Avicii
Ricarda Biskoping am 25.04.2018

Freitagabend ging die traurige News um die Welt: Star-DJ Avicii, mit bürgerlichem Namen Tim Bergling, ist tot. Mit 28 Jahren! Die BBC-Doku „Avicii True Stories“, die auf Netflix erschienen ist, schildert sein Leben – vor dem Ruhm bis hin zu seinem Ausstieg – sehr detailliert. Ich habe sie mir angesehen, musste drei Mal zwischendurch eine Pause einlegen, durchatmen, nachdenken. Zu schwer treffen mich die traurigen, fast hilfeschreienden Worte Aviciis immer wieder. Zu sehr setzt es mir zu, dass ihn niemand aus einem Business holen konnte, das scheinbar nicht nur seine Gesundheit, sondern auch seine Seele zerstört hat.

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Wie ich von seinem Tod erfuhr

Ich war Freitagabend eher zufällig bei Facebook unterwegs, als mir die Zeile: „Star-DJ Avicii (28) ist tot“ ins Auge fiel. Ein Schock! Ich war keineswegs ein riesiger Avicii-Fan. Aber ich mochte seine Musik schon immer. Hin und wieder laufen seine Songs bei mir in Dauerschleife. Allerdings: Ich muss dafür in einer gewissen Laune sein, denn seine Lieder machen mich oft melancholisch und wehmütig. Höre ich beispielsweise „Hey Brother“ bekomme ich automatisch Heimweh. Ein Gefühl, das Avicii irgendwann jedoch nicht mehr kannte, denn nach den ersten erfolgreichen Jahren, fühlte er sich an keinem Ort der Welt mehr zu Hause. Er war überall unterwegs, aber nirgends zu Hause.

Warum ich alles über ihn wissen wollte

Da ich nicht viel über den Menschen, Tim Bergling, wusste, habe ich mich in den vergangenen Tagen immer wieder hingesetzt, gezielt Artikel über ihn, sein Leben, seine Ex-Freundinnen gelesen. Es ist ein komisches Phänomen, dass Menschen immer das Bedürfnis haben, jedes Detail über einen Toten wissen zu wollen. Nach ein paar Artikeln wurde ich misstrauisch: Alle Sätze, die Avicii über das Business und das damit verbundene Leben äußerte, klangen nach Unzufriedenheit. Nach einer ganz tiefen Unzufriedenheit.

Jetzt, nach seinem Tod, erheben viele Menschen Vorwürfe, rechnen mit der Musik-Szene ab, in der es oft nur um Ruhm, Erfolg und Geld geht. Man habe Avicii verheizt, er habe teilweise sogar auf die Bühne kriechen müssen. Denn er war mit seinen Kräften am Ende, wollte nie wieder auf der Bühne stehen. Und äußerte das auch immer und immer wieder. Doch die Frage, die sich mir jetzt stellt: Warum griff niemand ein?

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, entschloss ich mich, mir die Netflix-Doku über ihn anzuschauen. Vielleicht wusste ich schon vorher, dass mich das quälen wird. Aber: Ich hatte nicht erwartet, einen so detaillierten Überblick über sein fremdbestimmtes Leben zu bekommen. Denn den Menschen Tim gab es am Ende seiner Karriere nicht mehr, Avicii wurde zu einer Art Ware, die Geld einbrachte.

Die Doku

Die BBC-Doku „Avicii True Stories“ wurde erst im April auf Netflix veröffentlicht, kurz vor Aviciis Tod. Netflix wollte damit seinen rasanten Aufstieg zeigen, seine Geschichte erzählen. Avicii hingegen wollte sich damit, so glaube ich, vor seinen Fans rechtfertigen, warum er 2016 sein Aus verkündete. Er wollte den Menschen klarmachen, dass sein Ausstieg (der eigentlich keiner war) notwendig für ihn war.

