Interview:

„Ich fühle mich gut, weil ich hässlich sein darf“

„Ich fühle mich gut, weil ich hässlich sein darf“

Der Fall von Vanessa Münstermann ging 2016 durch die Medien: Nachdem sich die damals 27-Jährige von ihrem Freund Daniel trennte, schüttete dieser ihr Säure ins Gesicht. Der Täter wurde zu 12 Jahren Haft verurteilt, doch die Spuren des Angriffs wird Vanessa ihr ganzes Leben lang tragen. Über ihren Weg zurück in ein geregeltes Leben hat Vanessa nun ein Buch geschrieben. Im Interview mit desired erklärt sie, warum sie sich nicht nach ihrem früheren Aussehen zurücksehnt und Frauen in Deutschland nicht ausreichend vor häuslicher Gewalt geschützt werden.

Vanessas Geschichte macht vielen Mut. Obwohl sie dies unmittelbar nach dem Säure-Angriff nicht für möglich hielt, hat sie inzwischen wieder Lebensmut gewonnen, eine Tochter zur Welt gebracht, und ist mit ihrer Jugendliebe verlobt. Um anderen Betroffenen Hoffnung zu geben, hat sie den Verein Ausgezeichnet e.V. gegründet, der Hilfe für körperlich entstellte Personen anbietet. In ihrem Buch „Ich will mich nicht verstecken“* berichtet sie von ihren Erfahrungen – offen und ungeschönt, wie in einem Tagebuch.

Vanessa Münstermann Ich will mich nicht verstecken
Vanessa hat zahlreiche Operationen hinter sich, möchte ihr Gesicht aber nicht verstecken.

desired: Du bist gelernte Kosmetikerin, also eigentlich Profi darin, Makel abzudecken. Trotzdem möchtest du dir deine vernarbte Gesichtshälfte nicht überschminken. Warum?

Vanessa Münstermann: Ich habe anfangs versucht, meine vernarbte Gesichtshälfte mit Kryolan, einer Theaterschminke zu überschminken. Damit habe ich mich aber ganz schlecht gefühlt, als hätte ich meinen Freund betrogen. Ich könnte mir auch noch eine Augenbraue tätowieren, ein normales Auge einsetzen und alles rekonstruieren lassen. Dann sähe ich „fast wie früher” aus. Ich habe aber Angst davor, mich mit Schminke so zu verstellen, dass ich psychisch darunter leide. 

Vielleicht habe ich auch einfach Angst davor, mir wieder zu wünschen, perfekt auszusehen. Ich fühle mich gut, weil ich hässlich sein darf. Wenn ich mir dieses Gefühl selbst wieder nehmen würde, würde mich das wieder in eine tiefe Depression reißen.

Vanessa Münstermann

Wie reagieren Menschen darauf, dass du mit deiner Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen bist?

Die meisten finden es toll, was ich mache. Viele Frauen schreiben mir, dass sie sich nicht zugetraut hätten, weiterzumachen. Die Medien haben mir auch geholfen. Ich mache keine Therapie, aber durch Interviews wie diese verarbeite ich das Ganze. An die Öffentlichkeit zu gehen war meine einzige Chance. Welche Strafe hätte Daniel denn bekommen, wenn ich nicht darauf aufmerksam gemacht hätte? Viele Leute denken aber, dass ich dafür richtig Kohle bekomme.

Manche Leute fragen mich zudem, was mit mir nicht stimmt, weil ich Daniel, den Täter, nicht hasse. Natürlich hasse ich ihn für die Tat. Aber sie verstehen nicht, dass mich das im Alltag stresst, wenn ich mit Hass verseucht bin. Da bin ich ihm überlegen: Anders als er bin ich nicht von Hass erfüllt.

Du hast einen Verein gegründet und veröffentlichst nun dein erstes Buch „Ich will mich nicht verstecken“*. Würdest du sagen, dass dieser Erfolg die beste Rache an deinem Ex-Partner ist?

