Experten-Interview:

So kannst du natürliche Verhütung an dein Leben anpassen

So kannst du natürliche Verhütung an dein Leben anpassen

Eine sichere Verhütung mittels Temperaturmessung und Untersuchung des Zervixschleims ist nur etwas für Frauen mit einem regelmäßigen Tagesrhythmus – dachte ich bisher. Im Interview erklärt die Gynäkologin Dr. med. Dorothee Struck, wie insbesondere das in Vergessenheit geratene Diaphragma eine unkomplizierte und sichere Verhütung ohne künstliche Hormone ermöglicht.

Dr. med. Dorothee Struck ist Gynäkologin und Ärztin für Naturheilverfahren. Seit 13 Jahren leitet sie eine Praxis in Kiel und hat nun ihren ersten Ratgeber „Natürlich verhüten“* herausgebracht, der anschaulich erklärt, wie hormonfreie Verhütung mittels NFP und Barrieremethoden Diaphragma und Kondomen funktioniert.

natürlich verhüten Ratgeber
Der Ratgeber „Natürlich verhüten“* klärt verständlich über pillenfreie Verhütungsmethoden auf.

Kann ich mithilfe der natürlichen Familienplanung (NFP) verhüten, wenn ich einen unregelmäßigen Tagesrhythmus habe? Was ist, wenn ich zum Beispiel am Wochenende öfter ordentlich trinke, oder zu völlig unterschiedlichen Uhrzeiten aufstehe?

Das geht tatsächlich. Ich habe in den 80ern mit NFP angefangen, als es noch hieß, man müsse immer 6 Stunden lang zur gleichen Zeit schlafen und immer zur gleichen Zeit die Temperatur messen. Irgendwann fing ich aber in der Klinik mit Nachtdiensten an. Mittlerweile ist das viel individueller. Bei manchen Frauen haut eine Zeitverschiebung sehr rein und die Temperaturkurve verändert sich. Bei anderen Frauen fast überhaupt nicht, solange eine Ruhezeit von 2 Stunden besteht und ungefähr zum gleichen Zeitpunkt gemessen wird. Frauen müssen sich selbst beobachten und herausfinden, welche Störfaktoren sich bei ihnen bemerkbar machen oder nicht. Grundsätzlich ist ein unregelmäßiger Tagesrhythmus also kein Ausschlusskriterium.

Für mich ist das aber auch ein Grund zu sagen: Warum nicht Barrieremethoden wie Diaphragma oder Kondom mit NFP kombinieren? Wenn ich mal einen Monat nicht regelmäßig messen kann, oder auf Festivals gehe und der Alkohol in Strömen fließt, kommt das eben vor. Dann nimmt man in diesem Monat das Diaphragma eben konsequent. Das habe ich selbst jahrelang so praktiziert und viele unserer Patientinnen auch.

Verändert sich der Sex, wenn man natürlich verhütet?

Das sagen mir ganz viele Patientinnen. Über mehr Kommunikation fangen sie an, mehr über ihre Bedürfnisse zu reden. Es kann auch sehr nützlich sein, eine Weile abstinent zu sein, und in der fruchtbaren Zeit zu schauen, worauf man sonst steht.

Bei NFP müssen Frauen ihren eigenen Zervixschleim untersuchen. Ich kenne persönlich keine Frau, die das schon mal gemacht hat und eher mehr, die sich davor ekeln…

Es ist überhaupt nicht eklig. Es ist etwas ganz Natürliches. Ohne Zervixschleim wären wir alle überhaupt nicht auf der Welt. Tief in die Scheide fassen müssen nur die Frauen, die sehr wenig Schleim produzieren. Diese können den Eisprung besser durch Abtasten des Muttermunds feststellen. Aber die meisten können das einfach am Klopapier sehen.

Sollten Frauen ein weniger distanziertes und schambehaftetes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper entwickeln?