Jetzt, nach seinem Tod, bekommt die Doku einen fiesen Beigeschmack. Denn kaum ein Künstler redet so offen über die Schattenseiten des Ruhms wie Avicii. Er hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sein Leben fremdbestimmt war, ihn nach einigen Jahren quälte. Und genauso offen und ehrlich beginnt die Dokumentation über Aviciis Leben.

Ein Leben unter Starkstrom

„Die ersten vier, fünf Jahre war alles super spannend, es war ein Kick wie beim Fallschirmspringen. Beim Springen spielt man damit, dem Tod nahe zu kommen. Und auf der Bühne spielt man damit, etwas Besonderes zu sein. Und gleichzeitig eine Verbindung zum Publikum aufzubauen und akzeptiert zu werden. Von Anfang an habe ich als DJ immer alles gegeben. Egal, was los war. Immer. Es war ein Leben unter Starkstrom.“

Und weiter: „Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, ob mir das Leben auf Tour auch gefällt. Ich war nur sehr sporadisch zu Hause. (…) Ich war acht Jahre ständig unterwegs. Nach vier Jahren fiel mir auf, dass wenn ich zurückkam, sich kein Gefühl von Zuhausesein einstellte. Und mir wurde bewusst, dass ich das alles nicht mehr wollte. Es war mir einfach zu viel. Da habe ich beschlossen, aufzuhören“, sagt er zu Beginn der Doku.

Schon nach diesen ersten Sätzen muss ich eine Pause einlegen. Einen Toten über den Tod reden zu hören, trifft einen immer, finde ich. Ich gehe auf den Balkon, atme durch, schaue den Kindern im Hof beim Spielen zu. Ich frage mich: Wie wäre Tims Leben wohl verlaufen, wenn er nicht entdeckt worden wäre. Würde er sein Leben anders gestalten, wenn er es nochmal leben dürfte? Nach zehn Minuten gehe ich wieder rein. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den restlichen Verlauf der Doku sehen will. Oder ob das Zitat vielleicht das Aussagekräftigste ist und deshalb bewusst am Anfang platziert wurde. Dann drücke ich auf Start…

#newfriends

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Die Anfänge

Tim wächst in Stockholm auf. Er betont immer wieder, dass er bis zu seinem 19. Lebensjahr nicht aus seiner Heimatstadt rausgekommen ist. Sogar seine Schule lag nur einige Straßen entfernt. Er bewegt sich also während seiner Kindheit und bis zum Teenager-Alter in einer sicheren Umgebung. Zu Hause bei der Familie und bei Freunden. Seine Leidenschaft zur Musik entwickelt sich früh. Nächtelang sitzt er mit Freunden zusammen, um Musik zu machen. Erst analysiert er mit einer Software die Tracks von berühmten DJs. Dann produziert er eigene Lieder.

Die Doku zeigt deutlich: Tim will berühmt werden, er ist sehr ehrgeizig, besessen von der Musik. Er ist ein Genie, das sich nur an einer Sache festklammern kann: an der Musik. Er will den großen Durchbruch schaffen, doch dabei geht es ihm weniger um den Fame, sondern um die Leidenschaft, eigene Songs zu erschaffen. Denn Tim ist ein introvertierter Mensch, der mit Smalltalk und Oberflächlichkeiten nichts anfangen kann. Auch ein Grund, warum die Bühne später zu einer Qual für ihn wird.

Hi there

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Das Ende des behüteten Lebens

Tims behütetes Leben endet, als er ‚Ash‘ im Mai 2009 kennenlernt, der sein Manager wird. Tim war ihm aufgefallen. Er verspricht, ihn groß zu machen, ihn an die Spitze zu bringen. Damit kann er Tim ködern. Und es kommt auch so: Tim wird zu Avicii. Schnell werden DJs wie David Guetta und Tiesto auf ihn aufmerksam. Plötzlich kennen alle seine Songs, bei Gigs weltweit singen alle seine Hits mit. Die Menschen rasten regelrecht aus, wenn er eine Bühne betritt. Doch trotz seines Erfolges bekommt Avicii keinen Höhenflug. Im Gegenteil: Er bleibt weiterhin ein unsicherer Mensch. In Interviews lächelt er oft nur schüchtern, weiß nie so genau, was er sagen soll oder darf. Vor allem, wenn er auf seinen Ruhm angesprochen wird, wird Avicii nervös.

