Ich bin für eine 4-Tage-Woche
Katharina Meyer am 20.03.2018

Fünf Werktage, zwei Tage Wochenende und eine Kernarbeitszeit von zwischen 8 und 9 bis 17 oder 18 Uhr – das ist für die meisten Arbeitnehmer Realität. Die 40-Stunden-Woche hat sich in vielen Industriezweigen durchgesetzt und funktioniert. Oder? Es gibt jedoch immer mehr Studien, die zeigen, dass die perfekte Arbeitswoche anders (kürzer!!) aussieht. Auch ich bin für eine 4-Tage-Woche, da sie nicht nur dem Arbeitnehmer mehr Raum für individuelle Selbstverwirklichung lässt, sondern auch für Unternehmen viele Vorteile hat.

Schluss mit der 40-Stunden-Woche?

Wahrscheinlich hattest du auch schon mal das Gefühl, deine ganze Zeit mit Arbeiten zu verbringen. Mir geht es auf jeden Fall häufig so. Eine typische Vollzeitstelle umfasst meist 40 Arbeitsstunden. In Deutschland arbeiten wir durchschnittlich aber sogar etwas mehr, 41,5 Stunden. Bei den 168 Stunden, die eine Woche hat, eigentlich gar nicht so ein großer Anteil, nicht wahr? Wenn man jetzt jedoch die rund 50 Stunden abzieht, die wir schlafen und die durchschnittlich sieben Stunden, die wir für unseren Arbeitsweg brauchen, bleiben 70 Stunden übrig. 70 Stunden, in denen wir einkaufen, den Haushalt schmeißen, Amtsgänge und unseren Papierkram erledigen, Zeit mit Freunden, (vielleicht) dem Partner und der Familie verbringen, unseren Hobbys nachgehen und uns – im Idealfall – auch einfach mal Zeit für uns nehmen… Du merkst schon – es wird irgendwann knapp! Bei mir fliegt zuerst die Zeit für mich und meine Hobbys raus, danach leiden soziale Kontakte und im Haushalt könnte ich (oder müsste ich sogar) auch ein bisschen mehr machen. Doch vielleicht kann ich ja bald aufatmen: Da das Stichwort Work-Life-Balance heutzutage immer wichtiger wird, gibt es erste Versuche, die Arbeitswoche zu verkürzen.

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Wie sieht die perfekte Arbeitswoche aus?

Als Arbeitnehmer hat wahrscheinlich kaum jemand etwas dagegen, die Arbeitszeit bei gleichem Gehalt runterzuschrauben. Wer will schließlich nicht z. B. jede Woche drei Tage frei haben? Arbeitgeber davon zu überzeugen, dass dies langfristig die bessere Lösung ist, ist da schon etwas schwieriger. Wie jedoch erste Pilotprojekte zeigen, sind die Vorteile einer neuen Arbeitszeitenregelung auch für Unternehmen nicht von der Hand zu weisen.

Work-Life-Balance

Eine ausgewogene Work-Life-Balance ist wichtig!

Modell 1: Sechs Stunden am Tag arbeiten

In Göteborg in Schweden haben viele private Unternehmen und sogar die Stadt selbst die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter auf sechs Stunden pro Tag verkürzt – bei gleichbleibendem Lohn. Die These war, dass dafür nicht einmal zusätzliche Mitarbeiter eingestellt werden müssten. Das Plus an Freizeit solle dafür sorgen, dass die Angestellten effektiver, produktiver, glücklicher und seltener krank sind. Das Experiment gilt – zumindest langfristig gesehen – als erfolgreich. Meiereichef Henning Martinsen zum Beispiel berichtet im Spiegel: „Die Effektivität stieg nicht um die 20 Prozent, die zum Ausgleich nötig gewesen wären, sondern sogar um 50 Prozent.“

Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob zwei Stunden weniger Arbeit am Tag so viel mehr effektive Zeit für andere Dinge bedeuten. Klar, wenn man früher frei hat, ist man eher zu Hause und kann sich um den Haushalt kümmern, ins Fitnessstudio gehen oder sich mit Freunden verabreden – falls diese denn auch schon frei haben. Behördengänge oder größere Projekte werden allerdings auch dann nur schwer zu erledigen sein. Da gefallen mir die beiden folgenden Modelle schon deutlich besser.

