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Statt leerer Floskeln: Wie du Wertschätzung richtig zeigen kannst

Statt leerer Floskeln: Wie du Wertschätzung richtig zeigen kannst

Wertschätzung wird in unserer Gesellschaft völlig unterschätzt. Dabei ist sie nicht nur der beste Motivationsfaktor im Berufsleben, sondern auch essenziell für Beziehungen und unser psychisches Wohlergehen – davon ist der renommierte Psychologe Prof. Dr. Reinhard Haller überzeugt. Er hat dem Thema ein neues Buch gewidmet und erklärt im Interview, was echte Wertschätzung von bedeutungslosen Komplimenten unterscheidet.

desired: Ist es Wertschätzung, wenn ich ein Lob von meinem Vorgesetzten bekomme?

Prof. Dr. Reinhard Haller: Lob ist sehr wichtig. Das ist eine besondere Form der Wertschätzung und auch der Dankbarkeit, aber richtig zu loben, ist nicht ganz einfach. Lob darf nicht inflationär, nicht formelhaft, muss ein bisschen originell, sehr individuell und emotional begleitet sein. Dann ist es ein richtiges Lob. Sonst besteht oft die Gefahr, dass man beim Loben Fehler macht. Wenn man beispielsweise ein Mitarbeitergespräch führt und sagt: ‚Das Positive zuerst‘, dann weiß der Mitarbeiter sofort, es kommt noch ein dicker Rattenschwanz mit Negativem. Er wird dann das gute Element überhören. 

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Das Wunder der Wertschätzung
Sollten Vorgesetzte also lernen, ihre Mitarbeiter öfter im Alltag zu loben?

Meine Beobachtung in vielen Jahren als Therapeut ist, dass jeder Mensch ein enormes Lobesbedürfnis hat. Lob ist der beste Motivator, den es gibt. Für Arbeitnehmer ist es das allerwichtigste, wichtiger als die Bezahlung, wie viele wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen. Aber, es wird zu spärlich eingesetzt. Ich kann das auch nicht verstehen. Jeder ist gierig nach Lob, aber nicht fähig, es anderen Menschen zu geben. Es kommt mir so vor, dass man reden kann, mit wem man will, jeder sagt mir: ‚Ein Lob hört man in unserem Betrieb auch nicht. Ich buckle Tag und Nacht und strenge mich wahnsinnig an, aber ich bekomme nur selten ein Lob.‘ Das möchte ich mit meinem Buch verändern. Ich weiß, dass ich auch nicht viel machen kann, aber ich mache aufmerksam auf die Macht dieser Kleinigkeit, die nichts kostet.

„Man braucht keine eingeflogenen Motivations-Trainer. Mit Wertschätzung hat man schon ein sehr großes Kapital in der Hand.“

Prof. Dr. Reinhard Haller

Besonders Frauen machen sich untereinander gerne Komplimente über ihre Kleidung oder ihre neue Frisur. Ist das echte Wertschätzung oder handelt es sich hier nur um Oberflächlichkeiten?

Man muss unterscheiden, ob es nur eine Anstandsregel, eine gute Sitte oder ein emotional gemeintes Kompliment ist. Dazu gehört, dass es nicht formelhaft ist, originell und individuell ist. Nur dann ist ein Kompliment etwas wirklich wertvolles. Und dass es auch immer wieder spontan kommt, nicht nur bei irgendwelchen Anlässen, oder wenn man sich gegenseitig die Komplimente zuschubst, sondern im Alltag, da braucht es der Mensch am meisten. 

Ist es also kein Zeichen von Wertschätzung, wenn ich für ein schönes Selfie von jemandem auf Social Media ein Like verteile oder mit einem wohlmeinenden Emoji kommentiere?

Menschliche Emotionen wie Sympathie und Empathie werden uns soziale Medien niemals abnehmen können. Das können wir niemals virtualisieren. Man probiert es mit Emojis, aber damit geben sich Menschen nicht zufrieden. Stephen Hawking hat gesagt, dass das Leben der Menschheit davon abhängt, ob sie die Empathie retten kann. Das ist das Einzige, das noch als spezifisch menschlich übrig bleibt. Alles andere können Computer und Maschinen besser. Wertschätzend und empathisch sein, das werden wir nicht an Computer delegieren können. 

