vegan ist unnatürlich
Nina Rölleram 05.04.2018

Als langjährige Veganerin kenne ich so ziemlich jeden Vorbehalt gegenüber pflanzlicher Ernährung. Zunächst habe ich daher Augen rollend auf den Youtube-Kanal „Vegan ist ungesund“ der beiden Hamburger Gordon Prox (31) und Aljosha Muttardi (30) reagiert. Aber Spoiler-Alert: Es handelt sich hierbei um satirische Aufklärungsvideos, die Vorurteile über vegane Ernährung aufs Korn nehmen. In einem ihrer zahlreichen Clips befassen sie sich auch mit einem Vorwurf, der mich tierisch nervt: „Vegan ist unnatürlich“.

Ironie statt Schlachthof-Szenen

Obwohl ich nicht das Bedürfnis habe, anderen meinen Veganismus aufzuzwängen, fühlen sich Menschen in meinem Umfeld häufig dazu berufen, mich über die Gefahren der pflanzlichen Lebensweise aufzuklären. So scheint es auch den Youtubern Gordon und Aljosha zu gehen, die sich seit wenigen Jahren vegan ernähren. Auf all diese Vorurteile reagieren die beiden allerdings nicht, wie viele andere Veganer, mit reißerischen und belehrenden Schlachthof-Videos, sondern fokussieren sich auf die Gegenargumente – mit einer ordentlichen Portion Ironie.

Auf dem Youtube-Kanal „Vegan ist ungesund“, der mittlerweile schon 36.000 Abonnenten begeistert, finden sich Videos mit Titeln wie „Ohne Milch fehlt uns was!“, „Ein Arzt widerlegt vegane Ernährung“ oder „Fleisch ist normal, natürlich & notwendig!“. Mit diesen Clickbait-Überschriften werden sie sicher schon den einen oder anderen überzeugten Fleischesser angelockt haben, aber auch frischgebackene Veganer können hier Gegenargumente für die nächste nervige Diskussion sammeln, oder sich einfach nur amüsieren.

Wird man als Veganer eher depressiv? Ich habe nachgeforscht.

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Was ist schon natürlich?

Besonders ins Auge stach mir das folgende Video. Während ich nämlich über viele Themen rund um Veganismus schon gar nicht mehr diskutieren möchte, regt mich die Behauptung, dass vegane Ernährung wider der Natur sei, immer noch auf. Auch wenn der Stil von Aljosha und Gordon durch die vielen Schnitte und Einblendungen von Frauentausch-Andreas und lustigen Katzen auf Endzwanziger wie mich etwas anstrengend wirkt, führen sie doch ein paar gute Argumente auf. Mir gefällt, wie die beiden infrage stellen, ob eine natürliche Ernährung überhaupt erstrebenswert ist:

Vegane Schnitzel und Pflanzenmilch – na und!?

Bis auf den Verweis auf die aus meiner Sicht problematische Veganismus-Doku „Earthlings“, in der Tierleid mit dem Holocaust gleichgesetzt wird, finde ich Aljoshas und Gordons Herangehensweise erfrischend. Ich gebe den beiden recht, dass ein Großteil der Speisen, die wir heutzutage konsumieren, von Menschen gemachte Kulturgüter sind. Dennoch wird gerne auf veganen Fleischersatzprodukten oder pflanzlichen Milchalternativen herumgehackt. Ein Argument, das ich sehr häufig höre: „Ich habe ja nichts gegen vegane Ernährung, aber wenn man schon kein Fleisch essen möchte, soll man auch bitte keine veganen Schnitzel oder Würstchen essen.“ Selbst von manchen Veganern werden solche Produkte belächelt, nach dem Motto: Das brauchen Veganer nur für den Übergang, wenn sie noch zu sehr an tierischen Produkten hängen.

Aljosha und Gordon

Aljosha und Gordon stehen für einen undogmatischen Veganismus.

Ich ernähre mich schon seit 15 Jahren vegan, koche sehr viel selbst und ernähre mich auf jeden Fall von weniger Fertigprodukten als die meisten meiner omnivoren Freunde. Dennoch esse ich auch äußerst gern vegane Burger mit Seitan-Patties oder freue mich über gut imitierte „Fischstäbchen“. Eigentlich würde mir schon das Argument reichen, dass mir diese Produkte einfach schmecken, denn sie sorgen bei vielen Gerichten für den nötigen Biss, für eine knusprige Note oder den Umami-Geschmack, für den sonst das Fleisch verantwortlich ist. Aber mir fallen noch andere Gründe ein, warum ich es überhaupt nicht bedenklich finde, dass tierische Lebensmittel veganisiert werden.

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Warum ist Seitan unnatürlicher als Wurst?

Seitanwurst

Seitanwürste gibt es nicht von Natur aus – Fleischwürste aber auch nicht.

