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Kommentar

Corona-Krise: Die Angst, ohne meinen Partner entbinden zu müssen

Corona-Krise: Die Angst, ohne meinen Partner entbinden zu müssen

Die Corona-Krise stellt so gut wie alle Menschen momentan vor eine große Herausforderung. Doch für Schwangere wie mich, die in den nächsten Wochen entbinden werden, kommen die Einschränkungen und neuen Umstände in einer Zeit, in der wir vor allem Stabilität, Sicherheit und Unterstützung brauchen – doch nun stehen wir plötzlich völlig hilflos da und müssen uns im schlimmsten Fall auf eine einsame Geburt ohne Partner und ein Wochenbett ohne Hebamme einstellen.

Plötzlich war alles anders

Ich bin mittlerweile in der 32. Woche und hatte mir die Zeit bis zur Geburt eigentlich so vorgestellt: Die letzten Wochen mit meinen Kollegen genießen, noch so viele Freunde wie möglich treffen, ins Kino oder Restaurant gehen und die unabhängigen Momente genießen, die mit Baby keine Selbstverständlichkeit mehr sein werden. Am meisten hatte ich mich auf fünf Tage Ostsee mit meinem Freund gefreut, unser letzter Urlaub, in dem wir noch keine Eltern sind.

Dann kam Corona. Von einem auf den anderen Tag begannen alle, im Home-Office zu arbeiten, das soziale Leben wurde eingefroren und die Ostseeinseln dicht gemacht. Reise- und Kontaktverbot in ganz Deutschland. Nun kann ich die letzten zwei Monate bis zur Geburt kaum noch etwas unternehmen und fast niemanden mehr sehen. Doch die zunächst große Enttäuschung über die neuen Umstände wich von Tag zu Tag immer mehr einem: der Angst vor den Bedingungen, unter denen ich mein Kind bald auf die Welt bringen muss.

Glückliches schwangeres Paar
Unbeschwerte Tage in der Schwangerschaft: Dank Corona jetzt vorbei.

Im Kreißsaal ohne den werdenden Vater

In der letzten Woche hörte und las ich immer öfter davon, dass viele Krankenhäuser werdenden Vätern den Zutritt zum Kreißsaal bei der Geburt ihres Kindes zum Schutz vor COVID-19 nicht mehr gestatten. Diese Meldungen folgten auf den Beschluss, dass Besuche auf der Wochenstation nicht mehr erlaubt waren, in vielen Fällen nicht mal für den Partner der Schwangeren. Den selbstverständlich gewordenen Komfort, der heute allen Paaren angeboten wird – das gemeinsame Erleben der Geburt und die anschließende Unterbringung im Familienzimmer – gibt es jetzt nicht mehr.

Auch in dem Krankenhaus, in dem ich im Mai entbinden will, durften Schwangere für ein paar Tage nur ohne Begleitperson in den Kreißsaal. Eine Hebamme erzählte mir am Telefon, dass die betroffenen Frauen unglaublich verzweifelt waren und beruhigt werden mussten. Für die meisten Schwangeren ist der Partner oder eine andere Vertrauensperson im Kreißsaal und auch in den Stunden davor, wenn die Wehen langsam stärker werden, die wichtigste Stütze. Denn die entbindenden Hebammen sind nicht ständig mit im Raum, da sie auch noch andere Frauen auf dem Weg zur Geburt unterstützen.

Jetzt auf diesen Beistand verzichten zu müssen, würde für viele Schwangere schlichtweg eins bedeuten: eine einsame Geburt, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr üblich ist. Das Baby ohne seelische Unterstützung allein auf die Welt bringen zu müssen, kann ein extremes Gefühl der Hilflosigkeit bis hin zu einem Trauma verursachen. Zusätzlicher emotionaler Stress ist nicht selten dafür verantwortlich, dass in den Geburtsvorgang medizinisch eingegriffen werden muss.

Was ist, wenn es uns ebenso trifft?

Mich selbst machte der Gedanke an eine Geburt ohne meinen Freund total fertig: Zu keiner Zeit hatte ich bisher damit gerechnet, dass ich diesen besonderen Moment vielleicht ohne ihn durchstehen müsste – seit den 70er Jahren dürfen werdende Väter in Deutschland mit in den Kreißsaal, eine absolute Selbstverständlichkeit für mich.

Was ich in dem Fall am schlimmsten finden würde, ist, dass mein Freund so einen der bedeutendsten Augenblicke in seinem und meinem Leben verpasst und wir nicht gemeinsam erleben können, wie das strampelnde Etwas in meinem Bauch endlich das Licht der Welt erblickt – und das, nachdem er während der Schwangerschaft ohnehin die meiste Zeit an die Rolle des passiven Zuschauers gebunden war. Und auch die Möglichkeit, dass er danach nicht mal auf die Wochenstation zu Besuch kommen darf, um sein Kind zu sehen, fände ich furchtbar. Wenn ich dann wie ursprünglich geplant noch ein paar Tage im Krankenhaus für die ersten Untersuchungen unseres Babys bleiben würde, könnte er es sogar erst einige Tage nach der Geburt sehen.

