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Wie Schokolade doch nicht beim Abnehmen hilft

Abnehmen mit Schokolade? Zu schön, um wahr zu sein

Wie Schokolade doch nicht beim Abnehmen hilft

Es hätte so schön sein können: Jeden Tag ein Stückchen Schokolade essen und förmlich dabei zusehen, wie die ungeliebten Pfunde genauso dahinschmelzen wie die Schokolade im Mund. So viel versprach eine wissenschaftliche Studie, die im März um die Welt ging. Doch vor wenigen Tagen zerplatze der Traum wie eine Seifenblase und die verhängnisvolle Nadel schwangen die Autoren der Studie selbst.

Es war das „Institute of Diet and Health“, das die aufsehenerregende Studie “Chocolate Transformation” veröffentlichte. Untersucht wurde die Gewichtsentwicklung der Teilnehmer zwischen 19 und 67 Jahren, indem das Forschungsteam um Johannes Bohannon die Probanden in drei Gruppen aufteilte: Die „Schokoladen-Gruppe“ bekam eine Kohlehydrat-arme Ernährung, durfte aber zusätzlich jeden Tag genau 42 Gramm Schokolade mit einem Kakaogehalt von 81 Prozent zu sich nehmen. Eine zweite Gruppe musste auf die Schokolade verzichten, bekam sonst aber die gleiche Kost wie ihre Versuchs-Kollegen. Die dritte im Bunde war eine Kontrollgruppe, die ganz ihren täglichen Essgewohnheiten nachgehen durfte.

Portrait of the young girl with  big chocolate
Abnehmen mit Schokolade? Dieser Traum wird wohl einer bleiben

Das Ergebnis: Nach nur drei Wochen hatte die Schokoladen-Gruppe zehn Prozent weniger auf den Rippen und nahm auch nicht wieder zu, nachdem die Low Carb Ernährung eingestellt wurde und bei den anderen der unliebsame Jojo-Effekt einsetze. Johannes Bohannon, der als Forschungsleiter agierte, kommentierte die Ergebnisse seiner Studie folgendermaßen: „Es ist die erste Studie dieser Art und wir waren schon überrascht, wie gut die Teilnehmer der Schokoladen-Gruppe gegenüber den Teilnehmer einer herkömmlichen Diät abschnitten. Sie haben mehr Gewicht verloren, aber viel wichtiger: Sie nahmen auch dann noch weiter ab, als die Teilnehmer der anderen Gruppen schon wieder zunahmen.“ Jeden Tag Schokolade essen und selbst dem Jojo-Effekt durch Schokolade entgegenwirken – das klingt fast zu gut, um wahr zu sein…

Die Schokoladen Ente

Printmagazine, Onlinemedien und TV Formate auf der ganzen Welt machten die Studie zum Thema und erfreuten ihre Leser und Zuschauerschaft mit der frohen Botschaft, dass Schokolade der neue Weg zur Traumfigur sei. Die „BILD“ brachte sie aufs Titelblatt, „FOCUS Online“ drehte eigens ein Video dazu und sogar die britische „Cosmopolitan“ schrieb über das Wunderheilmittel Schokolade. Nicht zuletzt, weil die Studie im renommierten Londoner Wissenschaftsmagazin „International Archives of Medicine“ erschien. Dass die Autoren der „Chocolate Transformation“ nun Ende Mai selbst enthüllten, dass die Studie ein Fake ist, löst verständlicherweise peinliches Berührtsein bei den Verbrauchern und auch den Journalisten aus und regt zum Nachdenken an. Reicht es etwa aus, Inhalte unter den Scheffel der Wissenschaft zu stellen, damit wir nicht weiter nach den Hintergründen fragen? Wird diese Taktik vielleicht bewusst eingesetzt, um neueste Trends an den Mann (oder die Frau) zu bringen? Schließlich hätte man bei genauerem Hinsehen stutzig werden können: Die Einträge des Blogs des Institute of Diet and Health (das sich als ein non-profit Think Tank beschreibt) reichen gerade einmal zum Februar dieses Jahres zurück, es gibt kein Impressum, keine Adresse, keine Ansprechpartner, keine mitwirkenden Wissenschaftler oder Referenzen. Lediglich eine Facebook-Seite und ein Twitter Account sind an den Blog gekoppelt. Kurzum: Eine Ente ohne schmückende Federn.

Mit Schokolade aufs Glatteis

Es ist nicht alles frei aus Schokolade geformt, was in der Studie steht: Die Daten wurden tatsächlich erhoben und gemäß dem Vorgehen vieler Studien verarbeitet. Es gab Probanden, es gab Experten, es gab Messungen und Auswertungen. Doch ist es offensichtlich relativ einfach, die Ergebnisse einer Studie so darzustellen, dass sie ein gewünschtes Bild ergeben, ohne gleichzeitig unwissenschaftlich zu wirken. Mit dieser Schokolade naschenden Ente haben Peter Onneken und Diana Löbl – die bereits mit der Dokumentation zu den Arbeitsbedingungen bei Amazon für Aufsehen sorgten – für kräftig Gesprächsstoff gesorgt. Die beiden Journalisten zeigten mit dieser Aktion, dass wir nur zu bereitwillig nach einem Strohhalm greifen, der uns scheinbar mühelos in die Hände spielt. Abnehmen mit Schokolade? Gerade, wenn es um das leidige Thema Gewicht geht, ist das Versprechen von Verzicht auf Verzicht ein wahres Gottesgeschenk, das zu selten hinterfragt wird. Wir hören lieber auf das, was wir hören wollen, müssen uns aber gleichzeitig deutlich machen, dass jene, die an unseren Verlangen Geld verdienen, sich dessen auch bestens bewusst sind. In diese Taktik spielt die Studie hinein und macht mit Hilfe eines unserer liebsten Nahrungsmittel – der Schokolade – darauf aufmerksam, dass hinter jedem Diätversprechen auch eine Maschinerie steckt, die Geld verdienen möchte. Onneken und Löbl lassen ihren Fake nicht allein stehen, tatsächlich ist er Teil eines viel größeren Projektes: Kommendes Wochenende zeigen ARTE (Fr., 05. Juni 2015, 21:50 Uhr) und das ZDF (So., 07. Juni 2015, 15:30 Uhr) ihre Dokumentation „Schlank durch Schokolade – Der Trick mit den Diäten“, die sich mit den Wechselwirkungen zwischen Diätindustrie und Wissenschaft auseinander setzt.

Das "International Archives of Medicine" hat die Studie übrigens inzwischen aus ihrem Archiv entfernt.

Fazit: Die Ente mit dem schokoladigen Versprechen hat uns ganz schön aufs Glatteis geführt, um dann zu zeigen, auf was für rutschigem Untergrund wir uns eigentlich bewegen. Auch wenn Onneken und Löbl eine echte Traumblase haben platzen lassen, sorgen sie hoffentlich für einen bewussteren und kritischeren Umgang mit Informationen und Versprechen, die wir nur zu gern glauben würden. Ihre Dokumentation ist auf jeden Fall ein echter Programmtipp, bei dem man genüsslich ein Stück Schokolade naschen kann.

Bildquelle: AlbinaTiplyashina/iStock

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