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Interview

Johanna Klug: „Die Arbeit mit Sterbenden gibt mir Lebensfreude“

Mit dem Tod befassen wir uns meist nur dann, wenn Angehörige im Sterben liegen oder wir selbst schwer erkranken. Abgesehen davon wird der Tod hierzulande doch eher tabuisiert. Johanna Klug möchte das ändern: Die 28-Jährige begann schon früh, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und ließ sich zur Sterbe- und Trauerbegleiterin ausbilden. In ihrem bewegenden Buch „Mehr vom Leben: Wie mich die Begleitung Sterbender verändert“ schildert Johanna, was sie von jungen und alten Sterbenden gelernt hat. Im Interview hat sie uns außerdem verraten, woher sie die Stärke nimmt und wie sich jeder mit seinem eigenen Tod auseinandersetzen kann.

Dies ist die gekürzte Version des Interviews. Das vollständige Gespräch kannst du dir im aktuellen desired-Podcast anhören!

desired: Du bist nun schon seit einigen Jahren Sterbe- und Trauerbegleiterin. Was war dein erster Berührungspunkt mit dem Thema?

Johanna Klug: Wenn ich richtig weit zurückdenke, war das der Tod meines Opas. Das war damals ein riesiger Trubel. Meine Schwestern und ich wurden da ziemlich außen vor gelassen, wahrscheinlich war das ein Schutzmechanismus. Wir haben davon gar nicht viel mitbekommen. Er war dann auf einmal weg. Zurück blieb das komische Gefühl, dass ein Mensch auf einmal nicht mehr da ist, aber mit sechs Jahren kann man das ja noch gar nicht richtig begreifen.

Der erste richtige Berührungspunkt mit dem Tod kam dann, als ich mit 16 Jahren begann, im Altenheim zu arbeiten. Da war ich bereits in der Sterbebegleitung aktiv ohne es selbst zu wissen. Dort habe ich dann auch miterlebt, wenn jemand gestorben ist.

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Die meisten Menschen würden sich ungern täglich mit dem Thema Tod beschäftigen. Du hast aber nach deinen Erfahrungen im Altersheim auch ehrenamtlich in der Sterbehilfe gearbeitet. Wie kam die Lust, oder vielmehr das Interesse, dafür?

Wir sind immer so gehemmt zu sagen: Das ist deine Leidenschaft oder so etwas wie „Viel Spaß im Hospiz“ – da fragte mich meine Mitbewohnerin, ob man das so sagen kann. Ich denke mir: Warum nicht! Ich gehe gerne ins Hospiz oder die Palli (Anm. d. Red.: Palliativmedizin). Wir verbinden mit solchen Themen immer so eine Schwere, dabei ist es total normal. Jeder muss irgendwann sterben, das ist die Gewissheit unseres Lebens. Am liebsten schieben wir das aber aus unserem Alltag komplett raus.

Ich wusste damals gar nicht, was Palliativmedizin und Hospizarbeit ist. In meinem Auslandssemester in den Niederlanden hatte ich den Geistesblitz, dass ich unbedingt sterbende Menschen begleiten will. Ich wusste gar nicht, woher der Gedanke kam, er war einfach da und hat sich so unglaublich richtig angefühlt.

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Viele Menschen finden es toll und ehrenwert, wenn Menschen ehrenamtlich arbeiten, machen es dann aber doch nie, weil sie denken, sie schaffen das nicht ...

Ja, weil sie es aber auch einfach nie ausprobieren! Ich weiß nicht, wo die Hürde liegt. Manche sagen auch, dass es ein Luxus ist, ein Ehrenamt zu leisten. Ich habe aber auch nebenbei immer noch gearbeitet, um mich finanzieren zu können im Studium – noch neben dem Ehrenamt. Ich habe das auch hinbekommen, weil es mir wichtig war. Ich mache die Sterbebegleitung nach wie noch ehrenamtlich. Ich verdiene damit kein Geld, weil ich nicht wüsste, welchen Betrag ich dafür nehmen würde. Egal, an was für einen Beitrag ich da denke, erscheint der mir irgendwie unpassend. Ich will auch kein Geld dafür, weil ich Angst hätte, die Leidenschaft zu verlieren, wenn ein materieller Anspruch dahinter stünde.

Du schreibst in deinem Buch, dass dir dir Arbeit mit Sterbenden Lebensfreude gibt. Die meisten Menschen würde ja eher denken, dass es einen oft auch runterzieht, andere so oft sterben zu sehen. Gibt es nicht auch Tage, an denen du dir eine Pause von dem Thema Tod wünschst?

Ja und nein. Es gehört eben einfach zum Leben dazu und diese traurigen, aggressiven oder schweren Momente sind ja auch ein Teil von uns. Wir sind in unserer Gesellschaft gut darin geworden, diese Gefühle zu unterdrücken. Die kommen aber irgendwann wieder, auch in Form von irgendwelchen Krankheiten. Ich lese gerade ein super interessantes Buch, wo Studien aufgeführt werden, die besagen, dass die Unterdrückung von Wut auch Krebserkrankungen auslösen können. Das ist natürliche ein komplexes Gefüge, aber wenn wir Emotionen wegdrücken, ist das nicht unbedingt gut. Bei der Begleitung auf der Palliativstation und im Hospiz habe ich gelernt, diese Gefühle nicht einfach wegzudrücken, sondern, dass diese auch eine Berechtigung haben.

In deinem Buch schreibst du: „Erst wenn ich mich mit meinem eigenem Sterben auseinandergesetzt habe, kann ich auch andere Menschen begleiten.“ In diesem Satz steckt sicher viel Wahres, doch was bedeutet es genau, sich mit seinem eigenen Sterben auseinanderzusetzen – über das bürokratische hinaus?

Mit dem Greifbaren fängt es immer an: Eine Patientenverfügung aufsetzen, eine Vorsorgevollmacht und sich mit der Familie und Freund*innen eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen und dann über die eigene Beerdigung und das Sterben zu philosophieren und nachzudenken. Dann wird man merken, dass man mit seinen Gedanken, Ängsten und Wünschen nicht alleine ist. In den letzten Wochen habe ich Vorträge an Schulen gehalten. Was da entsteht, ist unglaublich. Kinder sind einfach die weisesten Wesen überhaupt. Wie die auch schon mit dem Tod konfrontiert wurden – dabei sprechen wir ihnen das immer ab oder reden nicht darüber, dabei ist so ein großes Bedürfnis da. Wenn ich den Raum zum Gespräch öffne, kommt oft so viel zurück. Das zeigt ein großes Bedürfnis in unserer Gesellschaft sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, egal auf was für einer Ebene. Egal, welche Form das annimmt, es ist wichtig, in Kontakt darüber zu kommen, weil uns das alle verbindet.

Im vollständigen Podcast-Gespräch erklärt Johanna, wie man am besten mit Kindern über den Tod spricht und welchen Einfluss die Corona-Krise auf den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema Sterben hatte:

Noch mehr spannende Interviews von bewundernswerten Frauen findest du in unserer Themenreihe:

EmpowHER: Unsere Themenreihe zu inspirierenden Frauen

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Bildquelle: Hendrik Nix

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