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Aminata Touré: „Unsere Gesellschaft ist vielfältiger als das Bild, das wir sehen“

Im Interview:

Aminata Touré: „Unsere Gesellschaft ist vielfältiger als das Bild, das wir sehen“

Sie ist gerade mal 28 Jahre alt und schon Vizepräsidentin des Landtages in Schleswig-Holstein: Aminata Touré. Die Landtagsabgeordnete (Bündnis 90/Die Grünen) engagiert sich für mehr Diversität in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Aber wie sieht das im Arbeitsalltag aus und wo stehen wir in Deutschland in Sachen Vielfalt und Diversität? Das haben wir die Politikerin im desired-Interview selbst gefragt.

desired: Die Themen, für die Sie sich einsetzen, sind laut Ihrer Website: Antirassismus, Flucht & Migration, Frauen und Gleichstellung, Queerpolitik, Religion sowie Katastrophenschutz & Rettungsdienst. Wie lässt sich die Arbeit an so vielen großen Themenbereichen unter einen Hut bringen?

Aminata Touré: Im Kern sind es unterschiedliche Themenbereiche – und vor allem oft auch unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen – aber es gibt doch immer auch Überschneidungen. Und gerade bei den Themenbereichen Antirassismus, Migration und Gleichstellung gibt es die super oft. Die Kombination aus Schwarz und Frau sein, und möglicherweise noch einem anderen Diskriminierungsmerkmal, führt oft dazu, dass man merkt, wie verschränkt das alles ist. Nehmen wir eine schwarze Frau, die einen Hidschab trägt: Dann hat man direkt drei Themenbereiche, die verknüpft sind. Also wenn man es von den Menschen her denkt, ist es gar nicht so weit weg voneinander. Und ich liebe Momente, wo alles zusammenkommt und man Themen zusammen bearbeiten kann, weil sie gar nicht so klar voneinander abzutrennen sind.

Sie engagieren sich für mehr Diversität in der Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Wie kann man sich das konkret in Ihrem Arbeitsalltag vorstellen?

Diversität ist mein übergeordnetes Ziel. Innerhalb der parlamentarischen Arbeit ist es so, dass da unterschiedliche Sachen auf einen zukommen. Beispielsweise Gesetze, Anträge usw., die etwas mit meinen Themenbereichen zu tun haben. Und da habe ich natürlich auch immer dieses übergeordnete Ziel, für mehr Diversität und weniger Rassismus zu kämpfen. Und das kann man dann ganz konkret machen an Gesetzesentwürfen. Dass ich zum Beispiel darauf achte, dass die diskriminierungsfrei sind. Wir haben einen Aktionsplan gegen Rassismus, den wir in Schleswig-Holstein seit 2017 im Koalitionsvertrag stehen haben, wofür ich mich stark eingesetzt habe. Und das betrifft dann zum Beispiel wieder alle Bereiche. Ich spreche mit der Polizei, mit Wirtschaftsverbänden, mit der öffentlichen Verwaltung, mit der Justiz, mit Kita-Leitungen, mit Lehrer*innen, mit Schüler*innen, mit Universitäten. Das ist so querschnittig, weil dieser Aktionsplan gegen Rassismus so querschnittig angelegt ist, dass ich da dann auch mit allen unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft in Kontakt bin.

Aminata Touré hat es auf die Liste der „Top 50 Diversity Drivers” geschafft. Mit ihr zeichnet die Diversitätsinitiative BeyondGenderAgenda 2021 erstmalig fünfzig Persönlichkeiten aus, die das Potenzial haben, in diesem Jahr die Themen Diversity, Equity & Inclusion in der deutschen Wirtschaft maßgeblich voranzutreiben.

Wo stehen wir Ihrer Meinung nach in Deutschland in Sachen Diversität aktuell und was ist noch zu tun?

Wenn man sich Politik anguckt, dann ist das ein weiß-männlich dominierter Raum. Ein weiß-männlich, gesunder, heterosexuell dominierter Raum, um es mal so zu definieren. Und das ist nicht in Ordnung, weil unsere Gesellschaft viel vielfältiger ist, als das Bild, das wir sehen. Und zwar in vielen, vielen Bereichen. Wir haben so ein Verständnis von Diversität in Deutschland, dass da dann noch Frauen an bestimmten Orten sind, meist weiße Frauen, und das ist auch erstrebenswert. Aber wenn man es wirklich zu Ende denkt, dann bedeutet es weitaus mehr als das.

