Klage gegen Schulnoten

Schulnoten und Zeugnisse haben schon immer viel Anlass zu Ärger gegeben. Inzwischen fechten viele Eltern die Noten vor Gericht an.

Am 1. Februar war es wieder einmal so weit: In Nordrhein-Westfalen wurden die Halbjahreszeugnisse ausgegeben. Für manche Kinder und ihre Eltern ein Tag, auf den sie bange gewartet haben. Die Lehrer sehen der Notenvergabe aber inzwischen kaum weniger sorgenvoll entgegen, denn die Zahl der Klagen, die von Eltern gegen die Schulnoten ihrer Kinder erhoben werden, ist in Nordrhein-Westfalen drastisch gestiegen.

Schulnoten werden häufiger angefochten

Von wegen pädagogische Freiheit: Die Vergabe von Schulnoten liegt heute ganz und gar nicht mehr allein in den Händen der Lehrer. Eltern gehen zunehmend gegen vermeintlich ungerechtfertigte Zensuren vor. Das Gesetz haben sie dabei auf ihrer Seite. Nach deutscher Rechtssprechung haben Eltern oder volljährige Schülern bei Noten ein Beschwerde- oder Widerspruchsrecht, das sie innerhalb eines Monats nach der Notenvergabe geltend machen können. Die Klage kann bei der jeweiligen Bezirksregierung eingereicht werden. Nach Ablauf der einmonatigen Frist verfällt der Rechtsanspruch und die Note ist nicht mehr anfechtbar. Ob es sich um eine Beschwerde- oder um eine Widerspruchsklage handelt, hängt dabei von der Schulnote an sich ab. „Aber längst nicht alle Beschwerden landen vor Gericht, weil sich oftmals eine andere Lösung finden lässt“, weiß Jörg Sion, der als Rechtsanwalt in Düsseldorf seit über zwanzig Jahren für die klagenden Eltern ins Feld zieht. Dabei stellt er einen drastischen Anstieg der Klagewelle fest: „Das liegt auch daran, dass viele Eltern einfach den Misserfolg ihrer Kinder nicht wahrhaben wollen“, versucht Sion das Phänomen zu erklären. „Stattdessen suchen sie die Schuld bei unfairen Lehrkräften.“

Brigitte Balbach, die Landesvorsitzende von Lehrer NRW, bestätigt den derzeitigen Trend: „Die Zahl der Klagen über angeblich zu schlechte Zensuren nimmt von Jahr zu Jahr immer stärker zu“, beklagt sie. Damit gerieten die Lehrer zunehmend unter Druck. Auch Peter Silbernagel, der Landesvorsitzende des Philologieverbandes, findet die Entwicklung bedenklich: „Lehrer werden zunehmend unter Druck gesetzt, eine gute Note geben zu müssen.“ Dass der Einsatz der Eltern einen echten Nutzen für ihre Kinder hat, bezweifelt er allerdings: „Sie denken, dass sie ihren Kindern damit einen Gefallen tun, wenn sie eine bessere Note einklagen, aber das Gegenteil ist der Fall. Der Druck auf die Kinder wird dadurch immer größer, weil sie den weiteren Anforderungen nicht gewachsen sind.“

Immer mehr Eltern klagen gegen Schulnoten.

