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„Ich habe dir gesagt, wenn du mich verlässt, dann bringe ich dich um!“

Kolumne „Du bist viele"

„Ich habe dir gesagt, wenn du mich verlässt, dann bringe ich dich um!“

Es gibt Sätze um eine Beziehung zu beenden, die so alt sind wie das Konzept von Partnerschaften. Ich will dich nicht mehr. Ich liebe dich nicht mehr. Ich habe eine Andere. Wir haben uns irgendwie auseinandergelebt. Lass uns (bloß nicht) Freunde bleiben. Herzen brechen leise an den scharfen Kanten solcher Sätze, die manchmal einen ganzen Lebensabschnitt beenden. Oder, wie im Falle meines Ex-Partners, gleich ein ganzes Leben beenden sollen. Meines.

(Triggerwarnung: Dieser Artikel schildert Szenen häuslicher Gewalt) „Wenn du mich verlässt, dann bringe ich dich um, das habe ich dir doch gesagt.“ Ja stimmt, das hatte er mir gesagt und ich hielt es für einen Scherz. Weil man sowas nun einmal für einen Scherz halten muss. Er war der Mann, den ich liebte. Oh und wie ich das tat! Bis zum bitteren Ende. Und er liebte mich. Das hatte er so oft gesagt, dass es einfach stimmen musste. Oder? Wenn man sich liebt, gehen manchmal Vasen kaputt im Streit, aber doch sicher keine ganzen Leben. Dachte ich immer. Aber ich dachte auch lange Zeit, dass mir so etwas nicht passieren würde. Vom Partner ausgeübte Gewalt, wo kommen wir denn dahin, wenn jeder dahergelaufene Typ nur die Hand heben muss und ich zucke zusammen. Sowas passiert vielleicht anderen, aber sicher nicht mir, denn ich bin vieles, aber gewiss kein typisches Opfer häuslicher Gewalt.

Es gibt keine typischen Opfer

Das Lustige an dieser Aussage ist, dass das sogar stimmt. Ich bin kein typisches Opfer häuslicher Gewalt. Ich bin Bestseller-Autorin, Stand Up-Comedian, toure durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Ich habe einen gut laufenden Podcast, stehe vor Kameras, lächle von Plakaten. Ich habe eine bunte Familie, tolle Freunde, ein sehr stabiles, soziales Umfeld. Ich bin unabhängig, erfolgreich, groß und echt kein typisches Opfer. Woran ich das festmache? Nicht an meinem Job. Nicht an meiner Figur. Nicht an der Gegend in der ich lebe sondern einzig an einer erschreckenden Tatsache: Ich bin deshalb kein typisches Opfer häuslicher Gewalt, weil es das typische Opfer überhaupt nicht gibt. Gewalt in Partnerschaften passiert so ekelhaft häufig und ist so weit verbreitet, dass die einzige Gemeinsamkeit, die die Opfer von Gewalt in Beziehungen haben, ihr Geschlecht ist. 97% aller Opfer sind weiblich. Das ist ihre Gemeinsamkeit. Nicht ihr Status. Nicht ihr Einkommen. Nicht ihre Wohngegend oder ihr Aussehen. Nur diese eine Sache. Typische Opfer partnerschaftlicher Gewalt sind: Frauen.

Ich wusste das nicht. Damals, als ich ihn kennenlernte. Aber ich werde es lernen. Er wird es mir beibringen. Fünf Jahre lang. Bis der Tag kommt, an dem er, der mich zum Schlafengehen auf die Stirn küsste vom ersten Tag an, eines nachts über mir hockt, seine Hände um meinen Hals schließt und zudrückt, bis ich erst die Möglichkeit zu atmen und dann mein Bewusstsein verliere. Kein typisches Opfer, sondern sein Opfer.

Häusliche Gewalt beginnt nicht mit Gewalt. Sie beginnt mit der ganz großen Liebe!

