Kommentar

Knutschen in der Öffentlichkeit ist ein Ausdruck von Freiheit

Knutschen in der Öffentlichkeit ist ein Ausdruck von Freiheit

Wer vor anderen Zärtlichkeiten mit seinem Partner austauscht, bekommt nicht selten Zurufe wie „Nehmt euch ein Zimmer!“ zu hören. Während solche Sprüche meist neckisch gemeint sind, begegnen mir immer mehr Menschen – von Queer-Feministinnen über unglückliche Singles bis hin zu Religiösen, die wirklich etwas gegen derartige Liebesbekundungen haben. Aus Rücksicht auf Knutschen in der Öffentlichkeit zu verzichten, empfinde ich allerdings als einen traurigen Rückschritt hin zu einer biederen Gesellschaft und den Verlust persönlicher Freiheit.

Anderen das Knutschen gönnen

Mal abgesehen von ein paar wenigen Vorfällen, in denen Pärchen direkt neben mir drauf und dran waren sich zu begatten, habe ich mich noch nie in meinem Leben an öffentlichem Rumknutschen gestört. Warum auch? Ich bekomme eher schlechte Laune, wenn ich Menschen mit griesgrämigen Gesichtern in der Bahn sehe oder Paare, die abweisend zueinander sind. Na gut, als ich vor ein paar Jahren Liebeskummer hatte und auf der Straße küssende Paare sah, hat mir das durchaus einen Stich versetzt. Aber selbst als unglücklicher Single war mir klar, dass ich diese unschönen Gefühle der Missgunst und des Neids schnell hinunterschlucken muss. Nur weil ich gerade niemanden zum Knutschen habe, sollen andere trotzdem gerne ihre Liebe genießen dürfen.

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Liebe vor Leuten hat nichts zu bedeuten?

Dass sich frisch getrennte Singles an öffentlichen Liebesbekundungen stören können, leuchtet mir noch ein. Mit einem gebrochenen Herzen denkt und handelt man schließlich nicht immer rational. Doch in letzter Zeit begegnen mir immer mehr Ressentiments, die ich nicht nachvollziehen kann. So behauptet die Stern-Kolumnistin Henriette Hell, dass Küsse in der Öffentlichkeit immer bedeutungslos seien: „Was wirklich zählt, ist wie ein Paar hinter verschlossenen Türen miteinander umgeht.“ Ähnlich sehen das Jan Böhmermann und Olli Schulz, die in ihrem „Fest und Flauschig“-Podcast den Spruch pflegen: „Liebe vor Leuten hat nichts zu bedeuten“. Selbstverständlich kann man anhand der öffentlichen Kuss-Performance nicht ablesen, wie gut zwei Menschen wirklich harmonieren. Hat ja auch niemand behauptet.

Ich frage mich viel mehr, woher diese verallgemeinernden Abwertungen einer eigentlich so wundervollen Handlung kommen. Wenn ich zwei knutschende Menschen sehe, ist mein erster Gedanke nicht, dass hier nur eine Show abgezogen wird, um seine vermeintlich glückliche Beziehung zu inszenieren. Mag sein, dass ich ein wohlwollender und romantischer Mensch bin, ich verstehe aber nicht, warum man in knutschenden Paaren nur Negatives sehen kann. So Hippie-mäßig das auch klingen mag, habe ich einen Rat an alle Knutsch-Verächter: Versucht doch mal, daran zu glauben, dass es wirklich auch Paare gibt, die einfach spontan ihren Liebesgefühlen nachgehen – ja, auch in der Öffentlichkeit.

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Solidarischer Knutschverzicht – seriously!?

