Myriam Hendrickx RUTTE shop
Jessica Tomalaam 24.10.2018

Wie ist das eigentlich als Frau in einem Männerberuf zu arbeiten? Diese Frage hört Myriam Hendrickx gar nicht so gern. Denn auch wenn sie die erste Frau ist, die nach sieben männlichen Vorgängern als Master-Destillerin das Traditionsunternehmen Rutte im niederländischen Dordrecht führt, stand für sie ihre Liebe zum Job (und vielleicht auch zum Gin) im Vordergrund und nicht ihr Geschlecht. Im Interview spricht sie mit desired darüber, weshalb viele oft überrascht von ihrer Berufswahl sind und warum sie glaubt, dass Schuldgefühle die größte Hürde für Frauen sind.

desired: Myriam, welche Fähigkeit oder Eigenschaft braucht man, wenn man Master-Destillerin werden möchte?

Myriam: Man muss sehr gut schmecken und riechen können. Eine gute Nase ist wichtig. Außerdem muss man die Leidenschaft haben, um sich das Wissen über die Herstellung von Schnaps anzueignen. Kreativität ist wichtig und in meinem Fall, da es ein kleiner Betrieb ist, ist es auch wichtig, dass man den Weitblick hat. Ich glaube, dass Frauen darin generell etwas besser sind als Männer.

Eine gute Nase ist eine wichtige Voraussetzung für den Job als Master-Destillerin.

Sind Leute oft überrascht von deiner Berufswahl?

Ja, dauernd. Ich selbst finde es aber gar nicht außergewöhnlich. Auch als ich jung war, dachte ich immer, dass ich in einem Männerberuf arbeiten werde. Für mich ist das normal, aber für andere Leute anscheinend nicht. Ich glaube, dass es ein großer Vorteil und kein Nachteil ist. Oft werde ich gefragt, ob Frauen besser in diesem Job sind. Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, Frauen haben einen weiteren Blick, sind vielleicht ein bisschen weniger an schnellem Erfolg interessiert. Wir denken eher langfristig. Aber andererseits kenne ich auch genug Männer, die so sind. Ich glaube eher, dass es für Frauen schwieriger ist, ihren Beruf mit der Sache zu Hause zu kombinieren.

Was genau meinst du damit? Den Haushalt, Kinder und Familie?

Alles! Eine Frau wird man immer fragen, wie machst du das denn mit den Kindern? Und einen Mann nicht. Das ist schon ein Unterschied. Und es ist auch wirklich schwierig. Ich bin alleinerziehend. Jedes Mal, wenn ich aus der Tür gehe, muss ich etwas für die Kinder organisiert haben. Jetzt sind sie schon größer, aber als ihr Vater weggegangen ist, waren sie 7 und 8 Jahre alt. Das erste Jahr war schlimm, denn die Kinder haben sehr viel Freizeit und ich nicht. Und da musste ich viel organisieren.

Aber wenn man einen Betrieb hat und ein Manager ist, dann ist es das Gleiche, wenn du die Familie managst. Man muss Lösungen suchen, sowohl auf der Arbeit als auch daheim. Das habe ich gemacht. Ich habe gefragt, wer auf meine Kinder aufpassen kann. Ich habe jemanden gefunden, der mir hilft, das Haus sauber zu machen. Und ich habe einen Mann gefunden, der mir dabei hilft, Sachen zu reparieren. Alles ist möglich.

„Oft werde ich gefragt, ob Frauen besser in diesem Job sind. Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, Frauen haben einen weiteren Blick, sind vielleicht ein bisschen weniger an schnellem Erfolg interessiert.“

Myriam Hendrickx

Musstest du dich dafür rechtfertigen, dass du dann vielleicht nicht so oft bei deinen Kindern warst?

Eigentlich nicht, weil viele wussten, dass ich alleine war und nicht die Wahl hatte. Ab und zu haben mich vor allem Mütter, die sehr viel zuhause sind, gefragt, ob das so gut für die Kinder ist. Man vergleicht sich dann ja auch mit ihnen. Aber ich glaube, das Schlimmste, das Frauen sich antun, sind Schuldgefühle. Und die habe ich nicht. Ich habe meinen Kindern immer gesagt, die Situation ist so, wie sie ist und wir müssen damit arbeiten. Wir essen jeden Freitagabend zusammen. Das ist ein Moment, in dem wir immer wissen, dass wir da zusammen sind.

Wir haben auch einige Traditionen. Zum Beispiel, dass wir Events zusammen besuchen und unsere Urlaube zusammen machen. Jetzt kommen die Herbstferien, dann verreise ich einen Tag mit der einen Tochter, einen mit der anderen. Sie dürfen die Stadt aussuchen, die wir besuchen. Wir gehen oft zusammen aus. Es ist nicht so wie bei anderen Müttern, aber ich denke nicht, dass ich deswegen weniger Zeit mit ihnen habe.

