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Sexismus

Internalisierte Misogynie: Sind wir alle insgeheim Frauenhasser?

So eine bin ich nicht, ich bin kein typisches Mädchen, einfach anders. Mit Jungs versteh ich mich viel besser, die sind nicht so zickig … Wir könnten die Liste an Sätzen, mit denen wir andere Frauen diskreditieren, um uns selbst besser darzustellen, noch lange fortführen. Doch warum glauben so viele von uns betonen zu müssen, dass wir nicht sind wie andere Frauen, um ernst genommen oder gemocht zu werden? Das Phänomen dahinter nennt sich internalisierte Misogynie. Die Gesellschaft hat uns beigebracht, alles Weibliche unbewusst abzulehnen.

Unbewusst unterteilen wir viele Charaktereigenschaften und Vorlieben in weiblich oder männlich. Fürsorglich? Eher weiblich. Gefühlskalt? Eher männlich. Mag Pink? Typisches Mädchen. Spielt Fußball? Typischer Junge. Dahinter stecken meist nur Klischees. Jungen können genauso gerne Pink mögen, wie Mädchen Fußballspielen können. Trotzdem nehmen wir diese Klischees nicht immer als solche wahr, ordnen Geschlechter weiterhin festen Verhaltensweisen zu. Wer damit bricht, ist eher Ausnahme. Dabei fällt auf, dass es bei Frauen häufiger positiv gewertet wird, wenn sie nicht dem Klischee entsprechen. Bei Männern wird es nicht unbedingt negativ betrachtet, trotzdem würden wohl die wenigsten sagen: „Ja, ich spiele keinen Fußball und Bier finde ich eklig. Ich bin halt kein typischer Mann!“ Anders sieht es aus, wenn ein Mann eher weiblich gelesene Eigenschaften zeigt, etwa schnell weint oder gerne Liebesfilme schaut. Dann gilt er als unmännlich, seine „weiblichen“ Eigenschaften mindern seinen Wert. Denn weiblich zu sein, ist scheinbar etwas Schlechtes.

Was ist (internalisierte) Misogynie?

Für solche Denkmuster gibt es einen Fachbegriff: Internalisierte Misogynie. Das Wort Misogynie setzt sich aus den altgriechischen Wörtern „misos“ (Hass) und „gyne“ (Frau) zusammen. Es bedeutet also wortwörtlich übersetzt Frauenhass. In der Soziologie versteht man darunter eher Frauenfeindlichkeit beziehungsweise Geringschätzung gegenüber Frauen. Mit Misogynie verbinden wir oft das Verhalten von Männern, die Frauen ganz bewusst abwerten und ihnen gegenüber feindlich eingestellt sind. Doch nicht nur Incels sind misogyn. Tatsächlich haben wir alle, unabhängig vom Geschlecht, misogyne Denkmuster verinnerlicht. Deshalb sprechen wir gerade, wenn es um abwertende Kommentare von Frauen gegenüber anderen Frauen geht von internalisierter, also verinnerlichter, Misogynie. Wir bekommen gar nicht mit, dass wir Frauen insgeheim abwerten. Selbst unter Feministinnen sind misogyne Denkmuster verbreitet, etwa wenn Frauen, die dem klassischen Rollenbild entsprechen, als Bedrohung für die Bewegung gesehen werden.

Gleichzeitig können misogyne Denkmuster sich aber auch gegen Frauen wenden, die typisch weibliche Eigenschaften ablegen. Das liegt zum einen daran, dass nicht alle typisch weiblichen Eigenschaften als negativ betrachtet werden, dass Frauen etwa als fürsorglicher und einfühlsamer gelten, wird meist positiv bewertet. Zum anderen scheinen viele Eigenschaften nur bei Männern als etwas Positives zu gelten, etwa das Streben nach Macht oder eine gewisse Promiskuität. Ein Mann, der mit vielen Frauen schläft, gilt als Verführer, eine Frau auch heute noch oft als billig.

Woher kommt internalisierte Misogynie?

Nun stellt sich die Frage, woher dieses Denken kommt. Soziolog*innen und Kulturwissenschaftler*innen gehen davon aus, dass es durch unsere patriarchale Gesellschaftsform geprägt wird. Denn auch wenn sich in den letzten Jahren vieles hin zur Gleichberechtigung entwickelt hat, sind die alten Rollenbilder doch noch in unseren Köpfen verankert. Wir leben noch immer in einer patriarchalen Kultur, die durch misogyne Denkweisen gefestigt wird. Dabei ist Misogynie eng mit Sexismus verwachsen. „Ich verstehe Sexismus als die Glaubenssätze, die versuchen, die untergeordneten Positionen von Frauen zu rechtfertigen. Sexismus stellt Geschlechterunterschiede als naturgegeben hin, seine Ideologie besteht aus Annahmen oder Klischees wie dem, dass Frauen generell fürsorglicher seien als Männer“, sagte die Sozialphilosophin und Autorin des Buches „Down Girl: Die Logik der Misogynie“, Kate Manne, in einem Interview mit der taz. Doch selbst, wenn wir nicht mehr an diese naturgegebenen Geschlechtsunterschiede glauben, beeinflussen sie noch immer unser Denken, weil sie dazu führen, dass wir stets über Frauen urteilen und Erwartungen an sie stellen.

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Wie erkenne ich misogyne Denkmuster?

Wer sich einmal mit dem Konzept der internalisierten Misogynie beschäftigt hat, wird immer wieder Aha-Momente haben, wenn er/sie seine eigenen Gedanken beobachtet. Dinge, an die wir Jahre lang geglaubt haben, erscheinen uns plötzlich in einem anderen Licht. Ist es wirklich ein Kompliment, wenn mir ein Mann sagt, dass ich ganz anders bin als andere Frauen? Und kommen Zickereien unter Frauen wirklich häufiger vor oder nennen wir sie bei Männern nicht einfach nur „Machtkämpfe“ und akzeptieren sie? Dieses Bewusstsein ist essenziell um mit misogynen Strukturen zu brechen. Doch wie erkenne ich, ob eine negative Wertung misogyn oder berechtigt ist? Klare Red Flags sind zum Beispiel Gedanken, die mit „Frauen sind immer…“, „Als Frau sollte man…“, oder „Das macht sie doch nur, weil…“ beginnen. Aber auch, wenn wir anderen Frauen etwas nicht gönnen oder ihre Kompetenz in Frage stellen, ist das häufig nicht gerechtfertigt und rührt daher, dass wir bei ihnen höhere Standards ansetzen als bei Männern.

Was können wir gegen internalisierte Misogynie tun?

Sich bewusst zu werden, dass wohl jede*r von uns misogyne Denkweisen verinnerlicht hat und diese zu hinterfragen, ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Nur, wenn wir das Unbewusste ins Bewusstsein holen, können wir etwas daran ändern. Sei es, weil wir unser eigenes Denken stärker hinterfragen oder weil wir andere darauf aufmerksam machen. Das wichtigste ist, dass wir aufhören, andere Frauen als potenzielle Konkurrenz oder Bedrohung zu sehen und uns solidarisch zeigen. Denn auch, wenn uns lange Zeit etwas anderes beigebracht wurde, gibt es für jede Frau einen Platz in dieser Gesellschaft.

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Bildquelle: istock/nadia_bormotova

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