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Wie die „Black Lives Matter“-Bewegung mein Denken über Rassismus nachhaltig beeinflusst hat

Ein Jahr später

Wie die „Black Lives Matter“-Bewegung mein Denken über Rassismus nachhaltig beeinflusst hat

Ein Jahr ist es her, dass der Afro-Amerikaner George Floyd von einem Polizisten auf offener Straße ermordet worden ist. Die knapp neuneinhalb Minuten, die sein Todeskampf auf Film zeigen, sind nur schwer mit anzusehen und lösten in vielen Menschen nicht nur Trauer, sondern auch Wut aus. Unter dem Motto „Black Lives Matter“ gingen weltweit Millionen Menschen auf die Straße. Die furchtbare Tat löste eine Diskussion aus, die längst überflüssig war – und die viele Menschen zum Umdenken brachte. Auch mich.

Falls ihr euch jetzt fragt: War sie vorher etwa eine Rassistin? Nein, war ich nicht. Zumindest nicht mehr als die meisten von uns. Gewisse rassistische Denkmuster haben wir wohl alle verinnerlicht. Trotzdem war mein Verhältnis zum Thema Rassismus schwierig. Ich wollte einfach nicht, dass er existiert und das konnte ich mir am besten einreden, indem ich möglichst nicht darüber sprach. Wann immer das Thema Rassismus aufkam, wäre ich am liebsten geflüchtet. Ich denke, so geht es vielen Menschen. „Egal ob weiß, schwarz, braun, grün oder blau – ich sehe keine Farben, für mich sind alle Menschen gleich“, ist so ein Satz, den ich schon viel zu oft gehört habe. An sich ein schöner Gedanke – leider verharmlost er strukturellen Rassismus.

Wo kommst du denn wirklich her?

Die meisten Leute glauben wohl deshalb, dass es kein Rassismus-Problem in Deutschland gibt, weil sie selbst nie mit Rassismus in Berührung gekommen sind. Bei mir ist das etwas anders. Ich habe einen schwarzen Opa. Und auch das habe ich schon viel zu oft fremden Menschen erklären müssen, die unbedingt wissen wollten, „wo ich denn wirklich herkomme“. Dass das auch eine Form des Alltagsrassismus ist, eine sogenannte Mikroaggressionen, war mir lange nicht klar. Ich habe an sich kein Problem damit, wenn mich jemand nach meiner Hautfarbe oder „meinen Wurzeln“ fragt, solange sich das einigermaßen natürlich im Gespräch ergibt. Doch wenn mich jemand schon nach wenigen miteinander gewechselten Sätzen fragt und meine Antwort („aus einer Kleinstadt in Niedersachsen“) dann nicht akzeptiert, finde ich das schon extrem übergriffig.

Lange Zeit dachte ich, ich müsste das einfach akzeptieren. Und ich hätte auch nie offen angesprochen, dass das ein Problem für mich ist. Damit hätte ich ja zugegeben, dass meine Hautfarbe in meinem Leben eben doch irgendwie eine Rolle spielt, hätte selbst auf meine „Andersartigkeit“ hingewiesen und darauf, dass die Hautfarbe in unserer Gesellschaft noch immer nicht egal ist. Im schlimmsten Fall hätte man mich bemitleidet und irgendeine überdurchschnittlich blasse Person hätte erklärt, wie schrecklich sie das fände. Sie wüsste ja, wie das ist, für ihre Blässe würde sie schließlich auch ständig dumme Sprüche kassieren. Das Problem ist jedoch, dass Menschen mit einer dunkleren Hautfarbe eben nicht nur dumme Sprüche ertragen müssen. Die sind nur die Spitze des Eisbergs getragen von Diskriminierung in der Schule, auf der Wohnungs- und Jobsuche oder durch die Polizei.

