Vulvae
Nina Rölleram 28.11.2017

Verwendest du auch häufiger die Bezeichnung Vagina für weibliche Geschlechtsorgane? Dann solltest du dich von Vulvae eines Besseren belehren lassen: Das Berliner Künstlerkollektiv setzt sich intensiv mit der weiblichen Anatomie und vor allem mit der sexuellen Lust auseinander. Ich habe mit Vulvae über unseren Sprachgebrauch, Schamlippenverkleinerungen und Schönheitsideale gesprochen und erfahren, was am Begriff Vagina so problematisch ist.

Bevor wir anfangen, über eure Kunst zu sprechen: Warum arbeitet ihr eigentlich als Künstlerkollektiv?

Clitzilla

Die Klitorisskulptur Clitzilla lenkt den Fokus auf die weibliche Lust.

Ein Kollektiv bietet die Möglichkeit für Diversität. Auf unserer Ausstellung „Vive la V!“ am 28. Oktober in Berlin konnten wir viele sehr unterschiedliche Künstler und Künstlerinnen und deren Stile zeigen, was die Ausstellung sicherlich besonders spannend gemacht hat. Darunter waren auch zwei Männer, unser Kollektiv schließt also niemanden aus.

Sind manche eurer Themen so heikel, dass ihr euch lieber als „Vulvae“ präsentiert, anstatt unter euren eigenen Namen?

Wir wollen einen Dialog öffnen und uns stark von dem Wort „heikel“ distanzieren, denn für uns ist ein allgemeiner Diskurs erst möglich, wenn die sogenannten heiklen Themen an Befremdlichkeit verlieren. Vulvae steht dabei gewiss nicht für ein Pseudonym, hinter dem man sich zu verstecken hat, sondern für ein Gedankengut (siehe unser Manifest), das jeder der beteiligten Künstler und Künstlerinnen unter seinem eigenen Namen vertritt. Die Frage lässt sich also klar mit Nein beantworten.

Ihr kritisiert, dass im allgemeinen Sprachgebrauch der Begriff Vagina anstelle von Vulva für das weibliche Geschlechtsorgan verwendet wird. Anatomisch habt ihr damit natürlich recht. Wenn ich von Vaginas rede, meine ich aber eigentlich auch die von außen sichtbaren Organe. Geht es nicht den meisten Menschen so?

Den meisten Menschen geht das so, wenn sie den Begriff Vagina verwenden. Ganz einfach aus dem Grund, weil der Begriff Vulva ungewohnt ist. Zudem wissen viele auch nicht, dass mit Vulva die gesamten äußeren weiblichen Geschlechtsorgane (innere und äußere Lippen, Venushügel, Scheidenvorhof und der sichtbare äußere Teil der Klitoris) gemeint sind. Die Vagina ist das innenliegende schlauchförmige Gebilde, das Organ, welches Scheidenvorhof und den äußeren Muttermund miteinander verbindet.

Wird die weibliche Sexualität also nur provokant ausgedrückt auf „das Loch“ reduziert?

Indem wir von Vagina anstatt von Vulva reden, ignorieren wir sprachlich die Vulva. Das heißt, das weibliche Organ wird lediglich auf das Negativ des Penisses reduziert. Diese Reduktion der weiblichen Sexualität auf „ein Loch“ ist nicht nur auf diese Art des Sprachgebrauchs zurückzuführen, sondern auch auf den Bereich schulischer Sexualpädagogik. Schüler und Schülerinnen wird vermittelt, dass der männliche Samenerguss und so die männliche Sexualität für die Reproduktion wichtig sind. Weiblicher Sexualität wird dieser Raum nicht zugestanden, weil diese für die Reproduktion nicht von Bedeutung ist. Sprechen wir jedoch von der Vulva, dann sprechen wir auch über die weibliche Lust.

In eurem Manifest schlagt ihr auch den Begriff STOLZLippen anstelle von Schamlippen vor. Glaubt ihr, eine solche Bezeichnung könnte sich in Zukunft durchsetzen?