Modell 2: Vier Tage arbeiten, drei Tage frei

Ein weiteres Modell, das bereits in vielen Firmen gelebt wird, ist eine 4-Tage-Woche. Am Freitag oder am Montag haben die Mitarbeiter – z. B. im US-Unternehmen Treehouse oder beim App-Entwickler Basecamp – grundsätzlich frei. An den übrigen Tagen arbeiten sie die normalen acht Stunden. Auch in diesem Modell hat sich gezeigt, dass die Produktivität trotz weniger Arbeitsstunden nicht gesunken ist – im Gegenteil! Die Angestellten sollen in den vier Tagen mehr und qualitativ bessere Arbeit geleistet haben, als in fünf. Wer das richtige Equipment besitzt, muss übrigens auch nicht zwingend im Büro sein, sondern kann ganz bequem von überall arbeiten. Dabei bringt ein Outdoor-Büro auch noch gesundheitliche Vorteile mit sich, wie unser Video zeigt:

Modell 3: 40 Stunden auf vier Tage verteilen

Wenn ein Unternehmen anfangs fürchtet, Umsatzeinbußen oder höhere Kosten für mehr Mitarbeiter in Kauf nehmen zu müssen und sich deshalb nicht an eine 4-Tage-Woche herantraut, wäre eine weitere Möglichkeit, die 40 Arbeitsstunden einfach auf vier Tage umzulegen. Dadurch würden Mitarbeiter etwa von Montag bis Donnerstag zwar jeweils zehn Stunden am Tag im Büro verbringen, würden jedoch auch mit einem längeren Wochenende entlohnt.

Andreas Stückl, Mitgründer des Unternehmens Bike Citizens, berichtet im enorm Magazin von seinen Erfahrungen damit, seinen Mitarbeitern eine 4-Stunden-Woche mit je neun Arbeitsstunden pro Tag anzubieten. „Die Wochenarbeitszeit wurde also nur um 2,5 Stunden reduziert. Gleichzeitig haben wir alle Abläufe im Unternehmen überprüft. Welche Meetings können wir zum Beispiel streichen? Und wir haben die interne Kommunikation verbessert, jeder weiß jetzt, wer für was zuständig ist. Nach den sechs Wochen waren alle zufrieden“, verrät er.

„Es gibt so viele Menschen, die durch ihre Arbeit krank werden. Mit einer 4-Tage-Woche wäre das sicherlich anders. Aus meiner Erfahrung kann ich daher klar sagen: Dass mehr Arbeit immer besser ist, ist ein Irrglaube.“

Andreas Stückl, Bike Citizens, via enorm Magazin

Gleichbleibende oder sogar höhere Produktiviät?

Doch wie kann das eigentlich sein, dass bei kürzerer Arbeitszeit gleich viel (oder sogar mehr) geleistet wird? Das ist sicherlich einerseits der Selbstmotivation der Mitarbeiter geschuldet, die bei so einem Projekt zeigen wollen, dass es klappt, dass man sich den zusätzlichen freien Tag verdient hat. Andererseits spielen alle Faktoren eine Rolle, die überhaupt erst der Grund für den Wunsch nach einer besseren Work-Life-Balance sind. Dazu zählen nicht nur Themen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern auch der Wunsch nach Selbstverwirklichung in und außerhalb des Arbeitslebens. Mit den vielen Angeboten, die jedem einzelnen offenstehen, wächst auch der Wunsch danach, Zeit für viele verschiedene Dinge zu haben.

Wer ein neues Hobby ausprobieren möchte, am Wochenende gerne Kurztrips in andere Städte macht, um die Welt zu sehen, seine große und/oder weit entfernt lebende Familie besucht, etwas Neues erlernen möchte – sei es ein Instrument, eine Fremdsprache, Skills, die wiederum im Job helfen könnten –, hat bei dem aktuellen Modell kaum Zeit, das alles unterzubringen und montags trotzdem erholt und frisch auf die Arbeit zu kommen.

Ein gesunder Mitarbeiter ist ein guter Mitarbeiter

Burn-out kann durch 4-Tage-Woche vermieden werden

Wer ausgebrannt und krank ist, macht keinen guten Job.

Einer der wichtigsten Faktoren, die für eine Verkürzung der Arbeitswoche sprechen, ist jedoch die Gesundheit. „Volkskrankheiten“ wie Depressionen, Burn-out, Rückenleiden vom vielen Sitzen und zu wenig Sport – all dies sollte durch die neuen Modelle zurückgehen. Arztbesuche können auf den freien Tag gelegt werden, man hat mehr Raum für Sport und Bewegung, nimmt sich dringend benötigte Zeit für sich, schaltet gemeinsam mit der Familie ab, kocht öfter mal gesund, statt sich drei Mal die Woche nach einem anstrengenden Arbeitstag eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben. Die physische und psychische Gesundheit – das bestätigen auch die Arbeitgeber, die bereits Erfahrungen mit der 4-Tage-Woche haben, profitiert von dem Modell enorm. Dadurch gibt es weniger Krankheitsausfälle, wodurch die Produktivität wiederum besser wird.

