Tokio Hotel: Kings of Suburbia

Es sollte das Comeback des Jahres werden: Nach einer fünfjährigen Auszeit vom Musikbusiness, in denen Tom und Bill Kaulitz, Georg Listing und Gustav Schäfer in amerikanischer Abgeschiedenheit an neuen Songs feilten, melden sich Tokio Hotel jetzt mit ihrem Album „Kings of Suburbia“ zurück. Doch können sie mit ihrem lang ersehnten musikalischen Neustart die hohen Erwartungen erfüllen und ihre Millionen jugendlicher Fans, die sie 2005 mit ihrer legendären Hitsingle „Durch den Monsun“ (2005) abholten, mit ihrem neuen Elektro-Sound auch halten? Oder siedeln sich Tokio Hotel mit ihrem vierten Studioalbum „Kings of Suburbia“ endgültig zwischen belanglosen Beats und musikalischem Mainstream an?

Ein düsterer Club mit Neonlichtern, halbnackte Gestalten, die an den Piercings von Frontmann Bill Kaulitz knabbern und – egal ob Männlein oder Weiblein – eine eindeutig sexuell orientierte Kuschelorgie feiern, poppige Beats und Lyrics, die von Nächstenliebe erzählen: All das ist „Love Who Loves You Back“, die erste Singleauskopplung des vierten Studioalbums von Tokio Hotel, beziehungsweise das dazugehörige Musikvideo. Im ersten Videoclip von „Kings of Suburbia“ zelebrieren Tokio Hotel mal wieder ihre Paradedisziplin: Provokation. Ein sang- und klangloses Comeback hätten die Fans den vier Jungs aber vermutlich auch übel genommen. Doch ganz so sang- und klangvoll ist „Kings of Suburbia“ auf den zweiten Lauschangriff dann doch nicht. Tokio Hotel versuchen eher mit provokanten, sexualisierten Videoclips und einem Albumcover, das an das weibliche Geschlecht erinnert, zu schocken, als ihren musikalischen Reifeprozess voranzutreiben, der sich im vergangenen Jahrzehnt zwischen Teenie-Deutschrock und harmlosem Gitarrenpop angesiedelt hatte. 2014 setzen die Tokio Hotel-Zwillinge Bill und Tom eher auf laute Computer- und Synthie-Beats und lassen die rockigen Drums und den eindringlichen Bass ihrer Vorgängeralben weitestgehend außen vor.

Tokio Hotel gibt’s jetzt auf Englisch

Nicht nur einen neuen Sound, der Alternative- mit Pop- und Elektro-Arrangements mixt, haben sich Tokio Hotel auf die Fahnen geschrieben, auch sang Bill Kaulitz mit „Kings of Suburbia“ das erste Mal ein komplettes Album auf Englisch ein. Anders klingen die vier Jungs aus Sachsen-Anhalt neun Jahre nach ihrem Monsun-artigen Durchbruch allemal, aber auch besser? An der Bandkonstellation hat sich jedenfalls nichts geändert: Gustav, Tom und Georg formieren sich um Paradiesvogel Bill, der mit seinem extravaganten Auftreten und dem Status als Frontmann noch immer hervorsticht. Während sich Tom Kaulitz auf „Kings of Suburbia“ immerhin noch als Executive Producer am Computermischpult verwirklichen durfte, ist von Drummer Gustav und Bassist Georg nicht mehr viel übrig geblieben. Gleichberechtigung also? Immerhin geben sich auch Georg und Gustav an der Seite von Zwilling Tom im Album-Booklet und auf öffentlichen Auftritten mit ihren schwarzen Lederjacken, den Fluppen im Mundwinkel und ihren grimmigen Mienen als betont lässige, harte Kerle, während Bill Kaulitz im Video zu „Love Who Loves You Back“ bewusst mit seinem hypersexualisierten Image spielt. Doch das Skandalvideo legt auch den Verdacht eines Ablenkungsmanövers nahe. Ist „Kings of Suburbia“ etwa mehr Schein als Sein?

Tokio Hotel feiern nach fünf Jahren ihr Comeback

Tokio Hotel sind die „Kings of Suburbia“

Tokio Hotel sind erwachsen geworden, ihr Sound auch?

