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Darum brauchen wir HIV-Selbsttests auch in Deutschland

Kommentar

Darum brauchen wir HIV-Selbsttests auch in Deutschland

Weißt du, wann dein letzter HIV-Test war und bist du dir sicher, dass dein Partner sich schon mal hat testen lassen? Trotz großer Aufklärungskampagnen verlassen sich viel zu viele Menschen bei diesem Thema auf ihr Bauchgefühl. Dabei könnte man mit einem HIV-Selbsttest für Zuhause innerhalb von Minuten Gewissheit haben. In Deutschland verhindern derzeit strenge Gesetze den Verkauf dieser Tests. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass HIV-Selbsttests dafür sorgen würden, dass sich viel mehr Menschen testen ließen – ich selbst mit eingeschlossen. Update, 26. Juni: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von der CDU hat inzwischen in der Berliner Morgenpost verkündet, dass es ab Herbst auch in Deutschland freiverkäufliche HIV-Selbsttests geben soll. Der Referentenentwurf zur sogenannten Verordnung zur Änderung der Medizinprodukte-Abgabeverordnung sieht dabei laut dem Branchenmagazin Apotheke Adhoc keine Apothekenpflicht vor. Das heißt, dass die HIV-Selbsttests womöglich bald auch in Drogerien oder online erhältlich sein könnten.  In vielen europäischen Ländern bekommt man HIV-Selbsttests mittlerweile für wenig Geld in Apotheken oder sogar Drogerien. Ab Juni dieses Jahres werden sie erstmals auch in österreichischen Apotheken erhältlich sein, wie der Standard berichtet. Obwohl die neuesten HIV-Selbsttests von der Deutschen AIDS-Hilfe als zuverlässig eingestuft werden, und diese sich auch für die Legalisierung ausspricht, können HIV-Tests hierzulande nur von Ärzten, medizinischen Laboratorien oder staatlichen Institutionen, wie zum Beispiel Gesundheitsämtern, ausgegeben werden. Angesichts der Zahlen des Robert Koch-Instituts, frage ich mich, warum hier die Hürden nicht abgebaut werden: 2016 haben sich etwa 3.100 Menschen in Deutschland mit HIV infiziert, wobei sich die Zahl der Neuinfektionen unter Heterosexuellen mit 750 Fällen im Vergleich zu 2010 fast verdoppelt hat. Die Dunkelziffer ist laut Schätzungen des Instituts noch viel höher, da viele Menschen mit dem HI-Virus leben, ohne es zu wissen. Ein Test kann bei diesen Menschen verhindern, dass die Infektion zu spät erkannt wird, unbehandelt bleibt und sie schließlich an AIDS erkranken.

So umständlich ist ein HIV-Test in Deutschland

Ich habe mich schon des Öfteren mit meinen Freunden über sexuell übertragbare Krankheiten unterhalten. Dabei fiel mir auf, wie wenig ich lange Zeit über HIV-Tests wusste. So wie mir geht es auch vielen meiner heterosexuellen Freunden: Lediglich die homosexuellen Männer lassen sich regelmäßig testen, während die anderen davon ausgehen, dass schon nichts sein wird. Als Frau lässt man sich zwar durch regelmäßige Besuche beim Gynäkologen durchchecken, ein HIV-Test gehört jedoch auch hier nicht zum Standard und die meisten heterosexuellen Männer, die ich kenne, gehen eh nur im Notfall zum Arzt. Weder mein Hausarzt noch meine Frauenärztin hat mich jemals danach gefragt, ob ich einen HIV-Test durchführen will. Das ist wohl kein Wunder, denn laut Holger Wicht, Sprecher der deutschen AIDS-Hilfe in Berlin, scheuen viele Ärzte davor zurück, ihre Patienten auf HIV anzusprechen, weil sie ihnen nichts unterstellen wollen. Um sich testen zu lassen, muss man also selbst aktiv werden und in der Regel die Kosten zwischen 25 und 50 Euro selbst tragen. Wer vereinbart da schon einen Termin beim Arzt, solange kein dringender Verdacht vorliegt? Entschließt man sich dann doch dazu, kann es passieren, dass man sich bei seinem Arzt rechtfertigen muss: Hatte man ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einem neuen Partner? Dass das eine dumme Idee ist, sollte jedem bewusst sein, und gerade deswegen ist es vielen auch peinlich, seinem Arzt diesen Ausrutscher zu gestehen.