Dass etwas nicht böse gemeint ist, heißt nicht, dass es nicht verletzen kann

An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich selbst das Glück hatte, nie auf diese Weise angefeindet worden zu sein. Die Befürchtung, dass das irgendwann einmal anders sein könnte, ist jedoch trotzdem nie ganz weg und jeder Hinweis darauf, dass ich nicht aussehe wie die typische Deutsche, kann ein Stich in die Wunde sein, selbst wenn das gar nicht die Intention ist. Die meisten Kommentare, die ich in meinem Leben zu meiner Hautfarbe bekommen habe, waren nicht böse gemeint, teils sogar positiv. Trotzdem können sie verletzend sein. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut daran, dass Freundinnen und ich überlegten, welcher Charakter aus der Serie „One Tree Hill“ wir wohl wären. Eine Freundin meinte dann, ich könnte doch Skills sein. Für alle, die die Sendung nicht kennen: Skills ist ein schwarzer, männlicher Basketball-Spieler mit Glatze. Vermutlich war das nur als Witz gemeint, doch für mich stach folgende Message heraus: Meine Hautfarbe ist das Merkmal, das mich am meisten ausmacht.

Auch wenn Menschen meine Haare anfassen wollten oder meinten, dass ich durch meine „afrikanische Herkunft“ doch sicher super gut tanzen könnte, war das meist nett gemeint. Und trotzdem ist es problematisch. Letzteres stimmt leider nicht, ersteres ist übergriffig. Und beides trägt dazu bei, rassistische Klischees und Denkmuster nur immer weiter zu reproduzieren. Früher habe ich solche Sachen nie kommentiert, auch heute würde mir das noch immer schwerfallen. Denn ich möchte niemandem ein schlechtes Gewissen machen. Doch das ist eine der wichtigsten Lektionen, die mich die „Black Lives Matter“-Bewegung gelehrt hat. Es ist wichtig, rassistisches Verhalten zu erkennen und anzusprechen und unsere Definition von Rassismus noch einmal zu überdenken. Meist verstehen wir darunter Anschläge auf Flüchtlingsheime oder offene Beleidigungen. Doch leider gibt es Rassismus auch im Kleinen und solange wir uns das nicht bewusst machen, werden wir auch an den großen Problemen nicht viel ändern.

Rassismus ist nur eine Form der Diskriminierung. In der Body Positivity Bewegung kämpfen Menschen für die Akzeptanz marginalisierter Körper. Im Video zeigen wir dir, was genau dahinter steckt. 

Rassismus ist nicht nur ein Problem der Betroffenen

Ich halte nicht viel davon, Menschen ihre unbedachten Äußerungen vorzuhalten und plötzlich jeden, der sich ungeschickt ausdrückt, als Rassisten zu bezeichnen. Wir alle können mal etwas Dummes sagen, während ich diesen Text hier schreibe, habe ich mindestens fünfmal überlegt, ob ich das jetzt wirklich so schreiben kann, ob ich nicht zu oft das Wort Hautfarbe benutze und ob ich manche Begriffe nicht besser in Anführungszeichen setzen sollte. Genau deshalb denke ich eben auch, dass es wichtig ist, dass weiße Menschen (und alle anderen auch), die auf einen Fehler aufmerksam gemacht werden, sich nicht sofort angegriffen fühlen. Es ist an der Zeit, dass wir begreifen, dass wir auch in Deutschland noch immer ein Rassismus-Problem haben und dass wir dieses nur lösen können, wenn wir gemeinsam daran arbeiten. Ich selbst wollte lange nichts davon wissen und schon gar nicht nur durch meine Hautfarbe in den Aktivismus gezwungen werden. Ich dachte, je weniger ich das Thema Rassismus thematisiere, desto weniger betrifft es mich. Heute sehe ich das anders und dazu hat die „Black Lives Matter“-Bewegung einen wesentlichen Teil beigetragen. Denn das Thema betrifft mich unabhängig von meiner Hautfarbe, weil es eben nicht nur „People of Colour“, sondern unsere gesamte Gesellschaft betrifft. Es ist nicht nur ein Problem derer, die darunter leiden müssen, sondern auch derer, die nichts dagegen unternehmen.

Bildquelle:

istock/LeoPatrizi

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