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Kommentar

Hört auf, euch über „die Jugend von heute“ zu beschweren!

Als Jugendliche möchte man nie genauso werden, wie seine Eltern. Man will kein spießiges Leben führen und sich über „die Jugend von heute“ beschweren. Je älter ich werde, desto mehr erwische ich mich und andere Menschen meines Alters aber dabei, genau in dieses Muster zu fallen – getreu dem Motto: Wer 9/11 nicht miterlebt und noch nie einen Plattenspieler bedient hat, hat doch keine Ahnung! Auf sein Alter stolz zu sein ist allerdings genauso bescheuert, wie auf seine Herkunft: Beides ist keine Leistung. Ein Plädoyer gegen das ewige Generationen-Shaming.

Willkommen im Club der Gleichaltrigen

Menschen sind oft echte Herdentiere. Man muss nur mal beobachten, wie schnell lokalpatriotische Gefühle erwachen, wenn in einem Büro die Diskussion darüber ausbricht, ob Berliner nun Kreppel oder Pfannkuchen heißen. Schnell bilden sich Teams und plötzlich wettern die Hessen überzeugt gegen die Rheinländer. Gemeinsamkeiten schaffen schnell ein Gefühl der Verbundenheit und gleichzeitig oft auch eine Ablehnung gegenüber Menschen mit anderen Erfahrungen. Was das mit dem Alter zu tun hat? Sehr viel. Eine ganz ähnliche Dynamik entwickelt sich nämlich, wenn in einer Gruppe von etwa 20-35-Jährigen ein beliebiges Thema aus den 90ern aufkommt: Die Älteren, die ihre Kindheit oder Jugend in diesem Jahrzehnt erlebt haben, werden sich damit brüsten, dass sie sich noch an eine total kultige TV-Show, an Frufo oder den Bildschirmschoner von Windows 95 erinnern. Während die Gleichaltrigen dann in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen, werden Jüngere, die sich am Gespräch beteiligen wollen, lieber zurechtgewiesen. Das kann dann so oder so ähnlich klingen: „Mag ja sein, dass du die Backstreet Boys von einer 90er-Trash-Partys kennst, ich hab aber ihren Auftritt bei ‚Top of the Pops’ damals schon auf Video-Kassette aufgenommen. Ach, sorry, Videos kennst du ja auch gar nicht mehr ...“

Hier darfst du ausnahmsweise mit deinem 90er-Jahre-Wissen glänzen:

Bist du ein 90er-Jahre-Experte?

Du bist in den 90ern geboren? Süß!

Dieses Szenario mag etwas überspitzt dargestellt sein, ich wette aber, dass ich nicht die einzige Anfang-30-Jährige bin, die ähnliche Gespräche schon viele Male erlebt hat. Und ja, auch ich habe schon öfter despektierlich mit Jüngeren geredet, die zu einer bestimmten Zeit in der Vergangenheit zufällig noch nicht das Licht der Welt erblickt haben. Manchmal reicht allein schon die Information, dass jemand erst 1995 geboren ist, um eine Überheblichkeit in mir auszulösen, die mich kurz später ziemlich anekelt. Menschen sind 10 Jahre nach dir geboren und jetzt schon volljährig? Get over it! Kein Mensch kann beeinflussen, wann er geboren wird. Ein bestimmtes Ereignis in der Geschichte miterlebt zu haben oder nicht ist weder eine persönlich Leistung, noch wird man dadurch automatisch mit Weisheit gesegnet. Aber: Selbsterkenntnis ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung!

Hilfe, so wollte ich nie werden!

Was mich an der überheblichen Besserwisserei und dem nostalgischen Gerede meiner Generation so nervt, ist die Tatsache, dass wir uns genauso verhalten, wie so ziemlich jede Generation vor uns. Egal, ob in der Antike oder in den 50er-Jahren: Ältere haben Jüngere immer für unwissend, unfähig, stillos oder weniger kultiviert gehalten. Früher machte man Rock'n'Roll für die vermeintliche Verblödung der Jugend verantwortlich, in meiner Jugend das Fernsehen und heute sind es Social-Media-Plattformen wie TikTok oder Snapchat. Ja, ich habe von TikTok oder den VSCO-Girls ungefähr so viel Ahnung wie mein Opa von Facebook. Allerdings sollte man – nur weil man etwas selbst nicht versteht – nicht den Fehler machen, alles Neue und Unbekannte abzuwerten. Es ist einfach und allzu verführerisch, zu behaupten, dass junge Menschen heutzutage eine Aufmerksamkeitsspanne von drei Sekunden haben, nur weil sie andere Kommunikationsmittel nutzen. Wer aber nicht so klingen möchte wie seine Eltern, sollte jüngere Menschen auch mal ernst nehmen und sie nicht ständig belehren, wie viel cooler doch damals alles war.

Hast du etwas Nachhilfe in aktueller Jugendkultur nötig? Bittesehr!

Nina Everwin
Nina Everwin, desired-Redakteurin für Lifestyle & Women und Host des desired-Podcast

Neugierig statt verbittert sein

Bevor sich dieses schreckliche besserwisserische Gehabe gegenüber Jüngeren bei mir verfestigt, nehme ich mir vor, in Zukunft offener zu sein. Vieles wirkt in der Tat auf mich unverständlich und ich habe das Vorurteil, dass junge Menschen heutzutage außer oberflächliche Influencer kaum eine nennenswerte Jugendkultur zustande gebracht haben. Aber: Ich will nicht alt werden und immer mehr darüber reden, dass früher doch alles noch authentischer, cooler und rebellischer war. Denn durch diese nostalgischen Träumereien verschließe ich mich davor zu verstehen, wie jüngere Generationen wirklich ticken. Keine Angst, ich werde mich nicht anbiedern, ein peinliches TikTok-Profil erstellen und nur noch Cloud Rap hören. Aber ich versuche, künftig weniger Geschichten von damals zu erzählen und ein offeneres Ohr für Geschichten von heute zu haben. Denn seien wir mal ganz ehrlich: Diese sich ständig wiederholenden Gespräche über die kultigen 90er gehen doch langsam wirklich allen auf die Nerven, oder?

Bildquelle:

imago images/Westend61

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