Alternativ kann man in Deutschland auch kostenlose und anonyme HIV-Tests in Gesundheitsämtern und speziellen Checkpoints machen. Anlaufstellen in deinem Wohnort findest du auf der Seite der Deutschen AIDS-Hilfe. Doch auch hier kommt man nicht immer ohne Rechtfertigungen aus: Eine Freundin von mir wollte sich kürzlich kostenlos testen lassen und wurde vom zuständigen Personal fast vom Gegenteil überzeugt. Angeblich sei das Risiko einer HIV-Infektion als heterosexuelle Frau mit ihrem Lebensstil sehr unwahrscheinlich. Dieser leichtfertige Umgang hat mich wirklich erschreckt, denn auch wenn jeder in Deutschland sich im Prinzip testen lassen kann, bedarf es doch einer gehörigen Portion Eigeninitiative und Durchsetzungsvermögen.

HIV-Selbsttest: Schnell wie ein Schwangerschaftstest

Viel einfacher wäre es doch, wenn man spontan in die Apotheke spazieren und sich einen Test kaufen könnte. Moderne HIV-Selbsttests, wie sie bereits in Frankreich, England und den Niederlanden erhältlich sind, sind ganz einfach zu Hause anwendbar und liefern innerhalb von etwa 15 Minuten ein Ergebnis. Die HIV-Tests erinnern ein wenig an Schwangerschaftstests, nur dass ein kleiner Tropfen Blut anstelle von Urin benötigt wird. Nach einer gewissen Wartezeit zeigt der Test schließlich in Form von Linien an, ob eine Infektion besteht oder nicht. Im Video kannst du dir ansehen, wie der Test funktioniert: 

Hat sich dein Partner wirklich getestet?

Hand aufs Herz: Kannst du gerade mit Sicherheit behaupten, dass du nicht infiziert bist, oder hast du dich noch nie testen lassen? Und verlangst du von einem neuen Sexualpartner einen ärztlichen Nachweis, bevor du ungeschützten Sex mit ihm hast? Ich kenne ehrlich gesagt fast niemanden, der das so handhabt. Klar, bei One-Night-Stands und Affären verwendet (hoffentlich) jeder Kondome – beim Vaginalsex. Doch wie sieht es bei Oralverkehr aus? In Gesprächen mit Freunden kam heraus, dass eigentlich niemand beim Blasen Kondome verwendet, wobei auch hier ein geringes HIV-Übertragungsrisiko besteht. Geht man dann mit jemandem eine feste Beziehung ein und hat ungeschützten Sex, verlassen sich die meisten wohl eher auf die Aussage ihres Partners, dass ihr letzter Test nicht lange her sei. Ich muss gestehen, dass ich selbst nie einen Nachweis verlangt habe. Doch wie sicher kann man sich wirklich sein, dass der Partner sich nicht nur rausreden will, weil er zu faul ist, einen Arzttermin zu vereinbaren? Womöglich hatte er in der Vergangenheit auch ungeschützten Sex und will dies nur nicht zugeben? Ich habe es auch schon erlebt, dass ein Mann beim ersten Mal ein Kondom nicht für nötig hielt, da HIV in seinen Augen nur eine Gefahr für Homosexuelle darstellte. Wenn ein derart laxer Umgang selbst bei erwachsenen, gebildeten Menschen üblich ist, will ich gar nicht wissen, wie das bei unerfahrenen Jugendlichen aussieht.

Selbsttest statt Bauchgefühl

Mir ist bewusst, wie gefährlich es ist, sich beim Thema HIV auf sein Bauchgefühl zu verlassen und davon auszugehen, dass vom Partner kein Risiko ausgeht. Insbesondere, wenn man frisch verliebt ist, gibt es ja kaum etwas Unromantischeres, als einen ärztlichen Nachweis zu verlangen oder ihn nach seiner sexuellen Vergangenheit auszufragen. Ja, man könnte gemeinsam einen Arzttermin vereinbaren, aber wäre es nicht so viel einfacher, zwei Tests in der Apotheke zu holen und die Sache innerhalb von Minuten abhaken zu können?

Ich bin mir sicher, dass es vielen so geht wie mir und frei verfügbare Heimtests insbesondere diejenigen abholen würden, die zu verpeilt sind, um einen Arzttermin zu vereinbaren oder Berührungsängste haben, zu einer AIDS-Beratungsstelle zu gehen. Die Deutsche AIDS-Hilfe weist darauf hin, dass in Frankreich seit der Einführung bereits 145.000 HIV-Selbsttest verkauft wurden, vermutlich von Kunden, die vor den gängigen Angeboten keinen Gebrauch gemacht haben. Sobald solche Tests in Deutschland eingeführt werden, würde ich nicht zweimal überlegen und auf jeden Fall Gebrauch davon machen, und du? Wie offen hast du mit deinen bisherigen Sexualpartnern über HIV gesprochen und wie oft hast du schon einen Test gemacht? Erzähl mir von deinen Erfahrungen in den Kommentaren!

Bildquelle:

iStock/Gam1983

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