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Ich will mich als Frau nicht mehr „männlich“ verhalten, um respektiert zu werden

Kommentar

Ich will mich als Frau nicht mehr „männlich“ verhalten, um respektiert zu werden

Im Kampf für mehr Gleichberechtigung ist es sicher wichtig, überholte Geschlechterstereotype zu hinterfragen und Frauen zu empowern, sich typischen „Männerberufen“ anzunehmen und keine Berührungsängste vor „Männer-Hobbys“ zu haben. Bei all diesen Bemühungen wird aber schnell über das Ziel hinaus geschossen. Wenn Frauen das Gefühl bekommen, ihre Weiblichkeit unterdrücken zu müssen, um als stark und emanzipiert zu gelten, sagt man eigentlich: Frauen sollten sich möglichst wie Männer verhalten, um als gleichwertig akzeptiert zu werden. Genau das habe ich jahrelang krampfhaft versucht, bis ich endlich erkannt habe: Wir sollten aufhören, typisch weibliche Interessen zu belächeln und Frauen auch mal Frauen sein lassen. 

Ich wollte nie wie die anderen Mädchen sein

Als ich aufwuchs, war ich das, was man gemeinhin als „Tomboy“ bezeichnet: Ich wehrte mich, Kleider zu tragen, verkleidete mich an Fasching als Cowboy statt Prinzessin und wechselte vom Ballett-Unterricht lieber in den Judo-Kurs. Zum Teil lag das sicher daran, dass ich mich schon immer gerne abgrenzen wollte und Spaß daran hatte, „anders“ zu sein. Überraschenderweise wurde ich deswegen nicht ausgegrenzt, sondern respektiert. Obwohl ich äußerst schüchtern und introvertiert war, wurde ich in der Grundschule – anders als die anderen Mädchen – nie von den Jungs geärgert. Was ich daraus lernte: Du bist eben nicht wie die anderen Mädchen, sondern wirst wie einer von den Jungs behandelt – mit Respekt.

Kein Wunder, dass ich diese Strategie auch in meinem Jugendalter weiterlebte: Ich trug meine Haare stets kurz, stürzte mich bei Hardcore-Konzerten oft als einziges Mädchen in den Moshpit und schaute lieber Horrorfilme statt Rom-Coms. Ich gefiel mir in meiner Jugend-Clique in der Rolle der coolen Ausnahme-Frau, die all diese dämlichen Frauen-Interessen ablehnt und lieber mit den Jungs abhängt. Rückblickend stelle ich nun fest: Sicher nicht alles, aber ein Großteil dessen war tatsächlich eine Rolle, die ich gespielt habe. Ich hatte von klein auf so sehr verinnerlicht, dass Weiblichkeit gleichbedeutend mit Schwäche und Oberflächlichkeit ist, dass ich krampfhaft versuchte, alles typisch Weibliche abzulehnen.

Ich bin Feministin – und verachte alles Feminine?

Erst als ich älter wurde, musste ich feststellen: Ich hatte mich jahrelang für eine Feministin gehalten, gleichzeitig aber eine Verachtung für alles Weibliche verinnerlicht. Ein Widerspruch, der mir zunehmend deutlicher wurde.  Mit wachsendem Selbstvertrauen versuchte ich immer weniger, einen möglichst „coolen“ Eindruck auf andere zu machen, wie man es als Jugendlicher gerne tut. Mit jedem neuen Lebensjahr lernte ich mehr zu meinen wirklichen Interessen und Vorlieben zu stehen und weniger darauf zu geben, was für ein Bild ich damit nach außen hin vermittle. Ein wunderbar befreiendes Gefühl! Mit Ende 20 schaute ich das erste Mal „Gilmore Girls“, hörte ungeniert Alanis Morissette und erkannte auch die Vorzüge von weiblichen Freundschaften. Für viele Frauen sicher keine neue Erkenntnis, für mich aber ein Befreiungsschlag: Endlich bin ich selbstsicher genug, um mich nicht für meine unterdrückten, typisch weiblichen Interessen zu schämen.