Es war von Anfang an ein klein wenig zu perfekt und vielleicht hätte mich das stutzig machen sollen aber wer hinterfragt schon das Gefühl von Glück? Ich hatte so viele Schmetterlinge im Bauch, dass ich manchmal befürchtete, wenn man nur nah genug neben mir steht, könne man bestimmt das Summen vieler kleiner Flügelschläge in mir hören. Er war liebevoll, aufmerksam, einfühlsam. Er liebte alles an mir und ich alles an ihm. Kein Thema war zu heikel. Nichts zu viel oder zu absurd. Er war verständnisvoll, hörte zu, interessierte sich. Für mich. Nicht nur für meinen Job oder meine Vergangenheit, sondern für mich. Das zumindest glaubte ich sehr lange Zeit. Wir konnten über alles reden, alles zusammen unternehmen, hatten den besten Sex und die innigste Verbindung. Bis irgendwann, ganz sachte, die Fassade erste Risse bekam. Es fing leise an. Subtil. Schleichend. Kleine „Fehltritte“, denen ich nicht zu viel Gewicht beimessen wollte. Stimmungsschwankungen aus heiterem Himmel, die „ja mal passieren können“. Zurückweisung in der Öffentlichkeit, weil er einfach „einen schlechten Tag hatte“. Ich hatte Verständnis. Zu viel davon. Dann wurde es intensiver. Zermürbender. Vernichtender und er zog in den Krieg gegen mich. Verbal. Manchmal körperlich. Vor allem aber psychisch. Es begann ein Wechselspiel aus systematischer Manipulation, Desorientierung und Verunsicherung. Er wurde lauter, mein Selbstwertgefühl leiser. Er drohte und er machte seine Drohungen wahr. Ließ mich stets wissen, dass wenn ich ihn verlasse, ich das nicht überleben würde. Ich glaubte ihm und ich hatte allen Grund dazu.

Eine von vier Frauen wird Opfer häuslicher- partnerschaftlicher Gewalt

Gewalt macht einsam. Ganz gleich ob sie körperlicher, sexueller oder psychischer Natur ist. Es gibt beim Thema Gewalt in der Partnerschaft übrigens kein „schlimmer“ oder „weniger schlimm“. Schläge sind nicht schlimmer als psychische Gewalt. Sexuelle Übergriffe nicht weniger schlimm als emotionale. Gewalt unterliegt keinem Ranking. Keiner Skala von 1 bis 10. Gewalt ist immer schlimm und niemals gerechtfertigt oder zu relativieren. Gewalt hat keinen „Grund“ und niemand ist „selbst Schuld“ daran, Opfer zu werden. Niemals! Und sie geschieht oft. Zu oft. Jede vierte Frau wird mindestens ein Mal in ihrem Leben Opfer häuslicher Gewalt. Das bedeutet, dass jede Frau mindestens eine weitere Frau kennt, die betroffen ist oder es sein wird.

Heute weiß ich das. Heute. Damals jedoch, als ich kopfüber in einem Sumpf aus Scham, psychischer Gewalt, Angst und Schuldgefühlen steckte, wusste ich nichts von alledem. Ich wusste nicht, dass es ein Wort gibt für ein solches Verhalten, für die systematische Zerstörung des Selbstbewusstseins und der Eigenwahrnehmung von Partnern. Glaslighting. Ich wusste nicht, dass es in der Psychologie noch ein weiteres Wort dafür gibt, das im gleichen Maße zutreffend, wie belastend ist:
Psychischer Missbrauch und psychische Gewalt.

Eine der häufigsten Fragen an Opfer häuslicher Gewalt ist so verblüffend einfach und zugleich so unendlich schwer zu beantworten: Wenn dein Partner dir Gewalt antut, warum trennst du dich dann nicht einfach? Die Antwort darauf ist unangenehm, denn es ist nicht einfach, sich aus solchen Partnerschaften zu lösen. Opfer häuslicher Gewalt wissen etwas, was Menschen, die nie Gewalt erfuhren, nicht wissen. Eine Trennung verläuft fast nie ohne Folgen und endet im schlimmsten Fall tödlich. 70% aller Tötungsdelikte an Frauen, die auf den Partner zurückzuführen sind, passieren nach der Trennung. Dann, wenn der Täter nichts mehr zu verlieren hat. Wenn zu der Gewalt Verlust kommt. Wenn es um Rache und Hass geht. Deswegen gehen Frauen zurück zu Tätern oder kommen nicht aus einer solchen Beziehung raus. Um sich zu schützen. Um ihre Kinder zu schützen. Aus Angst. Aus Unsicherheit und aus Mangel an Alternativen und aus Kraftlosigkeit.