Vater mit Neugeborenem

Jeden Tag kann sich alles ändern

Mittlerweile wurde das Verbot von Begleitpersonen in vielen Krankenhäusern wieder aufgehoben, aber gleichzeitig in anderen eingeführt. Eine bundesweite Regelung für Kreißsäle gibt es nicht, praktisch entscheiden die Kliniken das selbst und ändern oft auch ihre Vorschriften von heute auf morgen. Frauen, die kurz vor der Entbindung stehen, wird geraten, sich täglich telefonisch in ihrer Klinik zu informieren, welche Bedingungen gerade herrschen. Das bedeutet Stress für die werdende Mutter, aber auch für das Klinikpersonal.

Zu meiner Beruhigung setzt sich der Deutsche Hebammenverband ausdrücklich dafür ein, weiterhin eine Begleitperson im Kreißsaal zu gestatten, falls diese frei von Corona-Symptomen ist. Ich habe natürlich vollstes Verständnis dafür, dass es wichtig ist, Ärzte, Pflegekräfte und Hebammen im Krankenhaus vor einer Ansteckung zu schützen, damit andere Patienten weiter richtig versorgt werden können. Aber wenn man den Partner von der Geburt ausschließt, weil er möglicherweise infiziert ist, so kann man doch eigentlich auch fest davon ausgehen, dass auch die entbindende Mutter, mit der er zusammenlebt, das Virus in sich trägt, oder? Das Klinikpersonal müsste also so oder so Schutzmaßnahmen treffen.

Geburt ohne Vorbereitungskurs

Wie ich bereits vermutet hatte, wurde vergangene Woche unser zweitägiger Geburtsvorbereitungskurs abgesagt. Seitdem habe ich von älteren Müttern öfter den Satz gehört: „Früher hatten wir auch keine Kurse und unsere Babys sind trotzdem zur Welt gekommen.“ Klar kann ich auch ohne Geburtsvorbereitungskurs entbinden. Aber ich hatte mich auf diesen Kurs verlassen und gehofft, dass ich dort Antworten auf meine ganzen offenen Fragen bekomme, mein Freund lernt, wie er mich im Wochenbett unterstützen kann und mir bestimmte Ängste genommen werden. So könnte ich dem Tag der Geburt entspannter und mit einem besseren Gefühl entgegentreten – stattdessen kommt zu dieser Ungewissheit nun auch noch die Unsicherheit, unter welchen äußeren Umständen ich überhaupt entbinden werde, dazu.

Glücklicherweise sieht es mittlerweile so aus, dass der Kurs immerhin online stattfinden kann – gestern bekam ich sogar die Nachricht, dass die Krankenkasse dafür aufkommt. Noch vor einer Woche bestand die Regel, dass Online-Kurse privat gezahlt werden müssen, selbst in dieser außergewöhnlichen Zeit.

Mutter und Baby im Wochenbett

Wenn die Hebamme keine Hausbesuche mehr macht

Auch meine Hebamme, die mich während der Schwangerschaft und im Wochenbett betreut, wird die nächsten vier Wochen keine Hausbesuche mehr machen und ebenfalls nur noch über Videochat erreichbar sein. Ich habe Verständnis für diese Vorsichtsmaßnahme, muss aber auch an die Mütter denken, die sie sonst noch betreut und die jetzt gerade oder in den kommenden Wochen entbinden: Ihnen wird die persönliche Unterstützung der Hebamme im Wochenbett fehlen. Wer kann denn besser helfen, wenn es mit dem Stillen nicht klappt, der Säugling ständig weint oder der Baby Blues zuschlägt?

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Ungewissheit ist das Schlimmste

Katja Gajek
Katja Gajek

Ich hatte die ganzen letzten Monate das Gefühl, dass für mich dieses Jahr der beste Zeitpunkt gekommen sei, Mutter zu werden. Bisher musste ich mir nur die üblichen Gedanken machen: dass die Geburt möglichst gut verläuft, mein Kind gesund ist und ich den Schlafentzug mit Neugeborenem gut überstehe. Nun hat mir die Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das Gefühl, mein Baby in einer absoluten Krisenzeit auf die Welt zu bringen, bereitet mir seit einigen Tagen schlaflose Nächte.

Komischerweise ist es nicht die Angst vor einer Ansteckung mit Corona selbst, die mich beschäftigt, sondern einfach die blanke Ungewissheit, wie die Zustände in zwei Monaten sein werden, wenn meine Wehen einsetzen. Natürlich bemühe ich mich, positiv zu sein und das Beste zu hoffen, doch derzeitige Prognosen kündigen in den nächsten Wochen keine Besserung an. Und so wird die Geburt meines ersten Kindes nicht mehr nur eine persönliche Ausnahmesituation für mich sein, sondern auch in einer Welt im Ausnahmezustand stattfinden.

Bildquelle:

iStock/dtephoto/AleksandarNakic/miodrag ignjatovic/damircudic

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