„Ich glaube, das Schlimmste, was Frauen sich antun, sind Schuldgefühle.“

Myriam Hendrickx

Hast du schon mal zu hören bekommen, du bist doch aber eine Frau, du kannst den Job als Master-Destillerin gar nicht machen?

Nein. Eher die andere Seite. Denn die Destillerie war in den Händen von einer Gruppe sehr wohlhabender Männer, erfahrene Industrielle. Und sie haben mich ausgesucht, um diesen Job zu machen. Und ich war diejenige, die gesagt hat, ich weiß nicht, ob ich das kann. Denn es ging ja nicht nur darum, Spirituosen herzustellen, sondern ich musste den ganzen Betrieb übernehmen. Aber sie waren sich sicher, dass ich das kann. Ich wollte anfangs auch jemanden haben, der mich zuerst bei der Arbeit unterstützt. Aber für sie war klar, dass ich auch den nicht brauche. Ich bin froh, dass wir das gemeinsam geschafft haben und das es so gut läuft. Und vielleicht sind die vorherigen Master-Destiller auch irgendwo da oben und sind stolz. Das wäre schön.

Myriam liebt ihren Job und zeigt das. Auch beim Schlehensammeln. Aus den Schlehen werden später Gin und Genever hergestellt:

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Proud berrie picker 😅

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Gibt es Regeln, die Frauen öfter mal brechen sollten?

Du musst das machen, was du machen willst. Ich glaube, es ist sehr wichtig, egoistisch zu sein. Wenn man das nicht ist, wird man nicht glücklich. Das sollten wir uns öfter mal zu Herzen nehmen. Jeder Mensch ist anders. Es gibt Frauen, die wollen nichts anderes sein als Mütter. Dann mach das und mach nichts anderes. Das ist auch gut so. Ich bin zum Beispiel sehr froh über meine Kinder, aber es war keine Sache, die mein Ziel im Leben war. Ich bin sehr dankbar, dass sie da sind. Aber wenn sie nicht gewesen wären, wäre ich nicht weniger glücklich. Mein Traum, als ich ein Kind war, war die Welt zu bereisen, Karriere zu machen und Sachen zu machen, die Männer machen.

„Du musst einfach das machen, was du machen willst. Ich glaube, es ist sehr wichtig, egoistisch zu sein. Wenn man das nicht ist, wird man nicht glücklich. Das sollten wir uns öfter mal zu Herzen nehmen.“

Myriam Hendrickx

Myriam Hendrickx Rutte

Myriam hat sich ihren Traum erfüllt und bei Rutte ihren Platz gefunden.

Was kann man denn tun, um sich das auch wirklich zu trauen?

Man sollte sich einen Partner und Freunde suchen, die das unterstützen. Und dann ist es plötzlich ganz normal. Aber, wenn man dann die Kinder zum ersten Mal in die Schule bringt und andere Mütter kennenlernt, die ganz anders sind, kann das schwierig sein. Ab und zu schauen sie mich an, weil sie sehen, dass ich die Kinder nur hinbringe und dann direkt weiter muss. Und dann bekommt man diese Schuldgefühle, die wir Frauen oft haben. Aber wenn man wirklich etwas will, dann sollte man das machen, das habe ich gelernt.

Muss man eigentlich trinkfest sein, um deinen Job auszuüben?

Nein. Ich trinke eigentlich total wenig. Und sowieso nicht während der Arbeit. Ich rieche an allem, das ist meist auch die Qualitätskontrolle. Wenn ich etwas probiere, dann spucke ich es danach aus. Und wenn ich wirklich etwas probieren will, dann nehme ich es mit nach Hause.

Woher ziehst du deine Ideen für deine Gin- und Genever-Kreationen?

Das kann alles sein. Zum Beispiel ein kulinarischer Trend, ein Urlaub in Thailand, ein Kaffee auf Kuba, wo ich sehr oft bin. Es können Trends sein oder Urlaube, es kann aber auch aus der Parfumwelt kommen. Der Gin- und Genever-Workshop, den du gerade gemacht hast, habe ich 2003 kreiert, nach einer Idee aus der Parfumwelt. Manchmal sehe oder schmecke ich auch etwas, was mich inspiriert. Manchmal kann es aber auch eine sehr konkrete Nachfrage von unserem Mutterunternehmen DeKuyper sein. Sie wissen viel mehr über Cocktails als wir, da sie schon seit Jahren in der Branche aktiv sind.

Was trinkst du, wenn dich niemand sieht?

Bier! Das darf aber auch jeder sehen 🙂

Danke für das Interview, Myriam!

Bildquelle:

Rutte Destillerie


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