Seine Freunde beschreiben ihn in der Doku als unschuldigen, naiven und anständigen Menschen. Und vermutlich wurde ihm auch das zum Verhängnis. Denn ein Mensch, der nie Nein sagen kann, der andere nie verletzen will, stellt die eigenen Bedürfnisse oft hinten an. Man will ja niemanden enttäuschen.

Der Alkohol-Konsum

Um seine Schüchternheit zu überwinden, sich der Szene anzupassen, greift Avicii immer öfter zum Alkohol. Den Missbrauch verschweigt er nicht, spricht offen darüber: „Anfangs habe ich mich nicht getraut, Alkohol zu trinken. Ich wollte die Auftritte nicht versemmeln. Aber dann habe ich gemerkt, dass ich mit ein paar Drinks einfach lockerer drauf war. Letztendlich hat es mir geholfen, die Gigs durchzustehen. Ich habe gesehen, wie andere DJs, die schon seit zehn Jahren im Business waren, gesoffen haben“, sagte Avicii.

Doch der Alkohol, der Stress, der fehlende Schlaf greifen nach einiger Zeit seinen Körper an. Vor einem Gig in Australien muss Avicii mit starken Magenschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Und da beginnen, so finde ich, die Schattenseiten seines Ruhms. Denn an dieser Stelle hätte er einen einfühlsamen Menschen an seiner Seite gebraucht. Einen Menschen, der ihm sagt, dass nur sein Wohl und seine Gesundheit im Vordergrund steht, nicht das Geld.

Hello world!🖖🏻 I call this one "Serious Sunday" 👋🏻

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Der Krankenhaus-Aufenthalt

Die Szenen aus dem Krankenhaus machen mich wütend. Kann man bis zu einem gewissen Punkt verstehen, dass Menschen für ihren Erfolg an Grenzen gehen, endet dieser spätestens hier. Eigentlich will man ihn schon an diesem Punkt anschreien und ihm sagen: „Hör bitte, bitte nicht auf diese Menschen.“ Warum? Weil das passiert…

Avicii liegt mit starken Schmerzen und von Ärzten und Pflegern umzingelt im Bett. Auf dem Schoß liegt sein Laptop, er scheint zu arbeiten oder sich zumindest mit Dingen zu beschäftigen, die an so einem Ort für einen Moment egal sein sollten. Doch Avicii ist nicht nur in der Anwesenheit des Krankenhaus-Personals, sondern wird auch von seiner Crew belagert. Obwohl die Ärzte ihm sagen, dass mit dieser Krankheit nicht zu spaßen sei, hat einer seiner Manager andere Pläne. Seine Worte, die ebenfalls in der Doku gezeigt werden. „Wenn du die Show trotzdem durchziehen willst, geben sie dir Schmerzmittel.“ Eine Äußerung, die vom Krankenhaus-Personal so nicht bestätigt wird. Ein Mitarbeiter versucht klarzumachen, dass eine Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsen-Entzündung, kann vom Alkohol-Missbrauch kommen) sehr schmerzhaft ist. Ein Gig? Mit den Schmerzen unvorstellbar.

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Das Gespräch verläuft sich in Diskussionen über den bevorstehenden Gig und die kommenden Shows. Keiner spricht laut aus, was eigentlich sofort ausgesprochen werden müsste: DIE SHOW MUSS ABGESAGT WERDEN! Sein Manager rechtfertigt seine Meinung zu dem Thema mit den Worten: „Ich bin derjenige, der ihm erklärt, wie die Dinge laufen müssen, um erfolgreich zu sein.“ Worte, für die er sich heute schämen dürfte.