Kann man in einer Beziehung auch zu viel wertschätzen? Wenn ich meinem Partner zum Beispiel jeden Tag sage, dass ich ihn liebe, oder er der allerschönste Mann ist?

Ja, wenn es inflationär wird, ist es nicht viel wert. Man darf mit Wertschätzung auch nicht völlig kritiklos umgehen. Dann wird sie formelhaft und leer. Dann merkt man, dass es leere Worthülsen und keine wirklich gemeinten Emotionen sind.

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15 Sätze, die mehr bedeuten als „Ich liebe dich!“

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Sie haben zuvor über „Die Narzissmusfalle“* und „Die Macht der Kränkung“* geschrieben. Wollten Sie mit Ihrem neuesten Buch über Wertschätzung Menschen lieber etwas Positives und Konstruktives an die Hand geben?

Viele meiner Leser haben mir geschrieben: ‚Jetzt wissen wir alle, dass wir Narzissten sind, aber was kann man denn dagegen tun?‘ Zudem bin ich Therapeut und habe gemerkt, dass fehlende Wertschätzung ein riesiges Problem ist. Menschen haben ein großes Bedürfnis danach und es kann Wunder bewirken, wenn man ihnen endlich mal Lob, Anerkennung und Respekt entgegenbringt. Ich beschäftige mich auch immer gerne mit Themen, die scheinbare Kleinigkeiten sind, die aber unglaublich viel bewirken können – im positiven, wie im negativen Sinn. Da gehört die Wertschätzung dazu.

Würden Sie sagen, dass man Dankbarkeit und Wertschätzung gleichsetzen kann, oder gibt es da einen Unterschied?

Es ist schon etwas Anderes. Wertschätzung ist sozusagen ein Überbegriff. Dankbarkeit ist noch etwas spezieller. Wertschätzung muss ja nicht unbedingt Dankbarkeit sein. Bei Dankbarkeit bringt man dem anderen etwas entgegen, Wertschätzung beschreibt eher die Art des Auftretens einem anderen Menschen gegenüber.

Ich frage deshalb, weil in den letzten Jahren sogenannte Dankbarkeits-Tagebücher in Mode gekommen sind. Hier soll man täglich notieren, wofür man dankbar ist. Das Ganze dient dazu, sich selbst besser zu fühlen. Ist das dann noch echte Wertschätzung, wenn dahinter eine egoistische Motivation steckt?

Das ist sicher nichts Schlechtes, aber natürlich dient so etwas eher der Selbstwertsteigerung, der Ich-Stärkung sozusagen. Es reicht alleine nicht aus. Es kann nicht all das abdecken, was man unter Dankbarkeit und Wertschätzung erwartet. Da gehört auch das emotionale Moment dazu. Die emotionale Beteiligung kommt in unserer Gesellschaft zu kurz. Um die geht es dem Menschen aber ganz besonders. Nicht nur Worte zu bekommen, Formeln oder Ratschläge, die manchmal auch Schläge sind, sondern – wenn ich es pathetisch sagen darf – Wärme: dieses emotionale Moment, das nur Menschen selbst geben können. Computer oder Geschriebenes können das nicht in dieser Form liefern.

In Deutschland beschweren sich alle gerne über Paketlieferdienste und die Bahn, aber die wenigsten freuen sich, wenn die Pakete oder die Bahn mal pünktlich kommen. Sollten wir auch im Alltag mehr Wertschätzung zeigen? 

Das sollte man absolut. Wir schauen gerne immer nur auf die negativen Dinge und befriedigen damit unsere Kritiklust. Man sollte viel mehr auf die problemlos laufenden Dinge schauen, aber da haben wir anscheinend eine ganz starke Schwelle in uns, um das zu sehen und anzuerkennen. Mein Buch* kann vielleicht ein bisschen für diese Thematik sensibilisieren, dass man Wertschätzung, der größten Motivationsfaktor, den es gibt, wieder mehr im Alltag nutzt. 

Vielen Dank für das interessante Interview, Herr Prof. Dr. Haller!

Bildquelle:

Unsplash/Annie Spratt

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