Transsexualität

Transsexuelle identifizieren sich mit dem anderen Geschlecht, als dem, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Sie wollen von der Gesellschaft als Frau oder Mann wahrgenommen werden, auch wenn sie nicht mit den entsprechenden Geschlechtsteilen geboren wurden und wünschen sich meist auch geschlechtsangleichende Maßnahmen.

1. Definition: Was ist Transsexualität?

Die WHO definiert Transsexualität als den konstanten und dauerhaften „Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechts zu leben und anerkannt zu werden“. Damit geht für Transsexuelle ein Gefühl des „Unbehagens“ und der „Nichtzugehörigkeit zum eigenen Geschlecht“ einher, sodass individuelle Wege gesucht werden, den Körper dem Geschlecht, mit dem der Transsexuelle sich identifiziert, anzugleichen.

Bisher wird Transsexualität medizinisch gesehen als Geschlechtsidentitätsstörung und somit als Persönlichkeitsstörung eingestuft. Man spricht auch von Geschlechtsdysphorie. Allerdings soll diese diskriminierende Einstufung in der ICD-10 (Internationale Klassifizierung von Krankheiten und verwandten Gesundheitsproblemen der WHO) 2018 abgeschafft und mit dem wertfreien Begriff der gender incongruence, also der geschlechtlichen Nichtübereinstimmung, bezeichnet werden.

Transgender oder Transsexualität?

Auch wenn das Thema Transsexualität mehr Aufmerksamkeit erfährt als je zuvor, ist es gar nicht so leicht, richtig über das Thema zu sprechen. Vor allem die verschiedenen Begrifflichkeiten bieten eine Menge Fettnäpfchen, in die man treten kann. Schon alleine die Frage, mit welchem Pronomen Transfrauen und -männer bezeichnet werden sollten, stellt manche Menschen vor Herausforderungen.

Hinweis: Bevor man Pronomen wie „er“, „sie“ oder womöglich sogar „es“ (Bitte nicht!) benutzt, sollte man die oder den Transsexuellen einfach fragen, welches Pronomen er oder sie bevorzugt.

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In der heutigen Debatte hört man neben dem Begriff der Transsexualität oft auch den Begriff Transgender. Bezeichnen beide dasselbe oder gibt es da Unterschiede? Auch hier gibt es verschiedene individuelle Tendenzen. Während „transsexuell“ die körperliche Komponente betont, zielt „transgender“ eher auf das soziale Geschlecht ab. Einige bevorzugen es, zu betonen, dass es sich bei der Transsexualität um eine körperliche Angelegenheit handelt, andere lehnen den Begriff ab, weil er den Eindruck erweckt, Transsexualität hätte – ähnlich der Homosexualität oder Bisexualität – etwas mit der sexuellen Orientierung zu tun, was aber nicht der Fall ist.

Viele favorisieren aus den genannten Gründen den von Körper und Gesellschaft unabhängigeren Begriff der Transidentität. Dieser beinhaltet, dass es sich um das Selbstbild handelt – nicht um die Genitalien, mit denen man geboren wurde oder das Geschlecht, das nach der Geburt eingetragen wurde. Auch Floskeln wie „im falschen Körper geboren“ sollte man vermeiden, denn nicht alle Transmenschen haben ein Problem mit ihrem Körper, sondern eher mit den Rollenzuschreibungen, die traditionell binär ausgelegt werden.

2. Geschichte und Begriff der Transsexualität

Der Begriff der Transsexualität wurde bereits 1923 vom deutschen Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld geprägt. Er beschrieb in seinem „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ den sogenannten seelischen Transsexualismus als Zustand von Menschen, die sich seelisch dem einen Geschlecht zugewiesen fühlen, körperlich aber dem anderen angehören.

Harry Benjamin

Harry Benjamin ist ein Pionier in der Arbeit und Auseinandersetzung mit Transsexualität.

Einige Jahre später, 1953, verwendete auch der deutsch-amerikanische Arzt Harry Benjamin diesen Begriff und sorgte so dafür, dass er sich in der Sexualforschung und -medizin durchsetzte. Vor allem sein Werk „The Transsexual Phenomenon“ machte die Thematik 1966 schließlich einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Benjamin entwickelte auch eine erste Skala, die Transsexuelle in Transvestiten, nicht operationsbedürftige Transsexuelle und Transsexuelle höherer Intensität einstufte. Bei letzteren sollte laut dem Arzt eine geschlechtsangleichende Operation vorgenommen werden. Zwar ist die Skala inzwischen stark modifiziert, gilt jedoch bis heute als erste ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema – und vor allem gilt Harry Benjamin als einer der ersten Wissenschaftler, der Transsexuelle nicht als psychisch Kranke wahrnahm, sondern erkannte, dass Körper und Identität voneinander abweichen können.