Es ist das zweite Mal, dass ich die Doku ausschalte. Ich merke, wie sich eine Wut in mir breit macht. Wie können Menschen nur so sein? Natürlich stehen während so einer Situation alle Beteiligten unter Druck. Dennoch gibt es an den Aussagen der Ärzte nichts misszuverstehen. Ich wünsche mir in diesem Moment, dass die Doku eine Wendung nimmt, Aviciis Familie reinkommt und ihm die einzig richtige Entscheidung abnimmt: Operieren, auskurieren, wieder zu Kräften kommen. Doch das passiert leider nicht, wie ich dann erfahre…

Auszeit? Gibt’s nicht!

Und die beschämende Situation geht weiter: Einen Tag nach der Entlassung – die OP wurde dann doch durchgeführt – sitzt Tim schon wieder mit seinem Tour-Manager im Auto. Sein Gesicht ist blass und eingefallen, er ist sichtlich schwach. Immer wieder hat man das Gefühl, dass ihm die Augen zufallen. Als er sich dann mehr oder weniger dafür entschuldigt, dass wegen ihm zwei Tage verloren gegangen sind, antwortet sein Tour-Manager das: „Drei Tage. Wir sind seit Montag hier.“

Vielleicht ist es nicht zwingend die Aufgabe eines Managers, seinem Promi Liebe und Geborgenheit zu schenken, immerhin stehen die beiden in einer geschäftlichen Beziehung zueinander. Doch Menschlichkeit wäre an dieser Stelle definitiv angebracht gewesen.

Man merkt Avicii an, dass ihn das schlechte Gewissen plagt. Immer wieder schließt er seine Augen (man weiß nicht, ob aus Erschöpfung oder aus Abneigung), er hat Augenringe. Doch statt ihm nach der OP eine Auszeit zu genehmigen, damit er danach wieder durchstarten kann, geht’s für Avicii sofort weiter. Noch im Auto erfährt er, dass er am nächsten Tag wieder auf der Bühne stehen muss. Als er dann noch mit einer Interview-Anfrage konfrontiert wird, rollt er mit den Augen. Man sagt ihm dann, dass man jetzt liefern müsse. Seine leise Antwort: „Ja, klar!“

Repping my old school in Stockholm✌🏽️

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Mein Mail-Interview

Auch ich durfte Avicii 2013 ein paar Fragen stellen. Avicii war damals auf dem Weg an die Spitze, mit ‘Wake me up’ startete er durch. Während ich mich damals über den Mail-Kontakt gefreut habe, sehe ich das heute, vor allem nach der Doku, mit anderen Augen. Denn vielleicht hat er damals auch bei meiner Anfrage mit den Augen gerollt, sich dann aber doch hinreißen lassen, zwischen Tür und Angel und mit wenig Kraft, ein paar Statements abzugeben. Als Journalist geht man vermutlich einfach zu selbstverständlich davon aus, dass Künstler ihre Namen in großen Zeitungen sehen wollen. Dass das nicht jedermanns Sache ist, gibt Avicii auf Netflix offen zu. Sich um die Promotion zu kümmern, war keine seiner Leidenschaften. Im Gegenteil. Es war eine zusätzliche Belastung, die irgendwie gestemmt werden musste.

Die Schmerzen nach der OP

Die Schmerzen der OP werden erst nach seiner Entlassung schlimm, verrät Avicii in der Doku: „Du wachst jeden Morgen mit diesen Magenschmerzen auf, jede Bewegung tut weh. Mit den Medikamenten habe ich mich einfach beschissen und permanent benebelt gefühlt. Ich wusste nicht, wie lange das so noch weitergeht. Aber die Ärzte wussten es auch nicht. Plötzlich wurde ‘Wake me up’ ein Riesen-Hit, 2013 ging es richtig los.“

Auch der Erfolg benebelt Aviici. Allerdings nur, wenn er auf der Bühne steht. Denn dort erlebt man einen anderen Avicii: Von Schmerzen, Qual und wenig Kraft ist nichts zu sehen. Während seiner Shows feiert, tanzt und lacht er. Zumindest so lange, bis die Scheinwerfer ausgehen. Denn dann gewinnen die Schmerzen wieder die Überhand. Trotzdem folgen Shows über Shows.

