Kommentar

Corona-Krise: Die Deutschen jammern auf hohem Niveau

Corona-Krise: Die Deutschen jammern auf hohem Niveau

Noch vor wenigen Wochen habe ich Corona mit einem Schulterzucken abgetan. Alles ganz weit weg, dachte ich, das betrifft uns sowieso nicht. Jetzt haben wir Mitte März und die Welt steht Kopf. Wir müssen unseren Urlaub canceln, arbeiten am Küchentisch statt im Büro und Menschen prügeln sich um Klopapier. Was wir wohl alle teilen, ist dieses Gefühl der Unsicherheit und die Frage, was da noch auf uns zukommt. Aber es ist auch eine Zeit, in der ich mir Gedanken darum mache, wie gut es uns eigentlich geht.

Als Redakteure haben wir Glück – wir können unsere Arbeit einfach aus dem Home-Office fortführen. Ein Laptop und WLAN reichen uns vollkommen aus, um unseren Job zu machen. Andere trifft es leider viel härter. Ärzte und Pflegepersonal, Verkäufer im Supermarkt – sie schieben nun Überstunden und setzen sich noch dazu täglich der Gefahr aus, sich selbst anzustecken. Noch schlimmer geht es vielen Selbstständigen. Kleine Unternehmen, Geschäfte, Kneipen, Tanzschulen, Dienstleister. Viele von ihnen sehen aktuell ihre Existenz bedroht und wissen nicht, ob sie diese Krise überhaupt überstehen.

Und leider fühlt man sich als Einzelperson ziemlich machtlos. Wir sind darauf angewiesen, dass die Regierung die richtigen Maßnahmen trifft und uns aus dieser Krise wieder einigermaßen glimpflich herauslenkt. Eine Situation, die nicht schön ist. Und völlig neu für die meisten von uns.

Jammern auf hohem Niveau

Denn als junge Menschen in Deutschland haben wir so etwas noch nie erlebt. Gerade jetzt wird einem bewusst, in welchem Luxus wir eigentlich leben. Notstand kennen wir nicht, wir leben seit jeher im Überfluss. Wir haben ein gutes Sozialsystem, ein hervorragendes Gesundheitssystem und eine stabile Regierung. Wir sind normalerweise frei wie Vögel – sind als Europäer in jedem Land auf der Welt herzlich willkommen. Wir reisen nach Spanien, nach New York oder in die Karibik, gehen essen beim Italiener und kaufen uns womöglich jedes Jahr ein neues Handy, eine neue Winterjacke und neue Sneaker.

Doch plötzlich ist alles anders: Grenzen werden dicht gemacht, wir dürfen nicht mehr frei reisen. Wir müssen uns Sorgen darum machen, dass unsere Krankenhäuser überlastet sind. Geschäfte und Bars schließen. Und wir müssen unser eigenes Leben einschränken – unser gewohntes Sozialleben komplett runterfahren, anders arbeiten, unseren Alltag anders organisieren.

Und obwohl ich mich natürlich darüber ärgere, dass ich meinen Italienurlaub canceln musste und meine große Geburtstagsparty dieses Jahr nicht stattfinden kann, bin ich doch gleichzeitig dankbar. Weil mir durch diese Krise mal wieder bewusst wird, wie viel Glück ich habe, dass ich in Europa geboren wurde und all diese Dinge mein ganzes Leben lang normal für mich waren.

Die Perspektive wechseln

Einmal mehr wird mir bewusst, wie es Menschen gehen muss, die in einem Entwicklungsland oder einem Kriegsgebiet leben. Die in ihrem gesamten Leben nur Einschränkungen kennenlernen, die sich niemals frei bewegen können, die sogar täglich Angst um ihr eigenes Leben haben, wenn sie das Haus verlassen. Menschen, die täglich unter Lebensmittelknappheit leiden, die weder Sozialleistungen noch Krankenversicherung kennen und deren Familien jeden Tag ums Überleben kämpfen.

Die Einschränkungen, die wir gerade in Europa erleben, sind lächerlich im Gegensatz dazu. Wir leben in einem Land, in dem quasi immer die Sonne scheint – und jetzt tun wir bei ein paar Regentropfen so, als würde uns ein Hurrikan heimsuchen. Jeder, der jetzt jammert, sollte darüber mal nachdenken. Statt zu fluchen, sich gegenseitig zu beschimpfen und wegen ein paar Rollen Klopapier auszurasten, ist jetzt Solidarität wichtiger als je zuvor.

Bilder, die zeigen, wie extrem die Coronavirus-Panik ist

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Solidarität statt Aggressivität

Jeder kann durch seine Mithilfe dem gesamten Land, bzw. der gesamten Welt helfen, die Corona-Ausweitung zu bremsen. Wir müssen uns nur gewissenhaft verhalten, zuhause bleiben und unsere sozialen Kontakte einschränken. Ist das wirklich zu viel verlangt? Niemandem ist schließlich geholfen, wenn wir Nudeln hamstern und uns dann über leere Regale aufregen. Ein freundliches Dankeschön an die Kassiererin ist jetzt angebrachter.

Wer mehr tun möchte kann spenden – zum Beispiel an kleine Unternehmen, deren Existenz bedroht ist. Gutscheine kaufen, im Onlineshop bestellen, Mitgliedschaften weiterlaufen lassen statt kündigen – all das kann kleinen Unternehmen nun helfen. Hier findest du weitere Möglichkeiten, wie du für kleine Unternehmen spenden kannst.

Wir können über uns hinauswachsen

Nadine Jungbluth
Nadine Jungbluth

In meinem Leben habe ich gelernt: Aus Krisensituationen geht man gestärkt hervor. Wer schwere Zeiten durchlebt, kann daraus neue Kraft und Stärke schöpfen. Und so wünsche ich mir, dass die Menschen auch die Corona-Krise nutzen, um zu wachsen. Jeder für sich, aber auch als Gemeinschaft, damit wir als noch stärkere Gesellschaft aus der Krise herausgehen. Lächeln statt streiten, helfen statt jammern. So schwierig kann das nicht sein.

Bildquelle:

ImagoImages/Reichwein

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