Dieser Kindergarten polarisiert in Schweden.
Helena Serbentam 07.02.2018

Junge oder Mädchen? Das ist wohl die erste Frage, die du dir stellen wirst, wenn Nachwuchs unterwegs ist. Kleine Mädchen begrüßen wir mit Kleidern und rosa Kinderzimmern. Wenn hingegen ein kleiner Junge im Bauch seiner Mama mal kräftig strampelt, wird spekuliert, dass er später Fußballer wird. Im geschlechtsneutralen Kindergarten „Egalia“ in Schweden versuchen die Erzieher den vorgefertigten Erwartungen entgegenzuwirken. Eine ziemlich gute Idee, wie ich finde.

Egalia – Es ist egal, wer du bist

Die Erzieherin Lotta Rajalin gründete den schwedischen Kindergarten „Egalia“, der seit einiger Zeit für Diskussionen sorgt: Denn hier werden Kinder geschlechtsneutral behandelt. Wie sie auf die Idee kam? Videoaufnahmen aus dem Kindergarten, in dem sie früher arbeitete, zeigten, dass Erzieher unterschiedlich mit Jungen und Mädchen umgehen. So erwarten sie, dass Jungen wild und laut sind, und regen sie daher zu diesem Verhalten an. Mädchen dagegen sollen ruhig und leise in der Puppenecke spielen. Der Drang zum Toben wurde in diesem Kindergarten von frühster Kindheit an bei Mädchen unterdrückt.

Wie, Mädchen dürfen nicht rumtoben? Da darf man auch mal schmollen.

Empörte Gegenargumente aus Deutschland

Rajalin ist laut Edition F der Meinung, dass man mit einer neutralen Erziehung den Kindern mehr Möglichkeiten bietet und sie so zu selbstbewussten Menschen erzieht. Inzwischen gibt es ja auch eine Vielzahl von geschlechtsneutralen Vornamen für Kinder. Vor allem aber sollen die Kinder mit allen Spielsachen spielen. Jungs also nicht nur mit Autos, Mädchen nicht nur mit Puppen. Zudem sind die Worte „er“ oder „sie“ bei den Erziehern tabu. Stattdessen benutzten sie das neutrale „han“, das auf Deutsch so viel wie „es“ bedeutet. Nicht alle finden diese Idee gut. Kritik kommt zum Beispiel auch aus Deutschland.

„Die armen Kinder…Ich möchte in ihrer Haut nicht stecken, wenn sie dann doch mal eine gewöhnliche Schule besuchen. Gehänsel ist vorprogrammiert. (…).“

Kommentar einer Leserin unter dem Artikel der Zeit

Ein anderer Nutzer ist der Meinung, dass das Konzept eher das Gegenteil von dem Vorhaben bewirkt:

„(…) durch das rigorose Fehlen ist das Geschlechtsthema permanent da. Weil man immer drauf achten muss, bloß nicht unbeabsichtigt Geschlechter rein zu bringen. Ungezwungen und offen ist das nicht.“

Leser-Kommentar

Ein User stört sich wiederum an der Sprachregel:

„Wenn ich nicht möchte, dass jemand wegen seiner Haarfarbe diskriminiert wird, dann verbiete ich doch auch nicht den Gebrauch der Begriffe blond, braun und rot.“

Leser-Kommentar

Als Kind liebte ich Pollypocket und Autos

Ich kann viele dieser Ängste gut verstehen. Doch meine persönliche Lebenserfahrung lässt mich zu einem anderen Schluss kommen. Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich meine Puppen und meinen Teddy über alles geliebt. In der Puppenecke meines Kindergartens habe ich kleine Kaffeekränzchen veranstaltet. Am liebsten mochte ich meine Pollypocket-Schuhe. Zum Leid meiner Mutter trug ich die weißen Sneaker allerdings auch beim Spielen im Matsch. Neben meinen typischen „Mädchen“-Eigenschaften hatte ich aber eben auch eine Kiste mit Matchbox-Autos* und einen Teppich mit Straßen und Häusern, auf denen die Autos „wohnten“. Ich war unordentlich, laut und musste natürlich in jede Regenpfütze reinspringen.

Dieses kleine Mädchen hätte ich sein können. Denn natürlich habe auch ich gerne draußen im Matsch gespielt.