Dass es Avicii so schlecht geht, ahnt damals noch niemand. Denn er wurde ja immer erfolgreicher…

Rückblickend stellt Avicii jedoch in der Doku fest: „Ich habe mir nicht die Zeit genommen, darüber nachzudenken, was ich wirklich machen wollte. Und wie. Ich habe mich einfach treiben lassen, mich auf die Musik und auf das Touren konzentriert. (…) Ich bin wohl einem Ideal hinterhergelaufen, das gar nicht meins war.“ Und auch bis zum Ende seines Lebens nicht mehr seins wurde.

„Ich möchte gerne Tim sein“

Als die Pankreatitis vorest überstanden zu sein scheint, geht es für Avicii ab nach Miami. Doch dort gibt es den nächsten Vorfall: Er muss wieder ins Krankenhaus, hat starke Schmerzen. Avicii bekommt Heroin gegen seine Schmerzen, doch das schlägt nicht an. Die Qual scheint nicht aufzuhören, so Avicii. Die „Lösung“ für das Problem: Avicii nimmt 20 verschiedene Präparate ein, geht wieder auf Tour.

Doch Avicii fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, er möchte sein altes Leben zurück. Das gibt er in einem Interview auch offen zu, doch es wird überhört. Als er danach gefragt wird, wie es ist, Avicii zu sein, sagt er: „Ich bin Avicii, aber so wie Avicii wahrgenommen wird, ist Tim gar nicht. Er ist eigentlich schüchtern, ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt.“ Doch es ist Aviicis Job, jeden Tag im Mittelpunkt zu stehen. Man könnte seine Worte also auch wie folgt übersetzen: „Ich war mal Tim und mochte mich ganz gerne, mit all meinen Macken. Doch für die Welt bin ich Avicii. Eine Person, die ich gar nicht sein möchte.“

Doch Aufgeben ist keine Option für Avicii. Dafür liebt er die Musik dann doch zu sehr. Denn sie ist die einzige Leidenschaft, die im Halt gibt.

Desert Vibes #TheCrowningOfPrinceLiam

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2015, Los Angeles

Tim fühlt sich mental und körperlich nicht fit, doch ein Ende der Shows ist nicht in Sicht. Um seine Unzufriedenheit in den Griff zu bekommen, fängt er an zu trainieren. Beim Training vertraut er sich dann einem Menschen an, beschreibt, dass er unter Panik-Attacken leidet.

Er geht drei bis vier Mal pro Woche auf die Bühne, legt seine Shows hin und hat währenddessen auch Glücksgefühle. Allerdings: Er nimmt weiterhin Medikamente, die er eigentlich längst hätte absetzen müssen. Doch um einen weiteren Welt-Hit landen zu können, arbeitet er nebenbei auch noch im Studio. Die Arbeit dort macht ihn allerdings glücklich. Bis zum Schluss.

Vor lauter Arbeit (und vielleicht auch Kummer) vergisst Tim zu essen. „Er war nur noch ein Schatten seiner selbst. Das war nicht mehr der Mensch, den ich kannte“, berichtet ein Freund. Die Nerven bei Avicii liegen blank. Was auch diese Situation deutlich zeigt: Als er einen Text für ein Jingle sprechen soll, rastet er vollkommen aus. Wenige Sätze auswendig aufzusagen, überfordert ihn total. Er flippt aus, wirft die Blätter zu Boden. Er habe keine Lust mehr darauf. Er mache das nicht mehr, sagt er und verlässt den Raum.