Inzwischen weiß ich, dass ich nicht die einzige Frau bin, die jahrelang versucht hat, alles Feminine zu verdrängen. Ich stelle immer wieder amüsiert fest, wie meine vermeintlich gender-nonkonformen Freundinnen ebenfalls früher heimlich Reality-TV-Sendungen geschaut oder eigentlich einen nicht ganz so harten Musikgeschmack haben. Warum sie wie ich aber nicht dazu stehen wollten? Ganz klar aus Angst, als Frau mit derlei typisch weiblichen Interessen nicht ernst genommen zu werden – wohlgemerkt sowohl von Männern als auch in der eigenen feministischen Bubble. Ja, denn es gibt auch ihn: den verinnerlichten Sexismus von Feministinnen.

Lese-Tipp: Dieser Sammelband befasst sich kritisch mit aktuellen Strömungen im Feminismus und beleuchtet diese aus ganz unterschiedlichen weiblichen Perspektiven: 

Feministisch streiten: Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen
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Geschlechterstereotype hinterfragen, nicht unterdrücken

Das Hinterfragen von Geschlechterstereotypen hat Frauen im Laufe der Jahre sicher viele Türen geöffnet. Keine Frau sollte gezwungen sein, sich wie eine „typische Frau“ verhalten zu müssen. Es ist auch schön zu sehen, dass gewisse Vorstellungen, wie eine Frau zu sein und auszusehen hat, mittlerweile hinterfragt werden. Oft wird dabei aber allzu eifrig daran gearbeitet, jegliches Frauen-Klischee zu bekämpfen, anstatt diese aufzuwerten. Sorry, dass ich mich nun mal so gar nicht für Naturwissenschaften, Fußball, Computerspiele oder Actionfilme interessiere. Ich weiß, wenn ich so tun würde als ob, würde ich sicher wie eine starke Power-Frau wahrgenommen werden. Seht her, sie ist eine Frau, die sich für „Männer-Themen“ interessiert! Genau das ist leider das, was mir der Mainstream-Feminismus aktuell noch viel zu sehr vermittelt: Wenn du dich für Geisteswissenschaften statt einen MINT-Studiengang entscheidest, wenn du Reality-TV statt Fußball guckst oder High Heels statt Sneaker trägst, bist du leider auch nur eine stereotype Frau und eben nicht ganz so „stark“ wie die Ausnahme-Frauen, die in Männer-Bereiche vordringen.

Ich bin manchmal „typisch Frau“ – na und!?

Vermeintliches Female Empowerment hat das Ziel verfehlt, wenn jungen Mädchen vermittelt wird, sie müssten möglichst „männlich“ sein. Wäre es nicht viel schöner, wenn wir aufhören würden auf „Frauenfilme“, „Frauen-Hobbys“ und „Frauen-Berufe“ hinabzusehen? Das bedeutet nicht, dass wir wieder in die 50er-Jahre zurückkehren und konservative Rollenbilder wieder aufleben lassen müssen. Genauso wenig möchte ich ab sofort nur noch Prosecco schlürfend mit meinen Freundinnen über Beziehungen tratschen und Liebesfilme schauen. Ich breche noch immer gerne mit Geschlechterstereotypen. Aber es sollte eben auch nichts dabei sein, sich als Frau für Dinge zu interessieren, die als typisch weiblich gelten. Ich will mich nicht weniger emanzipiert fühlen, nur weil ich lieber koche, anstatt an Autos herumzuschrauben oder „Keeping Up with the Kardashians“ jederzeit einem Fußballspiel vorziehen würde. Einen besonders hohen Intellekt erfordern all diese Tätigkeiten nicht  – warum werten wir dann aber nur die „typisch weiblichen“ ab?

Bildquelle:

Stocksy/LUCAS OTTONE

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