Schauen wir uns doch einfach mal an, was eigentlich eine Wurst ist. Handelt es sich dabei um ein naturgegebenes Produkt, das hauptsächlich nach Tier schmeckt? Oder ist es nicht vielmehr eine Masse aus tierischem Protein, vermischt mit Gewürzen und Rauch, die anschließend in einen (künstlichen) Darm gepresst wird? Auf jeden Fall sind Würste eine menschliche Erfindung, und wenn man es mal objektiv betrachtet, eine recht abstruse. Aber was soll’s, sie schmecken eben, auch mir. Warum kann ich als Veganer dann nicht einfach eine Komponente, das tierische Protein, mit Weizeneiweiß, Soja oder Lupinen ersetzen und ein Produkt genießen, das Fleischwurst sehr nahe kommt?

Auch bei Tofu und Seitan handelt es sich nicht um eine verrückte neue Erfindung von Öko-Veganern. So wurde Seitan, eine pflanzliche Fleischalternative auf Weizenbasis, schon mindestens seit dem 6. Jahrhundert von chinesischen Mönchen zubereitet. Ähnlich sieht das auch mit anderen pflanzlichen Produkten wie Sojamilch aus. Das macht auch diese Lebensmittel nicht zu natürlichen Nahrungsmitteln, denn sie wurden von Menschenhand erschaffen. Aber unnatürlicher als Käse oder Quark sind sie eben auch nicht.

Es geht natürlich auch ganz ohne vegane Ersatzprodukte. In so ziemlich jeder Esskultur gibt es Gerichte, die schon immer vegan waren:

So viele vegane Leckereien habe ich auf meinen Reisen in Europa entdeckt.

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Meine Ernährung muss nicht natürlich sein

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass Fleischesser, die wesentlich mehr Fertiggerichte als ich konsumieren, die Natürlichkeit meiner Ernährungsweise bemängeln. Sobald ich mit solchen Leuten diskutiere, merke ich meistens, wie wenig diese über die Herkunft ihres Essen wissen. Naiverweise scheinen viele Vegan-Kritiker zu denken, dass ihre Würstchen oder ihr Magerquark naturgegeben sind und nicht von Menschen erschaffen wurden. Ich habe allerdings auch gar nichts dagegen, mich von Dingen zu ernähren, die Teile einer jahrtausendealten Esskultur sind. Was wäre denn das Gegenmodell? Wir ernähren uns nur noch von wilden Früchten, Gräsern und jagen unser Fleisch selbst? Nein danke!

Hast du dennoch Vorbehalte gegenüber veganer Ernährung oder ernährst du dich selbst fleischlos und bist diese Diskussionen leid? Teile deine Erfahrungen in den Kommentaren!

Bildquelle:

Brix & Maas Photography, Andreas Gebert Fotografie, Getty Images/Steffi Loos


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  • Honeybeeprincess am 29.04.2018 um 02:30 Uhr

    Was ich nicht verstehe ist, dass Menschen die sich vegan ernähren oft (zumindest die mit denen ich bisher zu tun hatte) der festen Überzeugung sind, dass ihre Ernährungsweise die einzig Wahre sei... Vor allem weil ich denke, dass es noch etwas mehr braucht um wirklich eine schöne, faire und "gesunde" Welt zu schaffen. Und einige dieser Menschen die sich vegan ernähren tragen dann zum Beispiel Kleidung aus dem Primark (von der wir uns denken können, wie Menschenunwürdig die Arbeitsbedingungen der Herstellung dort sind). Aber wiederspricht sich das nicht irgendwie? Ich möchte keinem Tier etwas nehmen und auch keines tötet um mich zu bereichern, aber wie Menschen in anderen Ländern leben müssen ist mir egal?... Ich weiß nicht wie ich darüber denken soll. Nun ja, ich habe selbst vor einiger Zeit mich zwei Jahre vegetarisch ernährt. Ich muss aber zugeben, dass ich Fleisch schon ein bisschen vermisst habe 🙁 Mittlerweile habe ich meinen Lebensstiel so umgestellt, dass ich keine keine Wurst mehr kaufe. Generell kein Fleisch aus dem Discounter. Wenn ich Lust auf Eier, Milch oder Fleisch habe hohle ich diese nur noch beim Bauer meines Vertrauens, weil ich weiß wie die Tiere dort leben und ich das irgendwie mit meinem Gewissen vereinbaren konnte. Ich muss zugeben mit fällt kaum auf, dass ich kaum tierische Produkte zu mir nehme. Hauptsächlich tue ich das auch nur nicht weil ich viele Ersatz Produkte viel lieber esse. Zum Beispiel habe ich den Agavensirup für mich entdeckt, weil ich Honig nicht so besonders mag und so genieße ich den neben Effekt, vielleicht noch etwas Gutes getan zu haben. Auf Ersatz Produkte wie zum Beispiel Wurstlosewurst oder Schnitzelloseschnitzel kann ich total verzichten weil ich finde, dass es so viele Sachen gibt die man ohne Fleisch machen kann - da brauche ich nicht versuchen das nach zu machen. Ich finde es aber auch nicht schlimm wenn man so etwas gerne isst; es ist nur halt nicht ganz so meins.. Na ja, worauf ich hinaus wollte.. Ich finde es unfair, dass es Menschen gibt die versuchen auf mich einzureden, dass das Vegan sein DIE einzig wahre Ernährung sei. Ist es denn wirklich so schlimm mal auf ein Sonntagsei Lust zu haben? Ich lasse mich auch gerne mit guten Argumenten überzeugen, ich mag nur die Egotour gar nicht!

