body positivity diät
Nina Rölleram 15.06.2018

Ich habe mich in meinem Leben schon selbst durch die eine oder andere obsessive Abnehmphase gequält, bis ich mich so akzeptieren konnte, wie ich jetzt bin. Daher ist es mir lieber, mich mit Frauen zu umgeben, die nicht ständig über Diäten reden, und für die Schönheit nicht automatisch mit Schlanksein verbunden ist. Eigentlich müsste ich mit dieser Haltung gut zur Body-Positivity-Bewegung passen. Doch was, wenn ich doch mal ein paar Kilos abnehmen will? Wenn es nach der Meinung mancher Body-Positivity-Vertreterinnen geht, würde ich der Bewegung damit in den Rücken fallen.

Body Positivity ist ein Schlagwort, das in den letzten Jahren immer häufiger fällt. Im Wesentlichen geht es dabei darum, Schönheit nicht anhand des Gewichts festzumachen und seinen Körper so lieben zu lernen, wie er ist. Es sind daher vorrangig Frauen, die nach gängigen Normen übergewichtig sind, die die Vorreiter dieser Bewegung sind. Viele von ihnen haben sich in ihrer Vergangenheit erfolglos damit gequält abzunehmen und inzwischen Diäten komplett abgeschworen.

Heißt das nun, dass Diäten und Body Positivity einander ausschließen? Wenn es nach der Youtuberin FatGirlFlow geht, ja: In dem folgenden Video gesteht sie zwar jedem zu, eine Diät zu machen, man kann aber ihrer Auffassung nach nicht gleichzeitig für Body Positivity sein und bei den Weight Watchers.

Frauen auf Diät werden nicht akzeptiert

Derart klare Worte hätte ich von einer Bewegung, die Toleranz und diverse Schönheitsideale propagiert, nicht erwartet. Es scheint jedoch durchaus so zu sein, dass es für Frauen, die abnehmen wollen, keinen Platz in der Body-Positivity-Bewegung gibt. Diese Erfahrung musste auch die Journalistin Joni Edelmann machen, die in einem Artikel auf Ravishly von ihrem Bruch mit Body Positivity erzählt. Während sie sich als Frau mit Übergewicht lange von der Message angesprochen gefühlt hatte, bekam sie Gewissensbisse, als sie sich schließlich dazu entschloss, ihrer Gesundheit zuliebe eine Diät zu machen. Dass Abnehmen nicht automatisch gesünder macht, ist eine Aussage, die gerne von Body-Positivity-Vertreterinnen geäußert wird. Dennoch ist es für manche Menschen durchaus so, dass sie durch Gewichtsverlust eine bessere Kondition erlangen oder Krankheiten wie Diabetes verhindern können.

Diese Erfahrung machte auch die Autorin Kelly deVos, die in ihrem kürzlich erschienenem Jugendbuch „Fat Girl on a Plane“* über Body Positivity schreibt. Inzwischen sieht sie die Bewegung kritisch: In einem Artikel für die New York Times erzählt sie, wie ihre Tochter heimlich eine Diät machte, weil sie sich nicht traute, offen mit ihr über den Wunsch abzunehmen zu sprechen. Ihre Tochter wusste schließlich, dass ihre übergewichtige Mutter Body Positivity propagiert und Diäten sehr kritisch sieht. Als Kelly jedoch eine Diabetes-Diagnose erhielt, entschied auch sie sich dazu, abzunehmen und ein Buch darüber zu schreiben. Von Vertreterinnen der Body-Positivity-Bewegung kam sofort Kritik: Es sei widersprüchlich, auf der einen Seite für Body Positivity einzustehen und auf der anderen Seite jungen Lesern zu vermitteln, dass es legitim ist, abnehmen zu wollen.