Lehrer geraten aufgrund von Schulnoten zunehmend unter Druck


Schulnoten: Pädagogen sehen sich zunehmend unter Druck

Durch den zunehmenden Protest gegen Schulnoten wächst der Druck auf die Lehrer immens. Viele scheuten inzwischen die Vergabe von schlechten Noten, um einem Konflikt mit den Eltern mit möglicherweise rechtlichen Folgen aus dem Weg zu gehen. „Dann gibt man lieber eine Vier minus als eine Fünf plus. Auch wenn das dem Leistungsgrad des Kindes nicht entspricht. Aber so kann man möglichem Ärger aus dem Weg gehen“, kritisiert Brigitte Balbach. Doch woran kann es liegen, dass immer mehr Eltern das Urteilsvermögen der Pädagogen anzweifeln? Regine Schwarzhoff, Vorsitzende des Elternvereins NRW, sieht einen möglichen Grund im zunehmenden Autoritätsverlust der Lehrer. „Viele Elternteile haben das Vertrauen in die Kompetenz der Pädagogen verloren und zweifeln ihr Urteilsvermögen an“, so Schwarzhoff. Nicht alle Einwände der Eltern seien jedoch unbegründet. „Benotungen und Beurteilungen haben leider auch heute noch oft mit Sympathiewerten zu tun“, erklärt Schwarzhoff. „Es kommt vor, dass ein Lehrer ein Kind nicht mag und schlecht bewertet, nur weil es etwas lauter ist als die anderen.“ Nach Erfahrungen des Elternvereins NRW werden vor allem männliche Schüler häufiger ungerecht behandelt. Trotzdem warnt der Elternverein vor pauschalen Anfechtungen schlechter Schulnoten. In den meisten Fällen erwiesen sich die Klagen als unbegründet, weil die Lehrer ihre Beurteilungen schlüssig begründen und damit die Vorwürfe als haltlos zurückweisen können. Ein Problem sieht der Elternverein allerdings darin, dass Eltern eher dazu neigen, den eigenen Kindern zu glauben, als einem Pädagogen, dessen Beurteilung ein schlechtes Licht auf das eigene Kind wirft. Eine Lösung des Problems sieht die Regierung im Landtag in einer höheren Transparenz der vergebenen Schulnoten. CDU-Fraktionsvorsitzender Klaus Kaiser betonte, man müsse den Eltern besser erklären, wie die Bewertungen zustande kämen: „Der Austausch zwischen Lehrer und Eltern muss noch intensiver werden, damit Konflikte am Zeugnistag schon im Vorfeld vermieden werden können.“

Die Zahl der Klagen gegen Schulnoten nimmt immer stärker zu. Eltern gehen gegen schlechte Zensuren ihrer Kinder vor und setzen damit die Pädagogen zunehmend unter Druck. Experten fordern eine stärkere Transparenz bei der Notenvergabe, um Konflikte bereits im Vorfeld zu entschärfen.

Bildquelle: Evgeny Vorobeiv | Dreamstime.com


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Was denkst du?

  • Schoenemanns am 24.06.2015 um 11:15 Uhr

    Zeiten ändern sich. Vielleicht sollte man nicht nur immer die Schuld bei den Kindern suchen, sondern auch einmal anfragen, ob die Notenvergabe wirklich gerechtfertigt ist. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass mein Sohn in einem Epochalfach innerhalb eines Halbjahres um drei Noten schlechter bewertet wurde. Hier war keinerlei Verantwortung der Lehrperson zu spüren, sich vielleicht einmal mit Erziehungsberechtigen in Verbindung zu setzen. Grundsätzliches Kommentar war " Die Noten waren wohl nicht differenziert genug". Darunter musste nicht nur unser Kind sondern auch viele andere Kinder leiden. Kann es denn sein, dass sich vier Jahre andere Lehrer/innen so geirrt haben. Das ist nur ein Beispiel. Ich denke der Einzelfall sollte es zeigen und hier nicht allgemein geurteilt werden.

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  • GelbeHexe123 am 04.02.2013 um 10:19 Uhr

    Mal ehrlich, ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern auf die Idee gekommen wären, zum Lehrer zu rennen, weil ich ne fünf in Mathe hatte. Und ich hatte oft eine ;-). Wir wussten alle, dass mir das nicht liegt, und dann hat man halt gesehen, dass es mit Nachhilfe zumindest keine Probleme für die Versetzung oder den Abschluss gibt. Mein Gott, man kann Kinder auch echt verziehen, wie Athene schon sagt.

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  • Athene_ am 04.02.2013 um 08:25 Uhr

    Es ist ja eigentlich lobenswert, dass viele Eltern heute versuchen, ihre Kinder vor Ungerechtigkeiten zu schützen. Nur werden heute viele "Prinzen" und "Prinzessinnen" großgezogen, die überhaupt keinen Frust mehr aushalten können. Ich habe mich auch oft ungerecht behandelt gefühlt, nur musste ich lernen, mich durchzuboxen. Da sind Mama und Papa nicht direkt zum Lehrer gerannt und haben alles für mich geregelt. Wenn ich eine schlechte Note bekommen habe, dann war ich dafür verantwortlich, und nicht die Lehrer. Kinder müssen auch lernen mit scheinbaren Ungerechtigkeiten klar zukommen. Das ist in der späteren Arbeitswelt nicht anders.

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