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Tuğba Tekkal: „Fußballschuhe waren mein Tor zur Freiheit“

Interview

Tuğba Tekkal: „Fußballschuhe waren mein Tor zur Freiheit“

Zusammen mit ihrer Schwester Düzen Tekkal hat Tuğba Tekkal nicht nur die Hilfsorganisation HÁWAR.help gegründet, sie hat auch schon eine steile Karriere als Profi-Fußballerin hingelegt und unterstützt heute Mädchen mit Fluchthintergrund mit kostenlosen Trainings. Für ihr Engagement wurde sie jetzt mit dem „German Diversity Award“ in der Kategorie „Audience Award“ ausgezeichnet. Im Interview hat sie uns geschildert, was sie aus dem Umgang mit Mädchen aus ganz unterschiedlichen Kulturen für sich selbst gelernt hat.

Tekkal Tuğba
Tekkal Tuğba, diesjährige Preisträgerin des „German Diversity Award“

desired: Im Projekt „SCORING GIRLS“ arbeitest du u.a. direkt mit Mädchen zusammen, die einen Fluchthintergrund haben. Merkst du, dass diese Mädchen aufgrund deiner Migrationsgeschichte (bzw. der Migrationserfahrung deiner Familie) eher Vertrauen zu dir fassen?

Tuğba: Ich denke ich bin aufgrund meiner eigenen familiären Migrationsgeschichte für viele Themen sensibilisiert worden und kann in etwa nachempfinden, was die Mädchen beschäftigt. Und das wirkt sich auf jeden Fall positiv auf das Vertrauensverhältnis zu den Mädchen aus. Vor allem, wenn sie hören, dass ich damals mit genau den gleichen Herausforderungen zu kämpfen hatte wie sie heute – sei es durch die Ängste und Sorgen der Eltern oder durch Diskriminierungserfahrungen in der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Das verbindet und schafft eine Ebene für einen offenen Austausch. Und sie sehen, dass ich es trotz dieser Hindernisse geschafft habe, meinen Weg zu gehen und meine Träume zu verwirklichen. Das zeigt ihnen, dass auch sie es schaffen können. Und es macht mich sehr glücklich, wenn ich Mädchen und junge Frauen dabei unterstützen kann, an sich selbst zu glauben und eine Art Vorbild für sie sein kann.

Warum hilft ausgerechnet Fußball diesen Mädchen?

Als ehemalige Fußballerin lag nah, dass ich ein Fußballprojekt ins Leben rufen. Ich denke aber, dass letztlich jede Art von Teamsport eine sehr große integrative Kraft hat. Durch das Spielen im Team ergibt sich ein Gefühl von Zugehörigkeit und Zusammenhalt. Bei mir waren die Fußballschuhe mein Tor zur Freiheit. Ich hatte endlich das Gefühl dazuzugehören. Und dieses Gefühl möchte ich gerne jedem Mädchen geben.

Was hast du durch die Arbeit mit Mädchen aus ganz unterschiedlichen Kulturen lernen können?

Dass uns viel mehr verbindet als uns unterscheidet. Auf dem Fußballplatz ist es egal wo man herkommt oder welche Religion man hat, es geht einzig und allein darum das Spiel zu gewinnen. Klar gibt es kulturelle Unterschiede; ich will auch nicht leugnen, dass es bei uns manchmal ziemlich zur Sache gehen kann. Aber genau solche Konflikte machen unsere Arbeit umso wichtiger, weil wir dann aufklären und die Mädchen sensibilisieren. Und indem sie dann immer wieder als Team auf dem Platz stehen, lernen sie diese Unterschiede als Mehrwert zu erkennen. Und genau diese Botschaft möchten wir über die Mädchen auch in die Familien und die Gesellschaft transportieren.

Hast du die Erfahrung gemacht, dass muslimische Mädchen aufgrund von traditionellen Geschlechterrollenbildern in ihren Familien mehr Berührungsängste vor dem Fußballspielen haben als andere Kinder – oder ist das nur ein Vorurteil?

Es ist egal, ob die Familien muslimischem, jüdischem, christlichem oder jesidischem Glauben angehören: die Themen, die die Eltern beschäftigen sind sehr ähnlich. Das Problem liegt nicht in der Religion, sondern in althergebrachten Rollenbildern. Es handelt sich dabei um ein gesamtgesellschaftliches Problem – und gerade der Fußball ist ein sehr männerdominiertes Feld.

Deshalb bringen die Eltern natürlich viele Sorgen mit – gerade auch wenn sie aus Herkunftsländern stammen, in denen es nicht üblich ist, dass Mädchen Fußball spielen. Uns ist es deshalb enorm wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten und die Eltern bei der „Reise“ ihrer Töchter mitzunehmen.

Mit traditionellen Rollenbilder zu brechen kann ein Weg sein, um Feminismus im Alltag zu leben. Doch was umfasst der Begriff genau?

Du bist auch Wertebotschafterin der Bildungsinitiative „GermanDream“. Würden wir Integration mehr fördern, wenn wir uns stärker auf die Leistungen von Menschen mit Migrationshintergrund fokussieren, anstatt über Diskriminierung zu debattieren?

Ich finde es sehr wichtig, dass mittlerweile mehr über Diskriminierung gesprochen wird, denn diese Erfahrungen prägen den Alltag vieler Menschen in Deutschland. Es muss Räume geben, in denen diese Menschen zu Wort kommen.

Und klar ist es schön, wenn die Erfolgsgeschichten von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte öfter erzählt werden. Aber gleichzeitig sollte der Wert eines Menschen nicht am beruflichen Erfolg gemessen werden. Im Grundgesetz steht, dass vor dem Gesetz alle gleich sind, und ich würde mir wünschen, dass wir auch als Gesellschaft dahinkommen, dass es egal ist, wo du herkommst. Und vor allem, dass wirklich alle die gleichen Chancen bekommen.

Vielen Dank für das Interview, Tuğba!

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Bildquelle:

Michael Romacker, Carolin Windel

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