Der Begriff STOLZLippen darf durchaus mit einem zwinkernden, positiv-provozierenden Auge verstanden werden. Uns geht es um das Hinterfragen etablierter Sprachgewohnheiten, die unbewusst auf unser Verständnis von Körpern und Sexualität einwirken. Dabei geht es vor allem um eher negativ besetzte Konnotationen für das weibliche Geschlechtsorgan. Warum wenden wir uns nicht ab von negativen Assoziationen wie Scham und werden ein bisschen kreativer? Laura Mérrit hat in ihrem Buch „Frauenkörper neu gesehen“* beispielsweise den Begriff Venuslippen vorgeschlagen, den wir auch sehr schön finden.

Aber es kann und soll niemandem etwas verboten werden. Wir verstehen den Begriff STOLZLippen daher als ein Angebot. Ein Angebot, das, wenn es aufgegriffen wird, sich mit etwas mehr Humor sicherlich auch durchsetzen kann. Wir haben für uns festgestellt, dass wir ein immer größeres Problem mit dem Wort Scham haben, sodass wir nun eher versuchen, es zu umgehen. Denn die Vulva gehört zu unserem Körper so wie jeder andere Körperteil auch. Es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen.

Ihr problematisiert weibliche Beschneidungen und Schönheits-Operationen an der Vulva gleichermaßen. Lauft ihr damit nicht Gefahr, gewaltsame Beschneidungen zu verharmlosen?

Natürlich besteht ein Unterschied zwischen den beiden Eingriffen und wir möchten weibliche Beschneidungen durch diesen Vergleich keinesfalls verharmlosen. Die Gemeinsamkeit, die wir hier dennoch sehen, ist, dass beide Praktiken aus sozialen Normvorstellungen heraus entstanden sind. Der wertende, männliche Blick auf die Vulva führt in beiden Fällen dazu, dass der Körper der Frau physisch verändert wird – und das gewaltsam oder freiwillig. Gleichzeitig besteht die Gefahr, fremd bestimmte Ideale zu verinnerlichen und in eigene Idealvorstellungen umzuwandeln.

Der Vergleich soll aufzeigen, dass solche Normen und die daraus hervorgehenden Praktiken hinterfragt werden müssen – ohne dabei erzwungene weibliche Beschneidung im Vergleich zur „freiwilligen“ Intimchirurgie relativieren zu wollen. Wir sehen die weibliche Beschneidung als ein schreckliches Verbrechen, das es vordergründig zu bekämpfen gilt! Unser Künstler und Künstlerinnenkollektiv setzt sich jedoch intellektuell und visuell mit jeglicher Verfremdung der Vulva auseinander.

Wenn eine Frau sich zum Beispiel zu einer Verkleinerung ihrer inneren Schamlippen entscheidet, tut sie das womöglich, um sich selbst zu gefallen und ihre Sexualität unbeschwerter zu genießen. Ist das wirklich so problematisch?

Das ist eine sehr gute Frage, wir möchten sie jedoch zurückgeben: Wie kann es sein, dass die Länge und Form der inneren Lippen die Sexualität überhaupt beschwert? Die Problematik liegt hier in dem Schönheitsideal, das vermittelt wird. Die meisten Frauen sehen nämlich nicht so aus, wie es die Merkmale der sogenannten Designer Pussy vorschreiben, also dass die inneren Lippen klein und symmetrisch sind und von den äußeren Lippen verdeckt werden.

Wenn sich eine Frau also zu einer Operation entschließt, weil sie denkt, sie sei nicht „normal“, dann sehen wir den Eingriff als problematisch an.

Vulvae

Natürlich kommt es auf den individuellen Körper an ,und wenn eine OP in bestimmten Fällen tatsächlich dabei hilft, das eigene Lustempfinden zu verbessern, spricht nichts dagegen. Frau muss jedoch bedenken, dass es sich bei den inneren Lippen um Schleimhäute handelt, die durch eine OP mit Narbengewebe versehen werden. Das Narbengewebe ist aber weder elastisch noch mit natürlicher Feuchtigkeit versehen, sodass bei Bewegung, egal ob Sport, Penetration oder Geburt, oft Komplikationen entstehen. Das bestätigen auch Statistiken von medizinischen Nachbehandlungen. Noch schlimmer: Es werden Nervenenden getrennt und sexuelle Lustfläche entfernt.