„Der dominierende Status der Genitalien für die Geschlechtsbestimmung ist in der Welt der Wissenschaft in Frage gestellt worden. Wir verwenden in der Sprache immer noch den Begriff des “Mannes”, wenn ein Hoden und ein Penis existiert, und einer “Frau” wenn wir Eierstöcke und eine Scheide vorfinden. Die Genetiker haben uns aber zu Kenntnissen über das “chromosomale Geschlecht” verholfen, welches nicht immer gleich wie das anatomische sein muss. Wie viel Unbekanntes wir noch entdecken werden, kann niemand sagen.“

Harry Benjamin, The Transsexual Phenomenon (1966)

Transsexualität in der Geschichte

Lili Elbe

Eddie Redmayne spielt Lili Elbe in „The Danish Girl“

Auch wenn das Phänomen von Menschen, die ihre Geschlechterrollen wechseln, seit der Antike bekannt ist, spricht man erst seit dem 20. Jahrhundert von Transsexualität. Die dänische Künstlerin Lili Elbe, die sowohl mit männlichen als auch mit weiblichen Geschlechtsteilen geboren wurde, gilt als einer der ersten intersexuellen Menschen, der sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzog. 1930 und 31 wurden insgesamt vier Operationen am Berliner Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld und der Dresdner Frauenklinik an ihr durchgeführt. Die Geschichte von Lili Elbe wurde 2015 unter dem Titel The Danish Girl mit Eddie Redmayne in der Hauptrolle verfilmt.

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Seit den 1950er Jahren können Transsexuelle in den USA sich zudem einer Hormonbehandlung unterziehen. Viele von ihnen wurden von dem Pionier auf diesem Gebiet, Harry Benjamin, behandelt. Der erste nicht-intersexuelle Transmensch, der sich einer geschlechtsangleichenden OP unterzog, war die Amerikanerin Christine Jorgensen, die eine Angleichung vom Mann zur Frau durchführen ließ. In Deutschland gab es die ersten weiteren Operationen dieser Art etwa ab 1970.

3. Transsexualität: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Ursachen

Wie Transsexualität entsteht, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Es gibt jedoch einige Hypothesen, dass sowohl genetische, hormonelle, psychische und soziale Faktoren dafür verantwortlich sein können, dass jemand transsexuell ist. Wichtig ist aber vor allem, dass Transsexualität laut dem heutigen Erkenntnisstand keine Krankheit und auch nicht auf vermeintliche Fehler in der Erziehung zurückzuführen ist.

Es gibt aktuelle Untersuchungen des Neuroendokrinologen Günter Karl Stalla vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, wonach ein hormonelles Ungleichgewicht während der Embryonalentwicklung einen Einfluss auf die spätere Transsexualität haben könnte. Andere Untersuchungen zeigen, dass in der pränatalen Entwicklung die gleichen Hormone für die Ausbildung der Genitalien sowie die Ausbildung der Gehirnfunktion verantwortlich sind. Diese Erkenntnisse lassen vermuten, dass Transmenschen also bereits als transsexuell geboren werden.

Diagnose

Geschlechterrollen

Kinder kommen schon früh mit den als typisch betrachteten Geschlechterrollen in Berührung.

In erster Linie handelt es sich bei Transsexualität oder Transidentität um eine Selbstdiagnose. Transmenschen merken in der Regel schon sehr früh, dass sie sich eigentlich eher dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen. Im Kindesalter ist es meist noch nicht auffällig, wenn Jungen die Kleider der Schwester oder Mutter anprobieren und mit Puppen spielen, Mädchen am liebsten Hosen tragen, auf Bäume klettern und mit Autos spielen – die Erwartungen an die Geschlechterrollen prägen sich erst in der Pubertät richtig aus, sodass Transsexuelle hier dann auf Grenzen aus dem sozialen Umfeld stoßen und der Leidensdruck, sich möglichst geschlechtskonform verhalten zu müssen, größer wird.