Meine Grundschullehrerinnen regten sich oft über mein Verhalten auf, akzeptierten genau dieses aber bei den Jungen in meiner Klasse. Eine Lehrerin erklärte eines Tages, sie würde die Mappen nicht auf Ordentlichkeit kontrollieren, weil das gegenüber „den Buben“ ungerecht sei. Mädchen könnten doch viel besser sauber arbeiten. Ich hätte mir damals sehr gewünscht, nicht nach meinem Geschlecht beurteilt zu werden und meine rüpelhafte Seite eben ausleben zu dürfen.

Ein beachtlicher Einfluss auf Entwicklung

Später musste ich eine weitere Erfahrung machen. Ich habe stets meinen sehr viel jüngeren Bruder beschützt, wenn er mit Barbies spielte. Das wurde von Gleichaltrigen nicht akzeptiert. Da kamen schon mal Sprüche wie: „Ein Junge spielt nicht mit Puppen! Du bist kein echter Junge!“ Vielleicht hatten ihre Eltern ihnen das gesagt, vielleicht wollten sie selbst mit Barbies spielen und trauten sich nicht. Irgendwann ertrug mein kleiner Bruder, der damals noch nicht mal zur Schule ging, die bösen Worte nicht mehr. Er hörte auf mit Barbies zu spielen.

Auch diese Sätze prägen dein Kind

Noch heute als Teenager schämt er sich dafür. Dabei hat er als Kind einfach nur spielen wollen. Das sind nur zwei Erfahrungen aus meinem Leben. Ich scheine mit ihnen aber nicht allein zu sein. Denn oft höre ich von Freundinnen, dass sie ähnliche Geschichten kennen oder selbst erlebt haben. Einen Ort, an dem Kinder vor diesen Erfahrungen bewahrt werden, finde ich daher großartig. Ich bin der Meinung, dass die frühkindliche Erziehung einen großen Einfluss auf den späteren Charakter eines Menschen hat.

Jedes, wie es will

Selbst Kindergartenleiterin Rajalin sagte gegenüber dem SWR: „Viele glauben, wir wollten die Mädchen zu Jungs machen und Jungs zu Mädchen, aber das tun wir nicht. Wir wollen die Kinder nicht verändern, aber wir wollen ihre Sicht erweitern. Sie sollen lernen, dass sie Zugang zu allem haben können, was das Leben bringt.“ Für mich klingt das weniger nach Verhaltensvorschriften, sondern besagt eher, dass Kinder eben einfach das machen können, wozu sie Lust haben. Wie so ein Tag im Kindergarten „Egalia“ abläuft, kannst du dir im Video anschauen:

Das Wohl des Kindes sollte Vorrang haben

Es gibt unzählige Studien, die je nach wissenschaftlichen Strömungen zeigen, wie, wo und wann sich Geschlechter entwickeln. Genderbezogene Themen werden immer Streitpunkte bleiben. Die Erziehung unserer Kinder liegt uns allen am Herzen. Gerade deshalb wird über die beste Methode so heftig diskutiert. Am Ende müssen wir uns die Frage stellen: Wie kann ich mein Kind glücklich machen? Ich bin der Überzeugung, dass unterschiedliche Temperamente und Vorlieben von Kindergartenkindern nicht mit ihren Geschlechtern zusammenhängen. Das bestätigt auch der Mediziner Oliver Blankenstein gegenüber der Zeit: Kinder würden in diesem jungen Alter noch nicht stark von Geschlechtshormonen beeinflusst werden.

Maßgeblich sind in dieser Phase also Erziehung und Vorbilder. Vorbilder sind bei den Kleinen doch oft wir: Eltern, Geschwister, Großeltern und die oft weiblichen Erzieherinnen. Wir müssen ihnen beibringen, dass alle Hobbys und Lieblingsfarben okay sind. Dass jeder auf den hohen Baum klettern kann, aber es auch nicht muss. Die strikten Regeln der Erzieher in der Kita „Egalia“ mögen auf den ersten Blick ungewohnt klingen. Allerdings wird hier weder Jungen das Puppenspielen, noch Mädchen das Raufen verboten. Ihnen werden einfach nur keine unnötigen Grenzen gesetzt.

Daumen hoch für „Egalia“

Ein Kindergarten mit gesellschaftlich-politischen Ambitionen mag viele Menschen erst einmal beunruhigen. Doch wenn die Kinder hier glücklich und unbeschwert sind und die Eltern ein gutes Gefühl haben, dann gibt es nichts, was ich daran schlimm oder besorgniserregend finden kann. Im Gegenteil: Ich kann dem Konzept ziemlich viel abgewinnen.

Bildquelle:

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