entscheidung bereue und ob ich mich nicht meinem Vater gegenüber schlecht fühlen würde. Doch dazu habe ich eine klare Antwort: Nein!

Ich bin dankbar für die Möglichkeit der Volladoption. Erst seit ich meinen Namen ändern durfte und meine Spuren verwischen konnte, fühle ich mich wieder wie ich selbst. Ich stehe hinter mir und meinem Namen und bin stolz darauf, dass ich mich gegen alle Konventionen gewehrt und auf mein eigenes Gefühl gehört habe. Denn genau darauf kommt es doch letzten Endes an: Egal, was andere sagen, nur du weißt, was dich wirklich glücklich macht und das ist das einzige, worauf du hören solltest.

Bildquelle:

Getty Images/standret

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