Ausschlaggebend, dass die Transidentität als solche diagnostiziert wird, ist der anhaltende Wunsch und die dauerhafte Gewissheit, dem anderen Geschlecht anzugehören. Diese Diagnose muss in Deutschland ausgiebig von Ärzten und Therapeuten abgesichert werden, bevor angleichende Maßnahmen eingeleitet werden, die oftmals nur schwer oder gar nicht umkehrbar sind. Dies zieht jedoch nach sich, dass der Weg für Betroffene sehr lang und steinig werden kann.

Laut ICD-10 müssen folgende Kriterien erfüllt sein, damit die Transsexualität diagnostiziert wird:

  • eine tiefgreifende und dauerhafte gegengeschlechtliche Identifikation
  • ein anhaltendes Unbehagen und Gefühl der Inadäquatheit hinsichtlich der biologischen Geschlechtszugehörigkeit
  • der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen
  • ein klinisch relevanter Leidensdruck und/oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Bereichen
Transsexualität: Diagnose

Bevor geschlechtsangleichende Maßnahmen eingeleitet werden, ist eine ausgiebige Diagnose nötig.

Bevor weitere Maßnahmen eingeleitet werden, um das Geschlecht dauerhaft anzugleichen, ist ein Gutachten eines Therapeuten nötig, das unter folgenden Voraussetzungen erteilt wird:

  • der Therapeut kennt den Patienten seit mindestens einem Jahr
  • die diagnostischen Kriterien wurden überprüft
  • der Therapeut ist sicher, dass bei dem Patienten eine Stimmigkeit und Konstanz des Identitätsgeschlechts und seiner individuellen Ausgestaltung vorliegt, die gewünschte Geschlechtsrolle lebbar ist und die realistische Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen von geschlechtsangleichenden Behandlungen gegeben ist
  • der Patient hat das Leben in der gewünschten Geschlechtsrolle mindestens ein Jahr lang kontinuierlich erprobt (Alltagstest)

Behandlung

Wird die Transsexualität nun also von einem oder mehreren Ärzten attestiert, stehen folgende Behandlungsmöglichkeiten offen, um das körperliche Geschlecht dem wahrgenommenen und gefühlten anzugleichen:

Hormontherapie

Die Hormontherapie kann von einem Facharzt oder Allgemeinmediziner begleitet werden, doch nicht alle Ärzte bieten die Behandlung an, sodass man sich vorher informieren sollte, welche Ärzte bereits Erfahrungen auf diesem Gebiet haben. Sind die Gutachten und entsprechenden Voraussetzungen vorhanden, übernimmt die Krankenkasse die Kosten für die Hormonbehandlung.

Bei der Hormontherapie werden dem Transsexuellen nun die Sexualhormone des Zielgeschlechts zugeführt während gleichzeitig die Bildung der Hormone des körperlichen Geschlechts unterdrückt wird. Bei Transmännern wird durch die Gabe von Testosteron beispielsweise die Gesichtshaut grobporiger, das Körperfett wandert von den Hüften auf die Taille, Bartwuchs und Stimmbruch setzen ein, die Klitoris wächst und die Periode bleibt aus. Bei Transfrauen geht die Körperbehaarung zurück, Fett wandert ins Gesicht, an die Hüfte und in die Brüste, die Hoden schrumpfen und die Spermaproduktion wird gehemmt.

Geschlechtsangleichung

Ein weiterer Schritt zur Angleichung an das erlebte Geschlecht ist eine Transformationsoperation. Früher sprach man von einer Geschlechtsumwandlung, heute wird allerdings der Begriff Geschlechtsangleichung bevorzugt. An ihr sind verschiedene Fachärzte beteiligt und es müssen wiederum einige Voraussetzungen erfüllt sein, bevor dieser Schritt eingeleitet wird:

  • der Therapeut kennt den Patienten seit mindestens eineinhalb Jahren
  • der Patient hat das Leben in der gewünschten Geschlechtsrolle seit eineinhalb Jahren kontinuierlich erprobt
  • der Patient wird seit mindestens einem Jahr hormonell behandelt

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, werden je nach Ausgangs- und Zielgeschlecht verschiedene Operationen fällig, bei der zum Beispiel Teile des Penis und der Hoden entfernt werden und aus dem Gewebe eine Vagina geformt wird oder ein Penis wird aus der hormonell gewachsenen Klitoris geformt. Die Operationen sind heutzutage schon sehr fortgeschritten, sodass Optik und Lustempfinden gut nachempfunden werden können.

Anzahl Geschlechtsangleichungen in Deutschland

Die Zahl der Geschlechtsangleichungen ist in den letzten Jahren stark gestigen.

