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Kommentar

„365 Days“ & Co.: Warum ich solche Filme mehr als problematisch finde

„365 Days“ & Co.: Warum ich solche Filme mehr als problematisch finde

Der polnische Erotik-Thriller „365 Days“, erfreut sich gerade großer Beliebtheit. Jedoch erhält er im Netz auch einiges an Kritik. Zurecht, denn der Film enthält Botschaften, die schon längst nicht mehr Teil einer emanzipierten Gesellschaft sein sollten. Für Menschen wie mich, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind, ist das frustrierend und für die, die noch keine Opfer geworden sind, können solche Filme besonders gefährlich werden. Daher sollte man sich darüber bewusst sein, für welche Werte Filme wie „365 Days“ oder „Shades of Grey“ stehen.

(Achtung, Triggerwarnung!) Als ich 17 war, habe ich mich in einen jungen Mann verliebt. Er war klug und schon in jungen Jahren sehr talentiert und finanziell erfolgreich. Das Glück war jedoch nicht von Dauer: Nach ein paar Wochen zwang er mich abzunehmen, damit ich ihm gefalle. Es blieb aber nicht nur dabei. Er zwang mich dazu, mit ihm Sex zu haben und hörte nie auf, wenn ich Nein schrie. Nach ein paar Monaten habe ich schließlich die Reißleine gezogen. Viel zu spät, wie ich heute weiß. Leider bin ich mit meinem Schicksal nicht alleine. Laut Bundeskriminalamt wurden 2019 fast 10.000 Fälle sexueller Nötigung zur Anzeige gebracht. Ganz zu schweigen von den vielen Taten, die – wie auch in meinem Fall – nie angezeigt wurden, weil sich die Opfer schlichtweg nicht trauten.

Als Opfer sexueller Gewalt sehe ich den aktuellen Trend zu gewalttätigen Erotik- und BDSM-Filmen sehr kritisch. Im Film „365 Days“ sind leider viele Parallelen zu realen Sexualstraftaten zu erkennen. Daher verlangen Kritiker, dass der Erotikfilm von Netflix entfernt wird. Auf der Plattform change.org wurde hierfür eine Petition gestartet.

Glorifizierung von Menschenhandel, Sexsklaverei und des Stockholm-Syndroms

Hauptcharakter Massimo hat in der Handlung des Netflix-Films eine klare Intention. Er möchte Laura um jeden Preis dazu bringen, sich in ihn zu verlieben. Daher entführt er sie und gibt ihr 365 Tage Zeit, sich in ihn zu verlieben. Im Verlauf des Filmes kommt es immer wieder zu Sex. Schon hier verweigert der Charakter von Laura mehrmals den Geschlechtsverkehr, womit einige Sexszenen definitiv eine Vergewaltigung darstellen. Da Laura mit dem ganzen Wahnsinn klarkommen muss, hat sie keine andere Wahl, als sich in ihren Vergewaltiger zu verlieben, wodurch sie zu einem Opfer mit Stockholm-Syndrom wird.

Die Machtausübung läuft völlig aus dem Ruder

Sowohl Christian Grey aus „Shades of Grey” als auch Massimo aus „365 Days” haben in den Filmen ein Machtproblem, welches sich nicht nur im Bett zeigt. Bei Christian und Anna hält sich die Machtausübung außerhalb der Schlafzimmerwände in Grenzen, was in der BDSM-Szene durchaus möglich ist. Bei Laura und Massimo läuft die Kontrolle jedoch völlig aus dem Ruder. Das katapultiert uns nicht nur zurück ins 19. Jahrhundert, sondern es ist für junge Erwachsene definitiv kein gutes Vorbild.

Es gibt ein weiteres Bindeglied zwischen den männlichen Hauptcharakteren: Ihre eigenen Traumata werden als Rechtfertigung für ihre Verhaltensweisen benutzt, welche aber unentschuldbar sind.

Potenzielle Trigger für Vergewaltigungsopfer

Menschen, die eine Vergewaltigung miterlebt haben, müssen noch lange mit den Folgen  kämpfen. Filme, die ähnliche Darstellungen wie das Erlebte zeigen, können ein großer Trigger sein, auch lange nach der Vergewaltigung. Daher ist es wichtig, vor jedem Content, der traumatische Bilder oder Handlungen zeigt, Triggerwarnungen zu setzen. So kann jeder selbst entscheiden, ob man sich dem Aussetzen möchte oder nicht. Leider erscheint vor „365 Days“ keine Triggerwarnung, obwohl viele User im Netz eine verlangen. Auch in Zukunft soll es laut Sprecher von Netflix keine geben, da der Anbieter lediglich die Lizenz des Filmes erworben hat und der Nutzer auch ohne die Warnung selbst entscheiden könnte, ob er den Film sehen möchte oder nicht.

Mein Fazit

Patricia Neumann
Patricia Neumann

Der Film verherrlicht ganz klar die Vergewaltigung von Frauen. Daran gibt es keinen Zweifel. Ein Film wie „365 Days“ sollte definitiv nicht so zugänglich sein, wie er es gerade ist. Teenager und junge Erwachsene ohne sexuelle Erfahrung werden von solchen Filmen genauso beeinflusst wie von Mainstream-Pornografie, wenn nicht sogar noch auf eine viel gefährlichere Art und Weise.

Wenn der Film schon auf einer so großen, internationalen Plattform wie Netflix verfügbar ist, sollte zumindest eine Triggerwarnung vorhanden sein. Dadurch können Menschen, die durch traumatische Ereignisse wie eine Vergewaltigung geprägt worden sind, den Inhalt besser einschätzen und in Folge selbst entscheiden, ob sie einen solchen Film durchstehen. Sonst wird die psychische Belastung noch größer, als sie schon ohnehin ist.

Solltest du Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sein, findest du hier Ansprechpartner und Hilfe.

Bildquelle:

Netflix

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