Ich wollte ihm damit nie eins auswischen. Im Endeffekt ist der Typ krank und er würde es eh nicht verstehen, wenn ich mich damit an ihm rächen wollen würde. Ich gebe dem Ganzen vielmehr einen Sinn. Ich habe Angst, das Gefühl zu bekommen, dass ich nur ein Opfer bin. Wenn ich mich einschließen würde, hätte Daniel ja wirklich das bekommen, was er wollte: Mich zerstören. Es ist also keine Rache, sondern eher eine Aufmüpfigkeit. Ich wäre sonst schon tot, wenn ich nicht versuchen würde, der Sache etwas Positives abzugewinnen.

Hat dir schon mal jemand unterstellt, du hättest den Angriff verhindern können, wenn du dich einfach deinem Exfreund gebeugt hättest?

Ja, in meinem ersten Interview wurde ich gefragt, ob ich nicht vielleicht selbst Schuld an dem Angriff war. Ich habe noch nie so schnell ein Interview abgebrochen. Das war damals drei Tage vor dem Prozesstag und ich war ohnehin labil. Allein der Gedankengang ist absurd. Selbst wenn er mich in flagranti mit einem anderen erwischt hätte, würde es ihm nicht das Recht geben, mir Säure ins Gesicht zu schütten! Es gibt einfach keinen Punkt, an dem ich denke, dass sein Verhalten gerechtfertig war.

Erst kürzlich gab es einen Hype um die Netflix-Serie „You“: Joe ist besessen von der Protagonistin Beck, stalkt sie und wird gewalttätig. Er schafft es aber, eine freundliche Fassade zu wahren. Dein Ex-Freund wirkte nach außen hin anfangs auch sehr freundlich. Macht es das schwer, Warnsignale frühzeitig zu erkennen?

Nein, ich persönlich war einfach nur dumm wie Brot und bin lachend in die Kreissäge gesprungen, weil ein hübscher Typ mir den Hof gemacht hat. Es gab Warnsignale: Ich durfte nicht einschlafen, da ist er komplett ausgerastet. Er hat mich die Treppe hochgetreten und an den Haaren hochgezogen. Da fehlte es meinerseits einfach an Intelligenz. Das kann ich nicht entschuldigen und kann auch nicht sagen: Ich bin das arme Opfer. Nein, da war ich einfach nur blöd.

Suchen Frauen für das Fehlverhalten ihrer Partner häufig erst selbst die Schuld? Woran liegt das?

Wir Frauen haben oft Angst, alleine alt zu werden und keine Familie gründen zu können. Von klein auf werden uns Disney-Filme gezeigt, in denen die Prinzessinnen ihren Prinzen heiraten und Kinder bekommen. Es wird ja selten gezeigt, dass eine Frau auch alleine glücklich sein und Karriere machen kann. Wir sind darauf gepolt. Ich hatte zudem Minderwertigkeitsgefühle und dann kam so ein toller Mann, der mir den Hof gemacht hat. Da habe ich mich endlich geliebt gefühlt und alles mitgemacht. Ich habe sein Verhalten immer wieder entschuldigt, nur um geliebt zu werden.

Merkst du, dass es fremden Menschen schwerfällt, dir beim Gespräch ins Gesicht zu blicken?

Die Blicke sehe ich nicht. Früher hatte ich rote Haare und wurde auch angeguckt. Gerade als Mutter merke ich aber, dass andere Mütter nicht den Kontakt zu mir suchen. Die kennen mich oft schon aus den Medien und finden es traurig, was mir passiert ist. Aber ich merke ja, dass sie sich untereinander verabreden und wohl denken, dass ich lieber alleine sein will. 

Gerade junge Mädchen entwickeln durch Influencerinnen, Werbung oder Casting-Shows ein sehr striktes Schönheitsideal. Was wirst du deiner Tochter auf den Weg geben, wenn sie älter wird? 