Auch Operationen der Brüste und andere plastische OPs zur optischen Angleichung an das Identitätsgeschlecht werden häufig vorgenommen. Jedoch gehen den operativen Schritt längst nicht alle Transmenschen. Einige Transsexuelle verzichten auf die komplette körperliche Angleichung.

4. Gesetzeslage in Deutschland: Das Transsexuellengesetz

In Deutschland regelt das Transsexuellengesetz (TSG) seit 1980, dass Transsexuelle ihren Vornamen ändern dürfen und ihr Geschlecht im Personenstandsregister auf ihr Identitätsgeschlecht anpassen lassen können. Um diese Möglichkeit in Anspruch zu nehmen, muss der Transmensch zunächst einen Antrag stellen. Anschließend werden meist mindestens zwei verschiedene Gutachten eingeholt, die bestätigen sollen, dass der Transsexuelle sein empfundenes Geschlecht vermutlich in Zukunft nicht wieder ändern wird. Auch ein persönliches Gespräch mit dem Antragssteller findet statt.

Bisher war es nur möglich, das Geschlecht von weiblich auf männlich oder von männlich auf weiblich ändern zu lassen. Es war jedoch nicht möglich, beide, keins oder gar ein drittes Geschlecht zu wählen. Ein neuer Beschluss des Bundesverfassungsgerichts hat nun allerdings der intersexuellen Person Vanja Recht gegeben, dass es neben männlich und weiblich auch die Möglichkeit geben sollte, eine Variante wie „inter“ oder „divers“ zu wählen. Das historische Urteil kann nicht nur für Intersexuelle neue Möglichkeiten in der rechtlichen Identifikation bieten.

5. Transsexualität in der Popkultur

Laverne Cox in „Orange Is The New Black“

Laverne Cox spielt die transsexuelle Insassin Sophia Burset.

Transgender erfährt seit einigen Jahren eine sehr wünschenswerte Entwicklung, was die Sichtbarkeit und Akzeptanz in der Gesellschaft angeht. Die Repräsentation von transsexuellen Persönlichkeiten und Charakteren in den Medien, in Filmen und Serien ist da sicherlich ein entscheidender Faktor für. Von Filmen wie „Boys Don‘t Cry“, für den Hilary Swank 2000 für die Darstellung des transsexuellen Brendan Teena einen Oscar bekommen hat über einzelne Handlungsstränge mit Transmenschen in Serien wie „Glee“, „Orange Is The New Black“ und „Sense8“ bis hin zur kompletten Thematisierung des Lebens einer Transperson zum Beispiel in der Serie „Transparent“ oder der Doku-Sendung „I Am Jazz“, ist die Repräsentation in den letzten Jahren stark gestiegen.

Im Trailer zu „Boys Don‘t Cry“ sieht man vor allem die Diskriminierung, mit der Brendan zu kämpfen hat:

Schön ist, dass in vielen dieser Serien und Filme auch Menschen gecastet werden, die selbst transsexuell sind und somit eine Vorbildfunktion einnehmen, die weit über die fiktive Rolle eines Transmenschen hinausgeht. Laverne Cox zum Beispiel, die in „Orange Is The New Black“ die transsexuelle Gefängnisinsassin Sophia Burset spielt, ist selbst engagierte LGBT (Lesbian-Gay-Bisexual-Transgender)-Aktivistin. Das medienwirksame Outing von Caitlyn Jenner, ehemals Bruce Jenner, Olympia-Sieger und Stiefvater von Kim Kardashian sowie Vater von Kendall und Kylie Jenner, endete mit dem ersten Vanity Fair Cover einer Transfrau. Jazz Jennings, YouTuberin und Hauptfigur der Doku-Show „I Am Jazz“ gilt als jüngste öffentlich dokumentierte Transgender-Teenagerin.

Jazz Jennings im Beratungsgespräch mit einem plastischen Chirurgen, mit dem sie die Möglichkeiten einer geschlechtsangleichenden Operation bespricht:

Bis heute haben Transsexuelle noch immer mit Vorurteilen und Diskriminierung zu kämpfen. Hilfe finden sie in Beratungsstellen der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. (dgti).

Quellen:
WHO
Harry Benjamin, The Transexual Phenomenon
trans-infos.de
Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität

Bildquelle:

iStock/FotoCuisinette, katlove/Pixabay, Wikimedia Commons, Universal, iStock/standret, iStock/vadimguzhva, Statista, Netflix

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