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Wieso ich #stillenistliebe nicht mehr sehen kann

Wieso ich #stillenistliebe nicht mehr sehen kann

Stillen gilt nicht nur als besonders gesund, es handelt sich dabei auch um die innigste Form des Kontakts zwischen einer Mutter und ihrem Baby. Kein Wunder also, dass sich auch bei Instagram unter dem Hashtag #stillenistliebe knapp 30.000 Fotos und Texte finden lassen, die genau diesen ganz besonderen Moment festhalten. Anfangs fand ich das toll. Hab mich über den öffentlichen Raum für das sonst eher umstrittene Thema gefreut. Jetzt nervt mich der Hashtag nur noch! Denn Mütter, die nicht stillen können oder sich bewusst dagegen entscheiden, werden damit ausgeschlossen und als lieblos oder sogar egoistisch abgestempelt.

Ja, Muttermilch ist ein wahrer Alleskönner. Auch ich habe meine Tochter nach der Geburt gestillt. Aber ich habe mich auch aus rein egoistischen Gründen nach vier Monaten dazu entschieden, abzustillen. Zwei Monate früher als die Weltgesundheitsorganisation (englisch: World Health Organization; kurz WHO) vorsieht. Denn: Ich habe mich beim Stillen einfach nicht mehr wohlgefühlt.

Geht es der Mama gut, geht es auch dem Baby gut

Ich weiß noch, wie ich mich direkt nach der Geburt unter Druck gesetzt habe, weil ich unbedingt wollte, dass das Stillen klappt. Ich tat alles mir Mögliche, damit es funktioniert. Ich stillte und stillte. Mit blutenden Brustwarzen und regelmäßigen Milchstaus. Irgendwann ging der Schmerz weg. Ich hatte Glück! Doch so wirklich schön fühlte sich das Saugen an der Brust für mich nicht an. Aber ich stillte weiter, teilweise stundenlang. In den ersten Wochen betrieb meine Tochter richtiges Clusterfeeding (stundenlanges Dauerstillen ohne Pause) und hing bis in die tiefe Nacht an meinen Brüsten. Es schien nie genug zu sein.

Anfangs dachte ich an einen Wachstumsschub, legte sie einfach häufiger an. Doch auch nach mehreren Wochen keine Verbesserung. Stattdessen brauchte sie meine Brust bei jeder Gelegenheit. Sie beruhigte sich nur noch beim Stillen, schlief nur, wenn sie vorher gegessen hatte und schrie sowohl im Kinderwagen als auch im Tragetuch oder beim Autofahren.

Nur weil ich nicht stille, liebe ich mein Kind nicht weniger!

Niemand konnte sie besänftigen, niemand außer mir konnte sie ins Bett bringen. Ich saß oft stundenlang allein mir ihr im dunklen Schlafzimmer und stillte, damit sie endlich einschlafen konnte. Sie trank aber nie richtig. Sie nuckelte immer nur. Letzten Endes wollte sie jede Stunde „trinken“. Erst nachts. Dann auch tagsüber. Ich schlief selten mehr als zwei Stunden pro Tag und das monatelang. Ich fühlte mich völlig fremd in meiner Haut. War nur noch genervt, gestresst und überfordert. Der Schlafentzug schien mich um den Verstand zu bringen. Deswegen zog ich die Reißleine. Denn ich bin der Meinung: Tut es der Mama nicht mehr gut, ist es im Umkehrschluss auch für das Baby nicht mehr richtig. Ich stillte also ab.

Jede Frau muss für sich den richtigen Weg finden

Kurze Zeit später erntete ich auch schon böse Blicke dafür: Im Rückbildungskurs schauten erst die anderen Mamas argwöhnisch, wenn ich das Pulver in die Flasche gab, später fragte mich sogar meine Hebamme, warum ich denn jetzt schon abgestillt hätte. Verständnis für meine Entscheidung: Fehlanzeige! Im Austausch mit anderen Mamas ähnliche Diskussionen. Von einer Bekannten wurde ich sogar als Egoistin beschimpft. Auch auf Instagram nur wenig andere Mütter, die sich öffentlich dazu bekennen, dass sie ihrem Kind die Flasche geben. Unter dem Hashtag #flaschegebenistauchliebe gibt es gerade einmal 388 Postings.

Aber lieben Mütter, die die Flasche geben, ihre Kinder denn weniger? Ganz klar: Nein. Und deswegen finde ich diesen Hashtag und all das, was dahinter steckt, all die Vorurteile, das alte Rollenbild der Frau, vollkommen unangebracht. Denn er setzt Mamas, die ihren Kindern die Flasche geben, enorm unter Druck. Dabei ist man nicht automatisch eine gute Mutter, nur weil man stillt. Man ist auch keine schlechte Mutter, wenn man nicht die Brust gibt.

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Auch die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Seichter hat sich mit dem Thema beschäftigt. In ihrem Buch „Erziehung an der Mutterbrust: Eine kritische Kulturgeschichte des Stillens“ (Hier bei Amazon erhältlich!*) beantwortet sie die Frage, wer beim Stillen denn eigentlich erzogen wird, das Baby oder die Mutter, ganz deutlich: „Vor allem die Mutter, von der Gesellschaft! Frauen entscheiden nicht selbstbestimmt, ob sie stillen wollen.“ Dem stimme ich zu. In meinen Augen haben Frauen so viel Angst vor Kritik, Spott und Vorurteilen, dass sie sich einfach mit dem ihnen vorgezeigten Bild einer Mutter zufriedengeben. Dabei muss jede Frau und damit auch jede Mutter doch ihren eigenen Weg gehen und damit auch glücklich sein. Es bringt nichts, sich selbst oder andere Frauen zum Stillen zu zwingen. Wenn man nicht stillen möchte, kann man es auch nicht.

Wenn man nicht stillen möchte, kann man es auch nicht.

Jessica Kühne
Jessica Kühne

Daher mein Appell an alle: Urteilt nicht vorschnell! Vor allen Dingen aber VERurteilt nicht. Hört auf, den Hashtag #stillenistliebe zu verwenden und das Stillen als etwas zu deklarieren, was es nicht ist. Unterstützt stattdessen lieber alle anderen Mamas, die nicht stillen können oder wollen. Damit diese sich nicht verstecken und schämen müssen. Schließlich sind alle Kinder, alle Eltern und die Umstände so verschieden, dass es auch normal sein sollte, dass sie ihre Kinder auch anders ernähren. Ob Flasche, Breisauger und wenn es sein muss auch durch Sonden – es ist egal, denn am Ende des Tages ziehen wir alle ganz wunderbare Menschen mit ganz viel Liebe groß.

In diesem Sinne: #stillenistliebe #flaschegebenaberauch

Bildquelle:

istock/morrowlight/AlekZotoff

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