Ein neuer Versuch

Es folgt eine Therapie, nach der es dann weiter nach Kalifornien geht. Das Ziel: ein Studio. Avicii blüht wieder auf, fühlt sich sichtlich wohler. Er scheint sein Leben und seine Gefühle wieder unter Kontrolle zu haben. Zum ersten Mal erkennt er für sich, dass er introvertiert ist und das nicht schlimm ist. Ihm wird klar, dass ihm tiefgründige Gespräche wichtiger sind als Smalltalk. Sein Fazit: Er will weniger auf die Meinung der anderen geben. „Without you“ entsteht.

Eine tickende Zeitbombe

Als die Computer kurz vor einem riesigen Gig in Miami streiken, wird Avicii, laut Aussagen, zu einer tickenden Zeitbombe. Der Stress überrollt ihn, doch die Show wird dennoch ein Erfolg. Kurz darauf beschließt er, sein Aus zu verkünden. Inmitten seiner Crew tippt er die ihn erlösenden Worte. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Erneute Diskussion: „Warum hast du es so eilig damit“, wird er von Crew-Mitgliedern gefragt. Vergessen werden darf hier nicht, dass Avicii zu diesem Zeitpunkt schon acht Jahre lang im Business unterwegs ist.

Zum dritten Mal muss ich die Doku unterbrechen. Denn ich kann die Gedanken der anderen förmlich lesen oder bilde es mir ein. Vermutlich haben sie in dem Moment ihre Kontoauszüge vor sich gesehen und gerechnet, wie viel Kohle ihnen dann durch die Lappen geht. Oder wie lange sie mit ihren Ersparnissen noch durchkommen, sollte er es ernst meinen. Denn sonst ist eine solche Frage für mich nicht vorstellbar. Ein Crew-Mitglied, das ununterbrochen mit diesem Menschen unterwegs, daher Kollege und Freund zugleich ist, stellt so eine Frage nur aus Eigennutz. Je länger ich darüber nachdenken, desto mehr möchte ich mich übergeben. Und schalte die Doku erneut an…

Der Ausstieg, der keiner war

Doch Aviciis Entschluss steht. Er möchte so nicht mehr weitermachen. Denn er merkt selber, dass sein Körper ihm Warnsignale gibt. Medien weltweit berichten über sein Aus. Aviciis Reaktion: Er lacht und freut sich wie ein kleiner Junge, dass es endlich vorbei ist. Doch natürlich gibt es einen Haken. Oder anders gesagt: Natürlich hat sein Management wieder mal andere Pläne. Denn alle vereinbarten Shows für das Jahr sollen noch eingehalten werden. Heißt für Avicii: Er muss weiterhin weltweit auftreten: Miami, Las Vegas, Europa…

… bis Avicii dann wieder ans Ende seiner Kräfte gerät: „Anfangs dachte ich, die Shows durchzuziehen sei einfacher, als sie zu canceln. Nein, es ist schwieriger für mich, aufzutreten. Für mich gibt es keinen einzigen Grund, noch einen einzigen Gig zu spielen“, gesteht er seiner Crew. Während er am hellichten Tag ein Bier ext.

Und die Crew? Na klar, versucht ihm ein schlechtes Gewissen einzureden. Denn das scheint bei Avicii sonst immer funktioniert zu haben. Als er sagt, dass er nie wieder eine Bühne betreten möchte, wird er aufgefordert, über die Nachteile nachzudenken. Avicii weiß, dass er dadurch Geld verliert. Und sein Ruf leiden könnte. Doch es ist ihm egal. Seine Abneigung gegenüber dieser Branche ist einfach zu groß geworden. Er fühlt sich eingeengt, gefangen in einem falschen Leben. Auch ein neuer, abgeschwächter Tour-Plan lässt ihn nicht an seiner Entscheidung zweifeln: Es soll endlich alles vorbei sein.

