Anonyme Bewerbung

Was in anderen Ländern schon längst gang und gäbe ist, ist in Deutschland noch eine echte Seltenheit: eine anonyme Bewerbung ohne Namen, Foto oder sonstige persönliche Angaben. Dabei würde ein solches Bewerbungsverfahren nicht nur die Zusammenstellung der Bewerbungsmappe vereinfachen, sondern auch Diskriminierungen bei der Einladung zum Vorstellungsgespräch fast gänzlich unmöglich machen. Ist die anonyme Bewerbung das Modell der Zukunft?

Hast Du Dich auch schon mal bei einer Bewerbung gefragt, ob das Bewerbungsfoto wirklich passend ist? Oder ob es überhaupt etwas bringt, Dich als Frau in einer Kfz-Werkstatt zu bewerben? Solche und viele weitere Fragen stellen sich Frauen, ältere Bewerber und Menschen mit ausländisch klingenden Namen häufig, bevor sie ihre Bewerbung abschicken. Schließlich ist es durch Studien belegt, dass Diskriminierungen – ob bewusst oder unbewusst – im Arbeitsmarkt noch immer keine Seltenheit sind. So fand beispielsweise eine Studie der Universität Konstanz, die beim Institut der Zukunft der Arbeit in Bonn erschienen ist, heraus, dass allein schon die Angabe eines türkischen Namens ausreicht, um die Chancen der Einladung zum persönlichen Gespräch um 14 bis 24 Prozent zu senken.

Anonyme Bewerbung

Anonyme Bewerbung: Das Modell der Zukunft?

Die anonyme Bewerbung, die in den Vereinigten Staaten aufgrund strenger Antidiskriminierungsgesetze inzwischen weit verbreitet, in Deutschland allerdings noch ein Tabuthema ist, könnte dieses Problem möglicherweise lösen. Schließlich bietet eine gründlich erarbeitete anonyme Bewerbung dem Personalverantwortlichen kaum noch die Möglichkeit, persönliche Hintergrundinformationen über den Bewerber herauszufinden. Stattdessen überzeugen allein die erworbenen Qualifikationen. Doch ist die anonyme Bewerbung wirklich das Modell der Zukunft?

Wie sieht eine anonyme Bewerbung überhaupt aus?

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat die anonyme Bewerbung vor einiger Zeit in einem Pilotprojekt mit zahlreichen renommierten Unternehmen, Behörden und Organisationen wie der Deutschen Post, der Deutschen Telekom, L’Oreal, Procter & Gamble und der Stadt Celle getestet. In diesem Fall wurde an den potentiellen Arbeitgeber zunächst eine anonyme Bewerbung ohne Foto, Namen, Adresse, Geburtsdatum, Familienstand oder Herkunft geschickt. Daran solltest Du Dich orientieren. Ansonsten bleiben die Bausteine der Bewerbung gleich: Anschreiben und Lebenslauf sollten über die Ausbildung und einschlägige Erfahrungen aufklären und die Motivation für den jeweiligen Job verdeutlichen. Auch geschwärzte Zeugnisse sollten beigelegt werden, damit sich der Personalverantwortliche auch über die anonyme Bewerbung ein genaues Bild der erworbenen Qualifikationen machen kann. Allerdings solltest Du daran denken, dass Du auch die Jahreszahlen aus Deiner Bewerbungsmappe ausmerzt. Schließlich können diese recht genau auf Dein Alter hinweisen. Darüber hinaus solltest Du auf geschlechtsspezifische Formulierungen verzichten. Nach dem Satz „Hiermit bewerbe ich mich als Grafikdesignerin“ wird auch der letzte Mitarbeiter Deines Traumarbeitgebers wissen, dass es sich bei Dir um eine Frau handelt. Lege Dir zudem eine neutrale E-Mail-Adresse an, von der Du Deine Bewerbung verschicken kannst. Dein privates Konto, das einen Hinweis auf Deinen Namen geben könnte, ist dafür definitiv nicht geeignet. Erst, wenn Deine anonyme Bewerbung den Personaler überzeugt hat und Du zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurdest, reichst Du Deine vollständige Bewerbung nach, damit sich Dein Gesprächspartner auf das Gespräch vorbereiten kann.

