unbegrenzte Urlaubstage
Nina Rölleram 07.05.2018

Stell dir vor, du könntest dir in deinem Job so viel freinehmen, wie du möchtest. Klingt wie im Märchen? In vielen amerikanischen Firmen, aber auch in immer mehr deutschen Start-ups ist das Realität. Kritiker befürchten jedoch, dass durch unbegrenzte Urlaubstage Beruf und Privatleben zunehmend verschmelzen und Arbeitnehmer sich tatsächlich weniger freinehmen. Ich habe einfach mal bei vier Firmen nachgefragt, bei denen die Regelung gut zu funktionieren scheint.

Nur eine Falle?

Ich konnte mir zunächst gar nicht vorstellen, wo bei unbegrenzten Urlaubstagen der Haken sein könnte. Was soll schon problematisch daran sein, wenn sich jeder nach persönlichem Bedarf freinimmt – wenn nötig auch mehr als den gesetzlich festgelegten Mindesturlaub von 24 Tagen? Die Spiegel-Kolumne von Klaus Werle hat mich dann jedoch stutzig gemacht. Er sieht in dem Trend zu unbegrenztem Urlaub eine Falle für Arbeitnehmer: Das verführerische Angebot sei ein fauler Trick, da sich in den USA, wo das Modell bereits verbreitet ist, Angestellte weniger freinehmen, als sie es eigentlich könnten. Legt man die Anzahl der Urlaubstage erst gar nicht fest, steige die Scheu, Urlaub zu beantragen noch mehr. Was sich also so schön als „Vertrauensarbeitszeit“ in Job-Anzeigen verkaufen lässt, führt laut dem Personalexperten Christian Scholz in der Realität vielmehr zu einem „Zwang zur Selbstausbeutung“.

Ins Grübeln brachte mich auch ein weiterer Artikel im Wirtschaftsmagazin Next, in dem sich Experten kritisch zu unbegrenzten Urlaubstagen äußerten. Dem Soziologieprofessor Gerhard Bosch zufolge verbreite sich dieser Trend auch deshalb, weil heutzutage von Arbeitnehmern erwartet werde, auch im Urlaub erreichbar zu sein: „Wer nonstop auf Stand-by ist, für den ist der Urlaub kein Urlaub mehr.“ Setzen also besonders die Arbeitgeber ihre Angestellten unter Druck, die großzügigen Urlaub anbieten?

Meine Kollegin Christina wollte im Urlaub keine Arbeits-Mails checken und hat ihr Handy einfach zu Hause gelassen.

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Die Mitarbeiter nehmen im Schnitt mehr Urlaub

Lassen sich die Verhältnisse in den USA wirklich auf die deutsche Arbeitskultur übertragen? Ich wollte mich nicht mit Spekulationen zufriedengeben und habe vier Firmen kontaktiert, bei denen unbegrenzte Urlaubstage bereits eingeführt wurden: die Agenturen Elbdudler, Nerdlichter und Ministry Group aus Hamburg sowie die Hotel-Plattform Myhotelshop aus Leipzig.

Dass die unbegrenzten Urlaubstage zu weniger freien Tagen für die Mitarbeiter führen, konnte mir keine der Firmen bestätigen – im Gegenteil: Bei Elbdudler und Myhotelshop wird im Schnitt mehr Urlaub genommen als vorher:

Bei uns haben Arbeitnehmer 2,5 Tage im Schnitt mehr Urlaub genommen als vorher und nur unter dieser Voraussetzung macht das auch Sinn. Ansonsten hätte ich das wieder abgeschafft.

Ullrich Kastner, Geschäftsführer von Myhotelshop

Allerdings gibt es auch in diesen Firmen Mitarbeiter, die keinen Gebrauch von den unbegrenzten Urlaubstagen machen. Bei Elbdudler werde daher regelmäßig in die Übersicht geschaut, um Mitarbeiter dazu aufzufordern, Urlaub zu nehmen, wie mir die Talent-Managerin Zerrin Illaev verrät. Bei Nerdlichter sorgt eine für alle einsehbare Urlaubsplanung dafür, dass sich niemand zu wenig freinimmt:

So können andere Teammitglieder auch auf diese potenziellen „Selbstausbeuter“ mit Acht geben und darauf hinwirken, dass für alle ausgeglichen viel Urlaub genommen wird.

Jens Vielhaben, Geschäftsführer von Nerdlichter

Selbstausbeutung vs. Eigenverantwortung

Eine der Hauptkritikpunkte an den (vermeintlich) unbegrenzten Urlaubstagen ist, dass dadurch mehr Verantwortung auf den Mitarbeitern lastet und diese sich mehr für ihre Arbeit aufopfern. Mit diesem Thema haben sich alle der vier befragten Firmen bereits auseinandergesetzt. Das Konzept könne laut Raphael Schulz, zuständig für den Bereich Business Development & Strategische Entwicklung bei Ministry Group, nur funktionieren, wenn das gesamte Team die Mündigkeit und Selbstsicherheit habe, zu beurteilen, wann der Urlaub nötig sei. Es sei schon vorgekommen, dass einem Mitarbeiter, der über einen längeren Zeitraum sehr viel gearbeitet hat, von anderen Teammitgliedern ein Zwangsurlaub erteilt wurde:

Das Team entwickelte also eine Sensorik und ein gemeinsames Verständnis für die Wichtigkeit jedes Teammitglieds.