Ich habe mich früher auch viel geschminkt und mir künstliche Wimpern angeklebt. Natürlich werde ich ihr das nicht verbieten, das wäre ja geheuchelt. Wenn ich heute aber manche 16-Jährige sehe, die aussehen wie 24, schüttelt es mich. Wenn ich Glück habe, werde ich ihre Pubertät miterleben. Wenn nicht, ist das auch Sinn und Zweck des Buches, dass sie dadurch ihre Mutter kennenlernt.

Meine größte Angst ist, dass sie meinetwegen gemobbt wird. Ich kann ihr mit auf den Weg geben, dass man auch anders leben kann. Ich bin der beste Beweis dafür, dass man nicht schön sein muss, um glücklich zu sein.

Vanessa Münstermann

Regst du dich darüber auf, wie oberflächlich manche Frauen sind, weil sie denken, dass ihre Schönheit von nichtigen Details abhängt?

Gar nicht. Vor ein paar Tagen war ich bei einer Geburtstagsfeier von Freunden und habe dort eine wunderschöne Frau kennengelernt. Es war kalt und sie stand in einer ganz dünnen Jacke da. Mir ging es bei dem Anblick so gut, weil ich mir dachte: Ich muss nicht mehr schön sein. Ich bin an dem Tag einfach in meiner Jogginghose und fettigen Haaren rausgegangen. Natürlich könnte ich mir auch Locken machen und mich schick anziehen. Mit etwas Make-up würde mein Gesicht nicht so arg katastrophal aussehen. Darauf habe ich aber gar keine Lust. Ich habe als Mutter andere Prioritäten und außerdem werde ich eh nie wieder richtig schön aussehen. Nach dieser Party habe ich zu meinem Freund gesagt: Ich bin so froh, hässlich zu sein. Sie hat so gefroren und ich muss das nicht mehr. Dahingehend hat mich Daniel befreit. Das wird von mir gar nicht mehr erwartet. 

Vanessas letzter Instagram-Post vor dem Säure-Angriff:

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Werden Frauen in Deutschland nicht ausreichend vor häuslicher Gewalt geschützt?

Ja, Frauen werden definitiv nicht genügend geschützt. Ich kenne eine andere Betroffene, deren Täter jetzt auf freiem Fuß ist. Sie hat mich unter Tränen angerufen und ich konnte ihr nicht helfen, denn ich werde in der gleichen Situation sein. Ich weiß nicht, was in 10 Jahren passiert, ob Daniel wieder versuchen wird, mich umzubringen oder er einen Auftragskiller bestellt. Wird er meine Tochter oder meinen Freund angreifen? Findet er heraus, wo ich wohne? 

Müsste sich politisch etwas ändern, damit betroffene Frauen besser geschützt werden?

In meinem Fall sieht man ja, was er mir angetan hat und seine Vorstrafen sind bekannt. Auch der Richter hat damals gesagt, dass er immer kriminell bleiben wird. Solche Menschen wie Daniel gehören in Sicherheitsverwahrung. Er ist ein sehr gutaussehender Mann und wenn er raus kommt, wird er um die 40 sein. Er wird auch wieder eine finden, die auf ihn hereinfällt und denkt, er habe seine Strafe abgesessen uns alles bereut. Dann wird er wieder der Charmante sein. Es ist nur eine Frage der Zeit. Vor Gericht hat ein Häftling ausgesagt, dass er heißes Wasser über einen anderen ausgekippt habe, mit den Worten: ‚Du wirst genauso aussehen wie Vanessa.‘ Er hat nichts bereut. Er wird wieder kriminell werden, ob mir oder einer anderen Frau gegenüber. Deswegen kann ich der Politik durchaus vorwerfen, dass sie keine strengeren Gesetze erlässt. 

Vielen Dank für das interessante Interview, Vanessa!

Wenn du selbst oder Frauen in deinem Umfeld von häuslicher Gewalt betroffen sind, kannst du dich an Frauenorganisationen wie BIG e.V. oder das Hilfetelefon für Frauen wenden. Hier erfährst du, wann du die Polizei einschalten solltest, und wie du oder die Betroffene gerichtlich vorgehen können.

Bildquelle:

Vanessa Münstermann

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