Die anonyme Bewerbung stellt Deine Qualifikationen heraus

Die Vorteile, die eine anonyme Bewerbung bietet, liegen klar auf der Hand: Deine Qualifikationen werden in den Vordergrund gerückt. Schließlich wird der Personalverantwortliche auf diese Weise geradezu gezwungen, sich nur anhand der harten Fakten ein Bild von Dir zu machen. Diskriminierungen aufgrund Deines Geschlechts, Deines Alters, Deiner Herkunft oder sonstiger Vorurteile sind damit vom Tisch. Zudem erschwerst Du es Deinem potentiellen Arbeitgeber, Dich schon vor der Einladung zum Vorstellungsgespräch über soziale Netzwerke oder ähnliche Angebote zu durchleuchten. Eine anonyme Bewerbung ist daher eine gute Möglichkeit, Deine eigene Angst, aufgrund von Äußerlichkeiten oder Vorurteilen abgewiesen zu werden, zu bekämpfen.

Die anonyme Bewerbung stößt weitestgehend auf Ablehnung

Ein gewichtiger Nachteil spricht allerdings gegen die anonyme Bewerbung: Sie ist in Deutschland vollkommen unüblich. Die meisten Personalverantwortlichen möchten sich über ein Foto oder einen Namen ein Bild von der Person machen, die vielleicht bald zum Kollegen wird. Aus diesem Grund gehen zahlreiche Personaler bei einer anonymen Bewerbung sofort in Abwehrhaltung, weil sie vermuten, dass der Bewerber etwas zu verbergen hat. Häufig landet die Bewerbungsmappe dann unbesehen auf dem Absagestapel. Daher solltest Du, wenn Du mit dem Gedanken spielst, eine anonyme Bewerbung zu verschicken, vorher beim Unternehmen explizit nachfragen, ob es eine solche Bewerbungsmappe akzeptiert. Natürlich solltest Du das nicht über ein Telefonat tun, in dem Du möglicherweise schon Deinen Namen oder Dein Geschlecht preisgeben müsstest. Stattdessen bietet sich eine neutrale E-Mail-Adresse an. Erhältst Du auf Deine Frage eine negative oder gar keine Antwort – was höchstwahrscheinlich häufig passieren wird –, hast Du durch dieses Vorgehen nichts verloren, sondern kannst es doch noch mit einer normalen Bewerbung probieren. Zudem können Lebensläufe ohne Jahreszahlen womöglich zu falschen Vermutungen führen, da der Personaler keinen Anhaltspunkt hat, wie lange Du jeweils in den unterschiedlichsten Positionen gearbeitet hast. Ohnehin bietet der Lebenslauf einige Fallstricke: Schließlich besitzen viele Personalverantwortliche einen starken Hang zur Detektivarbeit. So könnte es so manchem Personaler auch dann, wenn er eine anonyme Bewerbung vorliegen hat, gelingen, über Angaben zu vorherigen Unternehmen, persönlichen Hobbys oder Ausbildungsstätten herauszufinden, wer sich gerade bei ihm bewirbt.

Die anonyme Bewerbung, die in anderen Ländern wie den USA schon längst die Regel ist, ist in Deutschland noch immer ein Novum. Da sie bei vielen Personalern noch ungewohnt und vielleicht sogar unerwünscht ist, solltest Du sehr vorsichtig sein, bevor Du sie an einen potentiellen Arbeitgeber verschickst. Informiere Dich am besten vorher über eine anonyme E-Mail-Adresse, ob eine anonyme Bewerbung überhaupt angenommen wird. Dann kann sie Dir vielleicht zu Deinem Traumjob verhelfen!

Bildquelle: © Anchiy / iStock / Thinkstock

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