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Kleiderly-Gründerin Alina Bassi:

„Wir laden unseren Müll in Dritte-Welt-Ländern ab und denken, wir tun damit Gutes“

„Wir laden unseren Müll in Dritte-Welt-Ländern ab und denken, wir tun damit Gutes“

Nachhaltigkeit ist für die Modebranche ein großes Problem. So schön die vielen neuen Kollektionen von H&M oder Zara auch sein mögen: Sie belasten unsere Umwelt enorm. Deshalb suchen immer mehr Menschen nach nachhaltigen Lösungen, um mit den Tonnen von Müll, zu denen unsere Kleidung letztendlich wird, etwas Neues zu schaffen. So auch Alina Bassi. 2019 gründete sie das Start-up Kleiderly, das alte Kleidung recycelt und in Plastik verwandelt. Dafür ist sie nun in der Kategorie „Sustainability“ bei den Digital Female Leader Awards nominiert.

Im desired-Interview verrät die junge Gründerin, warum ihr das Thema Nachhaltigkeit so wichtig ist, wie sie auf ihre Firmenidee kam und was sie anderen Gründerinnen raten würde.

desired: Welches Problem wolltest du mit Kleiderly lösen?

Alina Bassi: Jeden Tag landet tonnenweise Kleidung im Müll. Gleichzeitig wird tonnenweise Plastik aus Erdöl produziert. Beides ist sehr umweltschädlich. Mit Kleiderly wollen wir beide Probleme lösen, indem wir aus den Kleidungsabfällen neues Plastik machen.

Wie macht ihr das?

Wir arbeiten auf der einen Seite mit Firmen zusammen, die Dinge aus Plastik produzieren. Auf der anderen Seite kooperieren wir mit Wohltätigkeitsorganisationen. Diese bekommen sehr viele Kleiderspenden, die sie aus Qualitätsgründen nicht verwenden können. Bis zu 80 Prozent der Spenden sind nicht brauchbar. Diesen Spenden versuchen wir ein neues Leben zu geben, indem wir sie zu Plastik verwerten. Ich will hier nicht zu sehr auf den genauen Produktionsprozess eingehen. Am Ende kann das Plastik, das wir produzieren, jedoch genauso verwendet werden, wie jedes andere Plastik auch. Wir haben bisher zum Beispiel Kleiderbügel daraus gemacht. Auf diese Weise können wir wieder auf die Modeindustrie zukommen und zeigen: Wir haben etwas Neues aus euren Textilabfällen gemacht.

Wie bist du auf die Idee gekommen?

Ich habe Verfahrenstechnik studiert und zunächst in der Energieberatung gearbeitet. Später wechselte ich in die Müllverarbeitung. Ich arbeitete etwa für ein Unternehmen, das aus Haushaltsmüll Bio-Benzin hergestellt hat und eines, das aus Kaffeesatz Bio-Diesel gemacht hat. Mit der Verarbeitung von Abfällen hatte ich also bereits längere Zeit Erfahrung. Die eigentliche Idee zu Kleiderly kam mir aber erst, als ich Ende 2018 meine Familie in Tansania besuchte. Dort sah ich zum ersten Mal, wo unsere Kleiderspenden landen. Wir laden unseren Müll quasi in den Dritte-Welt-Ländern ab und denken, wir tun damit etwas Gutes. Aber wir senden viel zu viel und deshalb landen die Spenden am Ende auf Müllhalden, wo sie langfristig das Wasser verschmutzen. Vieles wird auch verbrannt.

Deshalb begann ich viel zu Textilabfällen zu recherchieren, um herauszufinden, wo die großen Probleme dabei liegen. Dabei habe ich entschieden, dass das ein Thema ist, auf das ich mich spezialisieren möchte. Somit konnte ich meine bereits gewonnene Expertise in eine eigene Idee umwandeln.

War dir Nachhaltigkeit schon immer wichtig?

Auf jeden Fall! Ich habe schon als Teenager begonnen, Bücher und Artikel zu dem Thema Nachhaltigkeit zu lesen und mir war früh klar, dass ich in diesem Bereich arbeiten möchte. Deshalb habe ich überhaupt Verfahrenstechnik studiert. Ich wollte damit zum Beispiel im Bereich der erneuerbaren Energien arbeiten. Am Ende bin ich in einem anderen Feld gelandet, das mir ebenfalls unglaublich zusagt.

Wolltest du auch schon immer deine eigene Firma gründen?