Um den Synthie-Elektro-Sound in seiner auf „Kings of Suburbia“ vollführten Perfektion hinzubekommen, arbeiteten Tokio Hotel ein Jahr lang an ihren studioeigenen Computern und mischten die meisten ihrer insgesamt 15 neuen Songs in der Abgeschiedenheit der amerikanischen Wahl-Heimat Kalifornien selbst zusammen. Warum die zwei Paradieszwillinge von Tokio Hotel fünf Jahre zuvor die Flucht aus der Bundesrepublik ergriffen hatten? Bis auf eine kurze Stippvisite bei der RTL-Castingshow „DSDS“ hatten Bill und Tom Kaulitz der deutschen Heimat den Rücken gekehrt. Als Grund dafür nannten die Jungs den Medienhype um Tokio Hotel, dabei ebbte dieser mit ihrem letzten Studioalbum „Humanoid“ (2009) sichtlich ab. Vielleicht um ihre Halbwertszeit als Teenie-Band zu verlängern, zogen sich Tokio Hotel nach Los Angeles zurück und hoffen mit „Kings of Suburbia“ jetzt auf einen fulminanten Neustart als ernstzunehmende Musiker. Tokio Hotel ist jetzt eine Erwachsenenband, die in Erwachsenen-Clubs feiert und einen erwachsenen Sound hat. Nur kommt dieser leider ein paar Jahre zu spät. Man hört auf „Kings of Suburbia“ nichts, was Bands wie Linkin Park, Depeche Mode, Coldplay, 30 Seconds To Mars oder Lady Gaga nicht schon vor einigen Jahren versucht hätten. Tokio Hotel mögen zwar die Könige der Vorstadt sein, worauf sie in ihrem Titelsong „Kings of Suburbia“ begleitet von reichlich „Eh“- und „Oh“-Vocals bestehen, die Frage ist nur, wie relevant diese kalifornische Vorstadt, in der Bill und Tom Kaulitz – ausgerüstet mit Netzhemden, Lederjacken und verwegenen Bartschatten – die Macht ergriffen haben, in der Musiklandschaft noch ist? Wenn wir den nachdrücklichen Lyrics lauschen, wollen wir ihnen gerne glauben. Immerhin landeten Tokio Hotel mit „Kings of Suburbia“ auf Anhieb auf Platz zwei der deutschen Albumcharts. Schmuserocker Samu Haber mussten sich die harten Jungs dennoch geschlagen geben. Das lässt vermuten und auch hoffen, dass der Elektrohype allmählich abklingt.

Tokio Hotel machen Musik mit dem Computer

Früher war alles besser? Schon der Album-Opener „Feel It All“ von Tokio Hotel fällt durch grelle Synthesizer-Sounds, schnelle Beats und redundante Texte auf. Während die Stimme von Bill Kaulitz im ersten Song noch durch reichlich Autotuning verzerrt wird, darf der Hörer im Anschlusstrack „Stormy Weather“ dem gewohnten deutschen Akzent des Sängers lauschen. Spätestens jetzt erkennt der geneigte Tokio Hotel-Fan seinen Helden aus Kindertagen wieder. Die Stimmverzerrung wäre an mancher Stelle vielleicht gar nicht nötig gewesen, doch die Producer-Zwillinge haben es scheinbar so gewollt. Auch textlich kommt „Stormy Weather“ kaum über den Satz „It is a stormy weather“ (zu deutsch: „Es ist stürmisches Wetter“) hinaus. Ob Tokio Hotel beim Songschreiben voller Nostalgie an den stürmischen Erfolg von „Durch den Monsun“ dachten oder sich von den seltenen Regengüssen in Los Angeles inspirieren ließen, bleibt unklar. Stärker sind die Balladen „Run Run Run“ oder „Invaded“, die, wenn auch nicht textlich, immerhin melodisch überzeugen. Doch auch hier werden die klangvollen Pianosounds oder die Gitarrenriffs von Tom weitestgehend von der künstlich verzerrten Autotune-Stimme von Bill Kaulitz überlagert und fallen dem Gesamtmix zum Opfer. Schade eigentlich, denn „Run Run Run“ hätte das Zeug dazu, von nervigen Uptempo-Nummern wie „Never Let You Down“ oder „Girl Got A Gun“ abzulenken. Aufgrund dieser wirkt „Kings of Suburbia“ spätestens ab dem sechsten Track so penetrant wie das Blinken einer Neonleuchte aus dem „Love Who Loves You Back“-Club.

Abschalten oder Neustart? Diese Frage müssen sich die Hörer von „Kings of Suburbia“ selber stellen. Wir schalten vorerst ab und legen das erste Album von Tokio Hotel ein. Ohne die Vorgeschichte von Tom, Bill und Co. hätte „Kings Of Suburbia“ bestimmt nicht so ein Medienecho ausgelöst. Das Album ist irgendwo zwischen Belanglosigkeit und musikalischer Mäßigkeit anzusiedeln. „Dead all the glory we had, it’s over, it’s over“ – wird sich der Refrain, den Bill Kaulitz in der Ballade „Invaded“ anstimmt, tatsächlich bewahrheiten? Die nächsten Wochen werden es zeigen…

„Kings of Suburbia“ von Tokio Hotel ist am 6. Oktober bei Island Records erschienen.

Bildquelle: Facebook/Tokio Hotel

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