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Interview

Girls20-Gipfel: Wir brauchen mehr weibliche Vorbilder!

Lena Hoffmann Girls20

Ende November treffen sich die Staatsoberhäupter zum G20-Gipfel in Argentinien – unter ihnen fast ausschließlich ältere Männer. Frauen sind in hohen politischen Posten und Führungspositionen immer noch selten. Daran wollen engagierte, junge Frauen etwas ändern: 25 Delegierte aus allen Teilen der Welt trafen sich zum 9. Girls20-Gipfel, um gemeinsam festzulegen, was für junge Frauen noch getan werden muss. Diese Empfehlungen sollen auch an die G20-Politiker weitergegeben werden. Die 21-jährige deutsche Delegierte Lena Hoffmann hat desired erklärt, warum sie nach dem Gipfel in Buenos Aires nun optimistisch gestimmt ist.

Girls20 2018
Die 26 Girls20-Delegierten kommen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen, haben aber eine gemeinsame Vision.

desired: War die Stimmung unter euch Delegierten immer gut oder seid ihr auch mal aneinander geraten?

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Lena Hoffmann: Was interessant an der Auswahl der Delegierten war, ist, dass alle Mädchen in ihren Ländern außerordentlich sind, ein bisschen anders denken, und sich trauen, etwas zu machen, das gegen den Status quo geht. In der Konstellation von uns 25 Mädchen hat das einen Raum entstehen lassen, der sehr offen für andere Meinungen und andere Denkweisen war.

Junge Frauen in Führungsrollen waren ein großes Thema und die Frage, warum es für manche Frauen schwer ist, sich in diesen Rollen zu sehen. Da hatten wir ziemlich viel gemeinsam und es gab wenig Diskussionen. Es ging vielmehr darum aufzuzeigen, dass es zu wenig weibliche Vorbilder gibt. Frauen sind sich selbst gegenüber superkritisch, neigen eher zu Perfektionismus und reden nicht darüber, was sie schon alles Tolles geschafft haben. Wir haben also weniger diskutiert, sondern Erfahrungen geteilt und darüber geredet, wie man diese Dinge verändern kann.

Unter den 26 Delegierten waren nicht nur junge Frauen aus westlichen Ländern, sondern aus allen Teilen der Welt – auch aus indigenen Bevölkerungsgruppen. Hast du von diesen Delegierten Perspektiven aufgezeigt bekommen, die dir vorher nicht bewusst waren?

Wenn man 25 Mädchen aus der ganzen Welt kennenlernt, trifft man unterschiedliche Perspektiven. Auf der anderen Seite ist es interessant, wie leicht man einander verstehen kann, weil wir im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung leben. Dadurch sind unsere Leben doch gar nicht so unterschiedlich, wie man denkt.

An der indigenen Delegierten Teagyn Vallevand fand ich interessant, dass sie im Kern genauso war, wie du und ich. Da ist mir klar geworden, dass indigene Völker häufig mystifiziert werden. Dabei sind es in vielen Ländern Menschen, die am normalen gesellschaftlichen Leben teilhaben. Ich fand es spannend, dass sie es sich zur Aufgabe gemacht hat, anderen näher zu bringen, was Teil der indigenen Kultur in Kanada ist. Trotzdem ist sie ein ganz normales kanadisches Mädchen.

Girls20 Lena Hoffmann Interview
Lena konnte viele neue Kontakte knüpfen und zieht eine positive Bilanz vom Girl20-Gipfel.

Schwerpunktmäßig geht es beim Girls20-Gipfel um die Stärkung von Frauen in Führungspositionen. Was würdest du Kritikern entgegnen, die behaupten, dass es nicht patriarchale Strukturen sind, die es Frauen schwer machen, sondern viele Frauen einfach kein so starkes Interesse daran haben, Karriere zu machen oder sich politisch zu beteiligen?

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Man kann davon ausgehen, dass es wichtig ist, wie man in seiner Kindheit und Jugend sozialisiert wird. Junge Frauen wachsen tendenziell mit zu wenig weiblichen Rollenbildern auf, mit denen sie sich direkt identifizieren können. Für mich ist meine Mutter mein größtes Vorbild, die eine richtige Powerfrau ist, doch auch „Mama Merkel“ hat mich geprägt, denn mit 12 wollte ich mal Bundeskanzlerin werden. Ich glaube es verändert unser Selbstbild und unsere Berufsziele, wenn wir sehen, dass es beispielsweise Bundeskanzlerinnen gibt, weil wir dann verstehen: „Eines Tages könnte ich auch da oben stehen und solch einen Job machen“.