Er bricht mit seinem Manager

Danach sind Szenen zu sehen, die mir das Herz aufgehen lassen. Avicii widersetzt sich seinem Manager, der ihn weiterhin dazu drängen will, aufzutreten. Es sei einfach nicht möglich, die Shows abzusagen, lässt er Avicii wissen. Doch als der sich rückversichert und sieht, dass dies sehr wohl möglich ist, bricht er mit ‚Ash‘.

Und natürlich lässt der danach kein gutes Wort an Avicii. Und offenbart damit gleichzeitig sein wahres Ich: „Jeder, der direkt nach der Schule, so eine erfolgreiche Karriere hat, hat keine Zeit, um erwachsen zu werden. (…) Ich will ja nicht über ihn herziehen, ich will neutral bleiben. (…) Er versteht nicht, dass es um viel Geld geht. Und sein Verhalten auch Auswirkungen auf andere Leute hat. Die Leute sind doch nur nett zu ihm, weil er erfolgreich ist. Die Ratten würden doch das sinkende Schiff verlassen, wenn er sie nicht mehr bezahlen könnte. Da bin ich mir ganz sicher.“ Ein Satz, der nicht weiter kommentiert werden muss.

Love you all!! #AviciiOnTour #UntoldFestival

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Die letzte Show, Ibiza

Zur letzten Show auf Ibiza muss Avicii schon fast gezwungen werden. An diesem Abend soll er sich von seinen Fans, die keine Ahnung haben, wie es ihm wirklich geht, verabschieden. Man merkt, dass er sich kaum überwinden kann, auf die Bühne zu gehen. Dann redet er sich ein, dass er diesen Wahnsinn nur ein letztes Mal überstehen muss. „Ich hätte mir keine bessere, letzte Show wünschen können. Danke, ihr wart toll“, sind die Worte, mit denen er den Gig beendet. Die Fans weinen, schreien, jubeln ihm zu.

Danach urlaubt Tim erstmal, um sich selbst zu finden, sich wie mit 18 Jahren zu fühlen. Einen Plan für die Zukunft habe er nicht. Doch das Leben hatte seinen eigenen Plan, wie wir jetzt wissen.

Viele Fragen, keine Antworten

Nachdem ich die Doku gesehen habe, gehen mir viele Gedanken durch den Kopf: Warum war er eigentlich immer nur von Männern umgeben? Welchen Platz hatte seine Familie in seinem Leben? Wie passten seine Ex-Freundinnen in dieses Lebenskonzept? Warum konnte ihn niemand vorher aus dieser Hölle befreien?

Tims private Beziehungen werden in der Doku nicht ein einziges Mal thematisiert. Weder seine Familie, noch seine Ex-Freundinnen werden erwähnt. Ich glaube, Tim hat das bewusst entschieden, um den letzten Rest seines Tim-Lebens zu schützen, nicht auch noch zu verlieren. Schade, dass seine Familie so wenig Zeit mit ihm verbringen durfte. Schade, dass sie ihren Sohn und Bruder so früh verloren haben.

Schade, dass Manager und Co. nicht einsehen wollten, dass Tim nicht für die Bühne, dafür aber fürs Studio gemacht war. Kein wahrer Fan hat es ihm, so glaube ich, böse genommen, als er sich zurückgezogen hat. Kein wahrer Fan hätte nicht verstehen können, dass das alles zu viel war. Ich weiß jedenfalls: Mit meinem heutigen Wissen wäre ich sowieso nie wieder auf sein Konzert gegangen. Jeder Avicii-Konzertgänger muss sich jetzt doch fragen, wie sehr Tim sich wohl in diesem Augenblick quälen musste, um den gut gelaunten Avicii zu spielen.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich seine Musik nochmal hören kann. Denn jedes Mal würde mir dieser Satz durch den Kopf gehen: „Ich bin Avicii, aber so wie Avicii wahrgenommen wird, ist Tim gar nicht. Er ist eigentlich schüchtern, ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt.“ Ich wünsche Tim einen Himmel, in dem es viele Studios, aber keine Bühnen gibt.

Bildquelle:

GettyImages/Timothy Hiatt


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