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Kommentar

Können nur Jungs mutig sein?

Können nur Jungs mutig sein?

In Zeiten, wo Modeketten auf Geschlechtertrennung verzichten und genderneutrale Vornamen im Kommen sind, könnte man meinen, dass ein Umdenken auch in den Schullehrplänen stattfindet. In einer Schule in Sachsen-Anhalt scheint dies aber nicht der Fall zu sein: Viertklässler sollten auf einem Arbeitsblatt bestimmte Eigenschaften Jungs und Mädchen zuordnen. Wer dann etwa „mutig“ und „kurze Haare“ den Mädchen zuteilte, bekam Punktabzug. Wird so etwas wirklich an Schulen gelehrt oder wurde hier ein grober Fehler begangen?

Das hitzig debattierte Aufgabenblatt

Hätte eine Mutter das Foto eines Arbeitsblattes nicht öffentlich auf Facebook gepostet, wäre die nun heiß diskutierte Schulaufgabe wohl unbemerkt geblieben. Schließlich handelt es sich um Unterrichtsmaterial von Viertklässlern, die die Aufgabe noch nicht kritisch hinterfragen können. Auf dem Arbeitsblatt aus dem Fach Ethik wird den Kindern die Frage gestellt: „Welche Wörter gehören zum Jungen, welche zum Mädchen? Kreise die Begriffe der Mädchen rot ein, die der Jungen blau.

Es war allerdings nicht die Aufgabenstellung alleine, die für den Stein des Anstoßes sorgte, sondern vielmehr die Bewertung der Lehrerin. Während die Begriffe „Computer spielen“, „Rock“, „Lego spielen“, „laut“, „Bruder“ oder „Schminke“ ihrer Meinung nach richtig zugeordnet wurden, gab es einen halben Punkt Abzug für den roten Kreis um „mutig“. Nicht nur Sandra Goldschmidt, die das Foto auf Facebook postete, fand das skandalös, sondern auch Tausende Facebook-User, die den Post bisher kommentiert und geteilt haben.

Nicht alle Kommentatoren hielten die Schulaufgabe jedoch für bedenklich. An vielen Stellen wurde auch darüber gemutmaßt, ob die Aufgabe tatsächlich aus einer Sachsen-Anhaltiner Schule stammte oder doch vielleicht nur ein Fake sei. Das machte auch mich skeptisch, denn aus den Kommentaren ging auch hervor, dass es sich dabei nicht um eine Schulaufgabe von Sandra Goldschmidts Sohn handelte.

Das kann doch nur ein Fake sein?

Ein womöglicher Fake war auch mein erster Gedanke. Ich konnte mir nicht so recht vorstellen, dass gerade in einem Fach wie Ethik eine solche Aufgabe gestellt wird, ohne im Anschluss nicht über Geschlechterklischees zu diskutieren. Wurde bei dieser Aufgabe vielleicht etwas weggelassen?

Wie Sandra Goldschmidt der FAZ erklärt, stamme das Foto aus einer internen Facebook-Gruppe für Eltern und wurde dort von einer befreundeten Mutter gepostet, die anonym bleiben wolle. Zudem ist ein weiteres Foto der gleichen Schulaufgabe aufgetaucht, auf dem wiederum ein Kind korrigiert wurde, das Mädchen „kurze Haare“ zugeordnet hatte.

Es handelt sich also nicht um einen Fake, wie auch der Sprecher des Bildungsministeriums von Sachsen-Anhalt, Stefan Thurmann dem Magazin Bento bestätigt. Der Name der Lehrerin oder der Schule wurde nicht bekannt gegeben, um die betroffene Lehrerin zu schützen. Fest steht aber, dass es sich dabei um einen Test einer vierten Förderschulklasse im Burgenlandkreis handelt.

Aufgabe falsch verstanden?

Ich konnte einfach nicht glauben, dass das Eintrichtern von Rollenklischees in Sachsen-Anhalt auf dem Lehrplan steht. Also bat ich zwei befreundete junge Lehrer um ihre Einschätzung. Beide waren sich einig, dass man solche Zuschreibungen nicht in einem Test abfragen, sondern eher mit den Schülern diskutieren sollte. Um sich wirklich darüber aufzuregen, fehlte ihnen jedoch der Kontext, in dem die Aufgabe in den Unterricht eingebettet war.

Es drängt sich immer mehr der Eindruck auf, dass die Lehrerin, sofern es sich wirklich um einen in sich geschlossenen Test handelt, die Aufgabenstellung missverstanden hat. Denn wie der Pressesprecher Thurmann der Zeitung Welt erklärt, handelt sich nicht um offizielles Unterrichtsmaterial, sondern um eine Abwandlung der sogenannten „Niveaubestimmenden Aufgaben“. Hier findet sich eine ganz ähnliche Aufgabe, bei der die Schüler jedoch Eigenschaften sowohl Jungen, als auch Mädchen zuordnen können. Anschließend werden sie zudem dazu aufgefordert, Gründe dafür zu benennen. So ergibt diese Aufgabe gleich viel mehr Sinn! Mehr über die Geschlechtervorstellungen von Grundschülern erfährst du in diesem Buch.*

So haben sich Eltern und Lehrerin geeinigt

Da der Name der Schule nicht bekannt gegeben wurde, konnten wir die Lehrerin selbst nicht um ein Statement bitten. Die Schulleitung hat jedoch schnell reagiert und nur zwei Tage nach dem Shitstorm auf Facebook ein Gespräch zwischen der Lehrerin und den Eltern organisiert. Laut Bento ging daraus hervor, dass die Lehrerin die Aufgabe nicht absichtlich falsch dargestellt hatte und einsah, dass eine Diskussion mit den Schülern sinnvoller gewesen wäre. Die aufgebrachten Eltern und die Lehrerin seien sich schlussendlich auf jeden Fall einig geworden und Letztere habe nicht mit weiteren Konsequenzen zu rechnen.

Das Schulsystem ist nicht verloren

Nina Röller
Nina Röller

Ich kann verstehen, dass die Aufgabe in dieser Form für Empörung gesorgt hat. Jedoch sollte man meiner Meinung nach auch nicht überreagieren. Es ist schließlich nicht so, als stünde das Auswendiglernen von Geschlechterklischees auf den deutschen Lehrplänen. Das Gegenteil ist ja eigentlich der Fall. Dass eine Lehrerin das Lernziel anscheinend aus den Augen verloren hat, ist ärgerlich. Es handelt sich dabei aber wohl eher um die Ausnahme als die Regel.

Auch dass so schnell seitens der Eltern und der Schule reagiert wurde, zeigt doch, wie sensibilisiert viele Menschen heutzutage bei diesen Themen sind. Die sofortige Kündigung der Lehrerin, wie sie in vielen Facebook-Kommentaren gefordert wird, halte ich jedoch nicht für notwendig. Auch Lehrer, die mehr pädagogisches Feingefühl haben sollten, können Fehler machen, aus denen sie genauso wie ihre Schüler lernen können.

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Bildquelle:

iStock/Getty Images/Milkos

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