Raphael Schulz, CMWYW (call me what you want) bei Ministry Group

Scheinbar funktioniert eine solche Regelung nur dann, wenn sowohl die Mitarbeiter Verantwortung für sich selbst übernehmen, es gleichzeitig aber auch einen starken Teamgeist gibt.

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Pseudo-Urlaub durch ständige Erreichbarkeit?

Urlaub Erreichbarkeit

Kann man von Urlaub sprechen, wenn man stets erreichbar ist?

Doch, wie sieht es mit der Erwartung aus, auch im Urlaub ständig erreichbar zu sein? Schließlich sind alle Firmen, mit denen ich gesprochen habe, junge Unternehmen, in denen durch die Digitalisierung im Prinzip auch vom Hotel-Pool aus gearbeitet werden könnte. Bei Myhotelshop sieht man das locker: Mitarbeiter müssten nicht erreichbar sein, können dies aber, wenn sie das Gefühl haben, auf diese Weise nach dem Urlaub weniger Stress zu haben. Auch bei Nerdlichter ist man der Ansicht, dass es einfach unterschiedliche Typen gibt: solche, die lieber ganz abschalten und solche, die auch im Urlaub mitbekommen wollen, was im Team abläuft. Beide Umgangsweisen werden jedoch akzeptiert. Bei Nerdlichter möchte man seinen Mitarbeitern auf jeden Fall nicht das Gefühl geben, im Urlaub arbeiten zu müssen und geht aktiv dagegen vor:

Da man bei jedem Urlaub eine interne Vertretung hat, dürfte es sehr selten vorkommen, sich aus dem Urlaub um etwas kümmern zu müssen. Wer bereits Merkmale dieses Märtyrer-Syndroms erkennt, kann mit uns und unseren Coaches an den Themen Zeitmanagement und Abgrenzung arbeiten.

Zerrin Illaev, Talent Managerin bei Elbdudler

Für eine ausgeglichene Work-Life-Balance sorgt nicht nur das Abschalten im Urlaub, sondern auch der Feierabend. Diese Tricks kannst du jeden Tag anwenden:

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Wird man durch mehr Urlaub seltener krank?

Ein Argument für Arbeitgeber, den Mitarbeitern mehr Urlaub zur Verfügung zu stellen, wären weniger Krankschreibungen. Ich stelle es mir im Idealfall zumindest so vor, dass man durch längere Auszeiten vom Job entspannter und weniger anfällig für Krankheiten ist. Der Geschäftsführer von Myhotelshop kann dies absolut bestätigen:

Unsere Mitarbeiter sind im Schnitt 8 Tage krank im Jahr. In Deutschland liegt der Schnitt bei 14 Tagen. Zudem rechne ich damit, dass unsere Mitarbeiter auch insgesamt effizienter sind.

Ullrich Kastner, Geschäftsführer von Myhotelshop

In Unternehmen, die ihren Mitarbeitern nur die Mindestanzahl an Urlaubstagen gewähren, werden Krankschreibungen auch schon mal dazu genutzt, um sich eine Auszeit zu gönnen. Diese Art von Krankmeldungen fielen in Unternehmen mit unbegrenzten Urlaubstagen weg, wie Raphael Schulz von Ministry Group bemerkt. Allerdings sei das Konzept laut dem Geschäftsführer von Nerdlichter auch kein Allheilmittel:

Wenn die Arbeit sonst zu stressig, zu lang, zu unbefriedigend ist, wird auch ein Mehr an Urlaub kaum der Gesundheit auf die Sprünge helfen.

Jens Vielhaben, Geschäftsführer von Nerdlichter

Anstelle von mehr Urlaub könnte uns allen eine 4-Tage-Woche gut tun – findet meine Kollegin Katharina.

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Scheinbar kann das idealistische Konzept mit den unbegrenzten Urlaubstagen tatsächlich aufgehen, wenn die Unternehmenskultur dazu passt. Zumindest haben mich diese Erfahrungsberichte optimistisch gestimmt, dass flexible Regelungen funktionieren können und nicht automatisch zum Scheitern verurteilt sind. Würdest du dir unbegrenzte Urlaubstage in deinem Job wünschen oder hältst du das für nicht realisierbar? Verrate mir mehr in den Kommentaren!

Bildquelle:

iStock/Merlas, iStock/Viktor_Gladkov

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