Ja, diesen Wunsch hatte ich schon sehr früh. Als ich in größeren Firmen arbeitete, störte es mich immer, dass ich nicht genug Mitspracherecht hatte und nicht so viel verändern konnte, wie ich es gerne getan hätte. Als ich dann in einem Start-up arbeitete, genoss ich es, selbst eine wichtige Rolle zu haben und Dinge aktiv beeinflussen zu können. Doch ich wollte mehr. Der Gedanke, etwas Eigenes zu gründen, war also immer da und ich habe ihn in die Tat umgesetzt, als mir die passende Geschäftsidee kam.

Jetzt bist du dein eigener Boss? Wie fühlt sich das für dich an?

Ich liebe es! Aber es ist auf jeden Fall auch sehr viel stressiger, als angestellt zu sein. Zwar war mir das vorher bewusst, doch wie viel Stress meine Position genau mit sich bringt, wurde mir erst klar, als ich sie innehatte. Man kann nie wirklich abschalten. Wenn deine Freunde um 17 Uhr nach Hause gehen, haben sie Freizeit. Das kommt im Leben einer Gründerin nur selten vor. Oftmals arbeitet man bis spät abends oder an den Wochenenden. Und man steht unter großem Druck – oder setzt sich vielmehr selbst unter diesen Druck, weil man seine Ziele erreichen will. Trotz alldem liebe ich es, mein eigenes Unternehmen zu leiten, mein eigener Chef zu sein und das Gefühl zu haben, wirklich etwas verändern zu können.

Was würdest du anderen Frauen raten, die ihr eigenes Unternehmen gründen möchten?

Ich habe zwei wichtige Ratschläge: Der erste ist es, sich ganz genau zu überlegen, was man tun möchte. Man muss sein „Warum“ finden und in einem Bereich arbeiten, der einen mit Leidenschaft erfüllt. Mein „Warum“ besteht darin, dass ich etwas Gutes in der Welt erreichen will, dass ich dafür mein spezifisches Wissen nutzen kann und dass ich das auch noch in einer Branche tue, die ich wirklich liebe, nämlich der Modeindustrie. Im Leben einer Gründerin gibt es viele Hochs und Tiefs. Deshalb ist es so wichtig, ein Ziel zu haben, das einen antreibt und wegen dem man auch unangenehme Aufhaben angeht. Für mich war dieses Ziel schon in jungen Jahren klar, aber auch, wenn man jetzt noch nicht weiß, was einen wirklich antreibt, kann man das herausfinden, wenn man sich wirklich auf die eigenen Wünsche konzentriert.

Der zweite Tipp ist es, sich ein gutes Netzwerk aufzubauen. Finde Mentoren und andere Gründer, die in einer ähnlichen Situation sind und dich auf deiner Reise begleiten. Als ich mein Unternehmen gründete, fühlte ich mich oft einsam. Ich hatte keine Freunde, die etwas ähnliches getan haben und somit das Gefühl, dass niemand meine Sorgen wirklich verstand. Dann habe ich am „Google Female Founders Program“ teilgenommen und dort viele Gleichgesinnte gefunden. Einige der anderen Teilnehmerinnen gehören jetzt zu meinen engsten Freunden. Wir können alles auf unserem Weg teilen, was sehr hilft. Es tut gut zu wissen, dass du nicht die einzige bist, die an einem Sonntagmorgen arbeitet.

Netzwerken fällt vielen Frauen sehr schwer. War das bei dir zunächst auch so?

Am Anfang war es sehr schwer für mich, meine Ideen mit anderen zu teilen. Ich konnte sie wahrscheinlich gar nicht wirklich ausdrücken und erklären. Aber es hat sich gelohnt, es trotzdem immer wieder zu tun. Es ist wichtig, offen zu sein und mit Menschen zu reden. Wenn dir jemand eine andere Person vorstellen möchte, dann solltest du mit dieser Person sprechen. Sag nicht ab, weil es dir unangenehm ist. Du weißt nie, in welcher Weise du von einem Kontakt profitieren kannst, auch wenn es nur durch ein gutes Gespräch und eine neue Perspektive ist.

Vielen Dank für das spannende Interview, Alina!

Alina Bassi ist in diesem Jahr übrigens Finalistin beim „Digital Female Leader Award"! Mit dem Award, der von Global Digital Women ins Leben gerufen wurde, werden jedes Jahr Frauen in der Digitalwirtschaft für ihre besonderen Projekte ausgezeichnet. Ziel ist es, Frauen mehr Sichtbarkeit in der Branche zu geben, ihre Geschichten zu erzählen und dadurch auch andere zu inspirieren und motivieren. Weitere spannende Interviews mit inspirierenden Frauen findest du in unserer Themenreihe „empowHER":

EmpowHER: Unsere Themenreihe zu inspirierenden Frauen

EmpowHER: Unsere Themenreihe zu inspirierenden Frauen
BILDERSTRECKE STARTEN (31 BILDER)
Bildquelle:

Andrea Heinson Photography

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