Während mich derartige Meinungen noch nie vom Knutschen in der Öffentlichkeit abgehalten haben, sieht das im Umfeld mancher linker und queer-feministischer Gruppen schon anders aus. In besonders politisierten Szene-Clubs und -Kneipen, in denen ich mich während meiner Studienzeit getummelt habe, galt es als verpönt, wenn heterosexuelle Pärchen vor anderen rumknutschten. Es gibt sogar WGs, die ein Knutschverbot in gemeinschaftlich genutzten Räumen erheben. Wie es zu derart lustfeindlichen Forderungen in vermeintlich lockeren und sexuell befreiten linken Szene-Lokalitäten kommt? Ganz einfach: Vor einigen Jahren erhoben zahlreiche Feministinnen und Queer-Aktivistinnen die Forderung, heterosexuelle Personen sollten aus Rücksichtnahme auf Homosexuelle keine öffentlichen Liebesbekundungen austauschen. Diese könnten sich schließlich nicht ohne Angst vor blöden Sprüchen oder schlimmeren Anfeindungen auf offener Straße küssen. Dass ich als heterosexuelle Frau ungehemmter in der öffentlichen Zurschaustellung meines Liebesglücks sein kann, möchte ich auf keinen Fall bestreiten. Nicht verstehen kann ich aber die Sichtweise der feministischen Bloggerin Sanczny:

„Ein Ausdruck von Solidarität ist es also, in einem Kontext, in dem nicht alle Menschen gleichberechtigt Knutschen können, nicht zu knutschen. (...) Protipp: Küssen kann man auch zu Hause.“

Bloggerin Sanczny

Mal davon abgesehen, dass die meisten meiner homosexuellen Freunde sich nicht durch knutschende Heten gestört fühlen, verstehe ich die Logik dahinter nicht. Inwiefern hilft es Schwulen und Lesben, wenn Heterosexuelle sich aus Solidarität weniger küssen? Würde es in einer Gesellschaft, in der die Mehrheit nicht mehr öffentlich knutscht, nicht noch schwieriger sein, Akzeptanz für homosexuelle Zärtlichkeiten zu fördern?

Laut einer Parship-Studie würde die Aufforderung zum solidarischen Knutsch-Verzicht die Mehrheit der befragten 18-69-jährigen Deutschen betreffen:

Statistik Knutschen in der Öffentlichkeit

Knutsch-Toleranz statt Rücksichtnahme

Nina Röller
Nina Röller

Neben ewigen Miesepetern und Feministinnen, wurde ich auch schon von einem konservativ-religiösen Menschen für mein öffentliches Rumknutschen gerügt: Als ich an einem schönen Sommertag frisch verliebt meinen Freund am Rande eines öffentlichen Basketball-Platzes in Berlin küsste, wurden wir von einem augenscheinlich muslimischen Familienvater dazu aufgefordert, das gefälligst nicht hier zu tun. Als höfliche Person, die keine Lust auf Diskussionen hatte, bin ich der Bitte nachgegangen, habe es aber anschließend bereut. Ich bin froh in einem Land zu leben, in dem es gesetzlich erlaubt und gesellschaftlich weithin akzeptiert ist, öffentlich zu knutschen. Ich möchte mich nicht so unfrei fühlen, wie in manchen fundamentalistisch religiös geprägten Ländern, in denen öffentliches Küssen und Händchenhalten unter Strafe steht. Genauso wenig möchte ich mir vor jedem Kuss Gedanken darüber machen, wessen Gefühle ich womöglich verletzen könnte. Anstatt Liebe durch Kusssverzicht in der Öffentlichkeit unsichtbar zu machen, sollten sich Menschen lieber in Knutsch-Toleranz üben. Diese Welt kann doch wirklich etwas mehr Liebe gebrauchen, oder? Dabei muss man es ja auch nicht übertreiben, sondern kann sich an den praktischen Rat Hans-Michael Kleins, dem Vorsitzenden der Deutschen Knigge-Gesellschaft, halten: „Knutsche stets so, dass die Maxime Deines Knutschens allzugleich als Grundlage für die Anwesenheit Deiner Mutter dienen könnte.“

Bildquelle:

Getty Images/YakobchukOlena, Statista

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