Dieses Thema haben wir während des Gipfels immer wieder angeschnitten: Es ist superwichtig, dass es Frauen gibt, mit denen man sich identifizieren kann, die schon diesen Weg gegangen sind. Dann erst entwickelt man den Glauben und das Interesse daran, dass man auch irgendwann mal da stehen und diese Verantwortung übernehmen könnte. Ich würde solchen Kritikern also entgegnen, dass es nicht Teil der weiblichen Biologie ist, dass man kein Interesse daran hat, Verantwortung zu übernehmen und die Zukunft mitzugestalten, sondern es bisher dafür nur zu wenig Raum und Vorbilder gab.

Die Unternehmerin und „Die Höhle der Löwen“-Jurorin Judith Williams ist ein echtes Vorbild. Im Video lernst du ihre Karrieretipps für Frauen:

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Bist du nach dem Gipfel also eher optimistisch gestimmt?

Total. Es war sehr inspirierend, Gleichaltrige kennenzulernen, die schon unglaublich tolle Dinge geschafft haben. Justine Landis-Hanley, die Delegierte aus Australien, hat zum Beispiel Vorfälle sexueller Belästigung an ihrer Uni aufgedeckt. Das wurde von den nationalen Medien aufgenommen und letztendlich hat sie dann als Investigativjournalistin in der New York Times darüber geschrieben.

Ein Mädchen aus Algerien hat ihre eigene Radiostation gegründet und es gab ganz viele Mädchen, die schon Autorinnen sind und eigene Netzwerke erschaffen haben. Da merkt man auch, dass es als junger Mensch darum geht, sich selbst eine Plattform zu schaffen. Man muss nicht warten, bis man 50 Jahre alt ist und alles Wissen der Welt angehäuft hat. Daher rührt bei mir der starke Optimismus und der Wunsch nach dieser Erfahrung, viele dieser Gedanken auch in Taten umzusetzen.

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Kannst du kurz und leicht verständlich erklären, was das Communique beinhaltet, das ihr auf dem diesjährigen Gipfel verfasst habt? Inwiefern unterscheidet es sich von den Forderungen aus den letzten Jahren?

Das Communique ist ein Dokument mit verschiedenen Politik-Empfehlungen für die G20-Führer. Die Stimme von jungen Frauen ist beim G20-Gipfel extrem unterrepräsentiert. Deshalb gibt es die Women20, die sich allgemeine Politikempfehlungen für Frauen überlegen und Girls20 spezifisch für junge Frauen. Wir haben uns dieses Jahr auf vier verschiedene Themen fokussiert: geschlechtsspezifische Gewalt, finanzielle Inklusion, digitale Inklusion und die Inklusion von Frauen in ländlichen Gebieten. Anders als im letzten Jahr haben wir deutlicher herausgearbeitet, was die spezifischen Probleme sind und was unsere genaue Vision ist.

Du setzt dich schwerpunktmäßig für die Rechte geflüchteter Frauen ein. Nun könnte man sich fragen, ob geflüchtete Frauen nicht ganz andere Sorgen haben, als dass es zu wenig Frauen in Führungspositionen gibt...

Leute verkennen häufig, dass die weibliche Perspektive in vielen Entscheidungsprozessen fehlt. Das führt dazu, dass Frauen in jeder einzelnen Schicht der Gesellschaft benachteiligt sind. Daher würde ich dem Statement stark widersprechen. Für jede Frau, unabhängig davon, ob sie geflüchtet, eine junge Frau in der 7. Klasse oder eine ältere Dame im Altersheim ist: Für jede Frau in Deutschland, Europa und in der ganzen Welt, ist es wichtig, dass es diese weibliche Perspektive gibt.

Glaubst du, dass wir in 20 Jahren keinen Girls20-Gipfel mehr brauchen, weil das Geschlechterverhältnis auf dem G20-Gipfel ausgewogen sein wird?

Selbst, wenn es eines Tages ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis beim G20-Gipfel geben würde, würde ich mir wünschen, dass es Girls20 weiterhin gibt, weil junge Menschen viel weniger politische und wirtschaftliche Macht und Einfluss darauf haben, wie die Zukunft gestaltet wird. Junge Menschen kommen oft auf ganz andere, innovative Antworten und haben einen anderen Weitblick, weil sie in der Welt der Zukunft leben werden. Von daher hoffe ich, dass Girls20 noch viel länger als 20 Jahre besteht.

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Vielen Dank für das interessante Interview, Lena!

Bildquelle: Lena Hoffmann