Es bedeutet auch schwarze und braune Frauen, Frauen mit Migrationsgeschichte. Es bedeutet behinderte Frauen, Transfrauen und ganz viele andere. Und das nicht nur, weil es nett aussieht, oder weil es so ein Bild von Diversität zeichnet, sondern weil die unterschiedlichen Erfahrungswerte, die Menschen in einer Gesellschaft haben, ihren Blick prägen und schärfen. Und ich merke gerade in den letzten Wochen, dass dieses diverse Bild ganz oft fehlt in den politischen Verhandlungen, die ich führe. Nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft und vor allem den Entscheidungsgremien, in gesellschaftlich-relevant prägenden Bereichen sind wir nicht divers genug aufgestellt. Und man merkt, dass Leute da keinen Bock mehr darauf haben. Dass sie sich sagen: Es reicht mir, wir können nicht im Jahre 2021 leben und über all diese Dinge immer nur theoretisch sprechen und praktisch passiert einfach nichts.

Was ist denn der Grund dafür, dass in der Praxis so wenig passiert?

Das Problem ist: Wir sind gerade an so einer Schwelle, dass Leute das Gefühl haben, sie sind besonders en vogue, wenn sie anerkennen: Unsere Strukturen sind nicht divers genug. Aber sie haben dann immer noch nichts dagegen getan. Dabei ist das nicht schwer. Weil super vielen Menschen der Zugang zu bestimmten Räumen verwehrt wird. Es ist nicht so, dass es nicht die Leute dafür gibt, sondern, dass es kein Interesse daran gibt, diese Leute dann tatsächlich auch bei sich zu haben.

Woran lässt sich überhaupt erkennen, wie divers ein Land in all seinen Strukturen ist?

Das lässt sich ganz oft ablesen, wenn man sich die Räume anguckt. Wenn man sich Parteien anguckt, wenn man sich all unsere Ministerpräsident*innen anguckt, wenn man sich Parlamente anguckt, die Spitzen von Wirtschaftsunternehmen oder auch Redaktionen in Deutschland. All diese Bereiche sind nicht divers. Und das merkt man nicht nur daran, wenn man auf die Website geht und sich das Portfolio der Mitarbeiter*innen anguckt, sondern man merkt es auch an der Art und Weise, wie sie über diese Themen sprechen – oder eben nicht über diese Themen sprechen. Unsere Gesellschaft verändert sich und bei einigen kommt das partout nicht an. Ich merke das bei jedem einzelnen Termin, ob jemand sich einmal punktuell damit auseinandersetzt oder ob da jemand wirklich ein Interesse an Veränderung hat. Und da würde ich sagen: Es ist 20/80. Also 20 Prozent sind für eine Veränderung, 80 für eine performative Nummer, um eben einmal was dazu gemacht zu haben. Und das ist das Problem.

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Wie kann jeder und jede auch ohne ein Amt wie Ihres etwas für mehr Diversität in Deutschland tun?

Ich glaube, man muss sich immer im Klaren darüber sein, in welcher Position man ist, und was man da tun kann. Ich denke das mal bei mir zum Beispiel: Wen stelle ich in mein Team ein? Wem gebe ich die Möglichkeit, mitzumischen? Setze ich mich in der Partei dafür ein, dass wir ein Statut haben, bei dem wir Vielfalt tatsächlich diskutieren? Und wenn ich das mache, dann mache ich das aus einer Machtposition heraus, weil ich eben ein Mandat, ein Amt habe und ich deswegen auch eine Stärke innerhalb der Partei habe und die einsetzen kann. Und genau diese Rolle muss jede und jeder einzelne auch für sich reflektieren, in den Organisationen oder Strukturen, in denen er oder sie unterwegs ist. Also: Bin ich in der Situation, mit auszuwählen oder zu schauen, wer hier eingestellt werden kann? Mit wem führen wir Gespräche? Wen fragen wir als Veranstalter*in an? Man wird auf jeden Fall merken, dass Diversifizierungen von Teams, Perspektiven oder Projekten am Ende des Tages immer richtig cool sind.

Seit 2019 haben Sie das Amt als Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtages inne und werden seitdem als Deutschlands jüngste und außerdem erste afrodeutsche Person in dieser Position beschrieben. Stören oder freuen sie sich an solchen Betitelungen?

Ich habe das ehrlich gesagt selbst gewählt. An dem Tag, an dem ich gewählt worden bin, habe ich das so formuliert, dass ich froh bin, die erste Schwarze oder afrodeutsche Vizepräsidentin in Deutschland zu sein. Und dann habe ich das selber aufgeschrieben, weil gerade, was diese Begrifflichkeiten angeht, wusste ich, dass die Leute immer hadern, welchen Begriff sie benutzen sollen und welchen nicht. Deswegen gehe ich immer in die Vorhand und beschreibe mich selbst, um nicht fremdbezeichnet zu werden. Deswegen sage ich ganz bewusst, wie ich benannt werden möchte.

Herzlichen Dank für das Interview, Aminata Touré!

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Bildquelle:

Alina Schessler

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