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Mehr Freizeit bedeutet: Der Konsum steigt

Wenn einige Unternehmen nun immer noch „Aber die Wirtschaft!“ schreien, sei ihnen ein weiterer Vorteil vom längeren Wochenende ans Herz gelegt: Wer mehr Freizeit hat, gibt auch mehr Geld aus. Am zusätzlichen freien Tag gehen die Menschen einkaufen, ins Restaurant, nehmen Freizeitaktivitäten wahr, für die sie sonst keine Zeit hatten. Sie lesen mehr Bücher, gucken mehr Fernsehen, besuchen mehr Webseiten. Es gibt wohl kaum ein Gebiet, das davon nicht profitieren würde. Und ganz nebenbei erlangen die Mitarbeiter so mehr Impulse von außen, die sie wiederum in der Arbeitszeit einsetzen können.

Digitalisierung benötigt mehr Flexibilität

Katharina Meyer

Es ist oft die Rede davon, dass Millennials, bzw. die Generation Y, für die Veränderungen am Arbeitsmarkt (oder dem Wunsch danach) verantwortlich sind. Sicherlich ist die Digitalisierung ein Faktor, der flexiblere Modelle ermöglicht: die Möglichkeit, aus dem Home Office zu arbeiten, Konferenzen über Skype, einfacher Austausch von Daten über die Cloud, Telefonieren fast ohne Kosten...

Doch die Digitalisierung macht die Entwicklung nicht nur möglich, sondern ein Stück weit auch notwendig. Es gibt immer mehr Jobs – wie meiner z. B. auch – der von statischen Dingen wie der Werkwoche oder einem festen Standort losgelöst sein könnte. Ich muss nicht in einem Geschäft sitzen, in das Kunden zu bestimmten Geschäftszeiten kommen. Ich kann als Online-Redakteurin jederzeit und von überall aus arbeiten. Das Leben im Internet findet nun einmal rund um die Uhr statt. Auch nach meiner Arbeitszeit ist mein Job deshalb noch ganz nah – auf meinem Smartphone oder meinem Laptop. Beruf und Freizeit überschneiden sich. Das hat viele Vorteile, macht es aber noch schwieriger, sich auf 40 Arbeitsstunden zu beschränken. Das Gefühl der Ausgebranntheit, das Gefühl, dass fast jede wache Stunde dem Job gewidmet wird, kann sich dadurch noch schneller einschleichen. Daher gibt es eine ganz entscheidende Bedingung, die gegeben sein muss, damit die 4-Tage-Woche meiner Meinung nach funktioniert: Vertrauen.

Ich bin überzeugt von den Vorteilen einer kürzeren Arbeitswoche, davon, Mitarbeitern mehr Freizeit zu geben, in der sie entspannen, wachsen, sich weiterbilden, Zeit mit ihren Lieben und sich selbst verbringen können. Doch Flexibilität funktioniert nicht, ohne darauf zu vertrauen, dass sie nicht ausgenutzt wird. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das heute vorherrschende Modell der 40-Stunden-Woche auf dem Irrglauben basiert, Menschen arbeiten nur, weil sie es müssen. Doch reine Anwesenheit am Arbeitsplatz garantiert keine Produktivität oder Qualität. Wer seinen Job liebt, wird auch in vier Tagen das leisten, was gefordert ist, einfach weil er den Anspruch an sich selbst hat, gute Arbeit abzuliefern. Ich liebe meinen Job, verbringe gerne Zeit mit meinen Kollegen und bleibe auch ganz selbstverständlich länger, wenn Not am Mann ist und ein wichtiges Projekt wartet. Aber Arbeit ist nicht alles! Wir brauchen auch Zeit für eigene Projekte, für die Menschen um uns herum – nicht nur unsere Kollegen. Für die nervigen kleinen Organisationsdinge, die wir sonst immer ins viel zu kurze Wochenende quetschen. Dafür, uns Gedanken um unser Leben, unsere Gesellschaft oder unseren Planeten zu machen. Wenn wir einen Tag mehr pro Woche für all diese Dinge hätten, da bin ich sicher, wären wir alle ein großes Stück glücklicher.

Bildquelle:

Getty Images/fizkes/Orla/Stockbyte


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