So banal es klingen mag, aber um zu wissen, dass man Gewalt ausgesetzt ist, muss man erst einmal verstehen, dass das was der Partner da mit einem macht, Gewalt ist. Dass psychische Gewalt genauso Gewalt ist, wie jede andere. Wir wissen es nicht, weil wir nicht offen darüber sprechen. Häusliche Gewalt und Gewalt durch den Partner ist das weltweit am häufigsten verletzte Menschenrecht gegenüber Frauen und dennoch wissen wir so wenig darüber. Die Opfer schweigen. Weil man ihnen sagt, sie seien doch selbst schuld, wenn sie nicht gehen. Weil sie am Ende einer solchen Beziehung genau das sind: Am Ende. Emotional, psychisch, körperlich und mit den Nerven. Ich war das auch. All dies. Am Ende des Ganzen blieben mir eine Posttraumatische Belastungsstörung, Panikattacken, nervöse Ticks, auf jedem Ohr ein Tinnitus nach mehreren Hörstürzen bedingt durch emotionalen Stress. Kaputte Magenschleimhäute. Unruhe. Schlaflosigkeit. Schmerzen. Narben... die Liste ist lang und sie darf nicht länger werden. Für mich nicht aber auch für keine andere.

Wir sind viele!

Der beste Verbündete von Gewalt ist Schweigen und das ist der Grund, warum wir drüber sprechen müssen. Alle. Viel und laut. Weil häusliche Gewalt jede etwas angeht, jede vierte betrifft und hinter verschlossenen Türen, dort, wo Gewalt am wenigsten stattfinden dürfte, nämlich in der vermeintlichen Sicherheit des eigenen Zuhauses, des eigenen Bettes passiert. Jeden Tag. Der eigenen Freundin, der Mutter, der Nachbarin, der Lehrerin der eigenen Kinder, den eigene Kindern und vielleicht sogar einem selbst.

Deswegen, falls du das hier liest und dich angesprochen fühlst, bitte wisse:

  • Du bist nicht allein.
  • Du bist nicht schuld.
  • Du musst dich für nichts schämen.
  • Du kannst nichts dafür.
  • Du wirst gesehen.
  • Du wirst gehört.
  • Du schaffst das da raus.

Und wenn du nicht betroffen bist, dann reich einer Frau deine Hand, deine Ohren und dein Verständnis und versuch ihr beizustehen. Weil Einsamkeit der Nährboden für Gewalt ist und es Tätern so unerträglich einfach macht. Wir sind viele und es wird Zeit, dass wir darüber sprechen.

Du möchtest mehr von Nicole Jäger lesen? Der zweite Teil ihrer Kolumne „Du bist viele" erscheint am 17. August exklusiv hier bei desired. Nicoles aktuelles Buch „Unkaputtbar" findest du dann ebenfalls im Buchhandel.

Unkaputtbar: Wie mein Mangel an Selbstwert zum Problem wurde und wie ich da wieder rauskam
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Gewalt gegen Frauen ist leider trauriger Alltag. Kennst du die wichtigsten Schlag- und Tritttechniken zur Selbstverteidigung? Der Besucht eines Selbstverteidigungskurses ist immer sinnvoll und hilft zudem dabei, das nötige Selbstvertrauen aufzubauen. Auch im Video geben wir dir einige nützliche Tipps, wie du dich gegen einen Angriff schützen und ggf. zur Wehr setzen kannst:

Bildquelle:

Stocksy/Oxana Pervomay

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