Wir haben nachgeforscht, warum sich Frauen trotz dieser Risiken ihre Schamlippen verkleinern lassen.

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Lassen sich eurer Meinung nach Schönheitsideale, mit denen man seit der Kindheit konfrontiert ist, überhaupt durch Aufklärung und Kunstwerke, wie ihr sie macht, verdrängen?

Das hoffen wir! Wobei wir nicht verdrängen wollen, sondern verändern.
Indem wir negative Assoziationen reflektieren und positiv neu besetzen, versuchen wir den Vulva-Horizont eines jeden Besuchers durch unsere Kunst zu erweitern. Im Gegensatz zu anderen Körperstellen fehlt es unserer Gesellschaft hinsichtlich der weiblichen Geschlechtsorgane an visueller Repräsentation. Insofern sind die Schönheitsideale, die sich viele Frauen für eine Vulva ausmalen, vor allen Dingen von Unsicherheit beeinflusst.

Dagegen liefern wir Bilder, die einen leichten, ästhetischen und natürlichen Zugang bieten. Viele Besucher und Besucherinnen haben uns bestätigt, dass die Ausstellung einen sicheren Raum zum Austausch geboten hat, der das Selbstwertgefühl gegenüber der eigenen Vulva gestärkt hat und auch Männer in den Diskurs eingeladen hat.

Ihr seid momentan nicht die einzigen Künstlerinnen, die die Gesellschaft mit realistischen Vulva-Darstellung konfrontieren. Reagieren viele Menschen auf eure Kunstwerke dennoch überrascht oder beschämt?

Bisher hatten wir das Gefühl, dass das Publikum eher überrascht als beschämt reagiert. Allein der Umgang mit dem Wort Vulva ruft bei vielen schon ein befremdliches Gefühl hervor. Auf unserer Ausstellung wurde damit sehr selbstsicher umgegangen und in unserem Team ist der Begriff sowieso längst selbstverständlich. Wir haben außerdem beobachtet, dass unser offener Umgang auf andere anfängt abzufärben. So waren viele im ersten Moment beim Anblick unserer Werke vielleicht etwas irritiert oder überrascht, beim zweiten Hinsehen aber auch neugierig und interessiert. Gerade die Fotografien und Gipsabdrücke boten natürliche Bilder und Formen von realen Vulven, die neben dem künstlerischen auch noch einen aufklärerischen Charakter haben.

Ihr kritisiert, dass Vulven in der Regel retuschiert und niemals mit herausragenden inneren „STOLZlippen“ gezeigt werden. Ist das aber nicht beim männlichen Geschlecht ähnlich? Hängende Hoden oder Vorhautverengungen begegnen einem sowohl in Biologiebüchern als auch in Pornos eher selten, oder?

Dass Vulven mit sichtbaren inneren Lippen „niemals“ gezeigt werden, stimmt nicht. Natürlich werden auch unretuschierte Vulven gezeigt. Die Frage, die wir uns hier stellen, ist vielmehr, in welchem Kontext dies geschieht. Beim männlichen Geschlecht ist das ähnlich. Wir beobachten, dass Genitalien oftmals in einem stark sexualisierten Zusammenhang abgebildet werden. Sehen wir einen Penis, dann ist er meist erigiert. Doch wo sind all die Bilder der nicht erigierten Penisse?

Unsere Geschlechter sind mehr als nur Sexinstrumente und wir würden uns freuen, auch in diesem Kontext mehr hängende Hoden, Vorhautverengungen und Mikropenisse sehen zu dürfen.

Vulvae

Nichtsdestotrotz steht der Penis immer noch für das „sichtbare“ Geschlecht. Dies gilt auch in der bildenden Kunst, wenn wir an die unzähligen Statuen und Gemälde denken. Hier ist es Zeit, Bilder und Formen zu ergänzen und das weibliche Geschlecht gleichermaßen und mit derselben Anerkennung zu repräsentieren. Wir müssen endlich damit anfangen, unsere Diversität bewusst wahrzunehmen, sie zu akzeptieren und zu lieben.

Ich danke euch für das Interview und die vielen interressanten Denkanstöße!

Wenn du mehr über die Kunst von Vulvae erfahren möchtest, kannst du ihnen auf Instagram oder Facebook folgen.

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