Eine neue Schamkultur wird erschaffen

Auch wenn Frauen durch Body Positivity ein positives Selbstwertgefühl vermittelt werden soll, haben sie in den aufgeführten Beispielen nur dazu geführt, dass die Betroffenen Gewissensbisse hatten. Obwohl es natürlich ihr gutes Recht ist, mit ihrem Körper zu machen, was sie wollen, stießen sie auf Kritik. Der Wunsch, abzunehmen, gilt innerhalb dieser Bewegung scheinbar als Einknicken gegenüber den gesellschaftlichen Schönheitsidealen, die es zu bekämpfen gilt. Während Body Positivity sicherlich vielen Frauen hilft, ihren Körper zu akzeptieren und glücklich zu sein, führt diese Ideologie auch zu einer neuen Schamkultur. Frauen, die trotz Sympathie zu Body Positivity eine Diät machen wollen, müssen dies aus Angst vor Kritik nämlich im Verborgenen tun.

Die kompromisslose Intoleranz gegenüber Diäten führt meiner Meinung nach zu dem Phänomen, dass viele Frauen ihre Diät tarnen: Vordergründig machen sie diese natürlich nur ihrer Gesundheit zuliebe, um zu entgiften oder „sich wohler in der Haut zu fühlen.“ Bei derlei Aussagen habe ich immer das Gefühl, dass sich diese Frauen in manchen Kreisen nicht mehr trauen zuzugeben, dass sie eben einfach dünn sein wollen, weil sie sich so schöner finden.

Muss ich mich für eine Diät rechtfertigen?

Ich merke inzwischen selbst, wie sich in mir ein Konflikt auftut: Auf der einen Seite kann ich mich mit einigen Body-Positivity-Idealen anfreunden und bin froh darüber, ein entspanntes Verhältnis gegenüber meinem Körper und Essen zu haben. Auf der anderen Seite würde auch ich nicht ausschließen, eine Diät zu machen, wenn ich deutlich zunehmen sollte. Auch ich werde nun mal nicht jünger und mein derzeitiger Lifestyle – essen, worauf ich Lust habe, viel Bier trinken und überhaupt keinen Sport treiben – geht womöglich irgendwann auch nicht mehr auf. Ich weiß jetzt schon, dass es dann schwierig für mich werden könnte, mit meinen Anti-Diät-Idealen zu brechen. Ich hätte dann auch Hemmungen mit manchen Freundinnen darüber zu reden und würde meine Bemühungen abzunehmen wohl als Gesundheitstrip verkaufen. An diesem Punkt merke ich, dass Body Positivity definitiv in die falsche Richtung geht.

So habe ich erkannt, dass mich eine kleinere Konfektionsgröße nicht glücklicher macht.

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Body Positivity sollte Diäten nicht verteufeln

Sobald eine Ideologie dazu führt, dass über bestimmte Themen nicht mehr gesprochen werden darf, werde ich skeptisch. Klar, viele Frauen suchen Anschluss in der Body-Positivity-Community, um endlich dem Diätstress in ihrem Alltag zu entkommen. Dieses Bedürfnis kann ich sehr gut verstehen, da auch ich häufig genervt von der ständigen Thematisierung von Diäten – oder Body Challenges wie sie neuerdings heißen – unter Frauen in meinem Umfeld genervt bin. Doch was bringt es, wenn wir diesen Frauen vermitteln, dass sie mit ihrer Lebensweise nicht Teil des „Body-Positivity-Clubs“ sein können? Ihr Wunsch, dünn sein zu wollen, ist zum einen völlig legitim und zum anderen bringt es rein gar nichts, ihnen die eigene Anti-Diät-Ideologie aufzudrücken. Meiner Meinung verhindert eine derart einseitige Haltung einen offenen Diskurs über Gewicht und Schönheitsideale. Wenn es nach mir ginge, müssten Body-Positivity-Foren und Kommentarspalten also kein reiner Safe Space für Diät-Gegnerinnen sein, sondern die Möglichkeit bieten, einfach nicht bewertet zu werden – ob man nun so bleiben möchte, wie man ist, oder abnehmen will.

Hast du dich schon mal nicht getraut, vor anderen über deine Diät zu sprechen? Und sind Diäten und Body Positivity wirklich ein Widerspruch? Diskutiere mit mir in den Kommentaren!

Bildquelle:

iStock/Jupiterimages


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