    Antworten
    • Nina Röller am 30.04.2018 um 10:01 Uhr

      Da muss ich dir zustimmen. Ich ernähre mich zwar selbst schon seit vielen Jahren vegan, aber dennoch würde ich nicht nicht behaupten, dass dies DIE einzig wahre Ernährung sei. Ich halte auch nichts von Veganern, die die vegane Ernährungsweise als die gesündeste überhaupt darstellen. Schließlich ist die pflanzliche Ernährung kein Allheilmittel. Außerdem hast du recht, dass man auch auf faire Arbeitsbedingungen bei Kleidung und anderen Dingen achten sollte. Ich finde es immer begrüßenswert, wenn Menschen ihren Konsum ein Stück weit nachhaltiger gestalten. Nur weil sich jemand aber nicht 100 Prozent vegan, fair, regional und bio ernährt, sollte man ihn nicht verurteilen. Es ist doch immer besser, eine Kleinigkeit zu verändern, als gar nichts. Lass dich also nicht von diesen dogmatischen Veganern ärgern! 😉

  • HoneyAerowen am 13.04.2018 um 22:02 Uhr

    Es nervt mich auch ständig zu hören, dass man "Fleischprodukte" nicht veganisieren sollte. Jedoch vergessen viele Omnivore dabei, dass all diese letztendlich eine bestimmte Form der Zubereitung des Fleisches darstellen. Wenn man von Wurst, Pattie, Schnitzel etc. spricht weiß man recht schnell worum es geht. Schnitzel, weil paniert; Pattie die Form; Wurst ebenfalls klein mit Gewürzen und einer Haut etc. Und solange ein "vegan/veggie/..." davor steht, weiß man ja eigentlich auch, dass kein Fleisch enthalten ist. Wieso sollte man deswegen kein Kohlrabi-Schnitzel/Veggie-Schnitzel essen können? Wie soll man es dann nennen? Panierte Kohlrabi? Ob man gekaufte Veggie-Würstchen kauft, ist jedem selbst überlassen. Vegane Patties/Schnitzel etc. kann man auch gut selbst machen, das muss nicht fertig gekauft werden. Zudem ist man als Omnivor doch froh, wenn man diese Variante für die Veggie-Freunde bekommt 🙂 Daher denke ich auch, es spricht nichts dagegen all diese Varianten auch in vegan zu machen, da die Fleischvarianten ebenso verarbeitete Produkte (nicht immer, aber größtenteils) sind. Und was ist schlimm daran, wenn man den Geschmack mag und mit veganen Zutaten nachahmen kann? Da gibt es sogar gute Rezepte für die "Veggie-Bärchenwurst" etc. oder vegane Leberwurst - alles sonst auch verarbeitet - warum nicht auch vegan also ohne Tierleid?

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  • FerencGoh am 09.04.2018 um 16:25 Uhr

    Und was soll ich jetzt davon halten? Der Artikel sagt mir nichts

    Antworten
    • Nina Röller am 09.04.2018 um 16:51 Uhr

      Das ist schade. Gibt es denn einen Punkt, der für dich unklar geblieben ist? Ich beantworte gerne deinen Fragen!

  • Unbequeme_Wahrheit am 07.04.2018 um 21:07 Uhr

    Bitte Holocaust-Überlebenden, welche selbst den Holocaust mit den Verbrechen an den Tieren durch die Tierqualindustrie unmissverständlich vergleichen, nicht in Frage stellen („Bis auf den Verweis auf die aus meiner Sicht problematische Veganismus-Doku „Earthlings“, in der Tierleid mit dem Holocaust gleichgesetzt wird“) bzw. das Wort verbieten! Wäre überaus arrogant, herabwürdigend und wie ein Schlag ins Gesicht eines jeden Holocaust-Überlebenden zu werten! Vielen Dank!

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    • Nina Röller am 09.04.2018 um 16:50 Uhr

      Das sehe ich anders. Mir ist durchaus bewusst, dass es Holocaust-Überlebende gibt, die selbst diesen Vergleich ziehen. Genauso gibt es jedoch Holocaust-Überlebende, wie etwa den ehemaligen Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland Paul Spiegel, der 2004 erfolgreich gegen die Peta-Kampagne „Holocaust auf Ihrem Teller“ geklagt hat. Daher lässt sich die Kritik am Holocaust-Vergleich nicht „wie ein Schlag ins Gesicht eines jeden Holocaust-Überlebenden“ werten. Der Vergleich verklärt meiner Meinung nach, dass der Holocaust die Vernichtung von Juden und anderen Bevölkerungsgruppen zum Ziel hatte, wohingegen Schlachthöfe existieren, um Fleisch zu produzieren. Diesen fundamentalen Unterschied sollte man nicht außer Acht lassen. Darüber hinaus denke ich, dass es auch ohne diesen Vergleich möglich ist, Kritik an der millionenfachen Tötung von Tieren zu üben.