Oh ja! Die Wahrnehmung ist so komisch. Auf der einen Seite geht es ganz viel um Äußerlichkeiten: möglichst keine Pickel, schöne Haare – um diese äußerlichen Attribute von Weiblichkeit, für die junge Frauen sehr viel positiven Zuspruch bekommen, sie aber auch unter Druck setzen. Auf der anderen Seite haben viele Frauen wenig Vorstellung von ihren inneren Räumen. In der Verhütungsberatung zeige ich ein Diaphragma und die Patientin sagt dann: Oh Gott, das ist zu groß! Dann sage ich: Nein, das ist nicht groß, das ist ein kleines Modell und durch ihre Scheide passt ein 4500-Gramm-Kind. Wenn ich wiederum eine Spirale zeige, sagen manche Patientinnen: Wie klein! Ich würde mir wünschen, dass mehr über tatsächliche körperliche Abläufe gesprochen wird, als über eine glatte Ästhetik und dieses normschlanke Frauchen-Dasein.

Was ist, wenn man sich all diese Mühe macht und erst irgendwann bei einem Kinderwunsch feststellt, dass man selbst oder der Partner unfruchtbar ist. Kann man auch als junger Mensch einfach zum Arzt gehen und einen Fruchtbarkeitstest machen?

Naja, bei einem Spermiogramm schwanken die Qualitäten sehr. Ich kenne leider viele Frauen, die unglücklich ungeplant schwanger wurden, nachdem ihnen der Mann aufgrund eines schlechten Spermiograms glaubhaft versichern konnte, dass er zeugungsunfähig ist. Ich hatte letzte Woche erst ein Schwangerschaftskonfliktgespräch, in dem es um Abtreibung ging: Der Mann hatte längere Zeit versucht, mit seiner vorherigen Partnerin schwanger zu werden, und hatte zwei schlechte Spermiogramme. Wenn das beispielsweise abgenommen wurde, nachdem er eine schwere Grippe hinter sich hatte, oder er einfach nur gestresst war, kann es schlecht ausfallen. Wenn es mein Körper wäre, würde ich mich nicht darauf verlassen, außer er ist sterilisiert und kann das von einem Urologen nachweisen lassen. Ich kenne einfach zu viele Patientinnen, die darauf reingefallen sind.

Diaphragma verwenden
Das Diaphragma kann an fruchtbaren Tagen mit einem Gel zur Verhütung verwendet werden.

Sie empfehlen auch neue Diaphragma-Modelle zur Verhütung an fruchtbaren Tagen. Sind diese auch beim Sex mit einem langen Penis wirklich sicher? Kann dadurch nicht die Position verändert werden?

Wenn das Diaphragma gut angepasst ist, kann es nicht verrutschen. Es hält sich über die Federspannung, auch wenn man das halbe Kamasutra durchturnt.  Je nachdem, an welchem Zyklustag sich die Frau befindet – der Muttermund verschiebt sich ja ein bisschen – kann es sein, dass der Mann den hinteren Rand spürt. Das ist aber die Frage, ob es ihn stört. Manche Männer empfinden das auch als Extra-Stimulation. 

Ungefähr 10 Prozent der Männer spüren das Diaphragma, die meisten spüren es gar nicht, wenn es korrekt sitzt.

Dr. med. Dorothee Struck

Ich halte das Diaphragma für eine völlig unterschätzte Verhütungsmethode, die leider fast ein bisschen ausgestorben ist. In den 60-70er Jahren haben über 10 Prozent der verheirateten amerikanischen Paare ein Diaphragma benutzt, heute sind es unter 1 Prozent. In Deutschland haben wir wenige Zahlen, weil wir keine solchen Erhebungen über das Gesundheitssystem haben, was ein bisschen schade ist. Es war nie das Verhütungsmittel für alle. Viele Frauen finden es zu fummelig, vorher immer etwas tun zu müssen.

Ich habe mein ganzes Studium über mit Diaphragma verhütet, teilweise mit NFP, teilweise ohne. Ich finde das total einfach. Ich bin nicht ungeplant schwanger geworden, habe es aber auch immer verwendet, außer wenn ich wusste, der Eisprung ist sicher durch. Es gibt seit 1997 kein Buch mehr auf dem deutschen Markt, dass das Diaphragma ausführlich behandelt. Es wird immer mal erwähnt, aber Fragen auf die Antworten, die unsere Patientinnen hier in der Praxis stellen, findet man fast nirgendwo sonst.

Kann man sich das Einführen und Positionieren ähnlich vorstellen wie bei einer Menstruationstasse oder bedarf das Diaphragma mehr Geschick?

Es sitzt natürlich ein bisschen anders, aber es ist etwas, das jede Frau lernen kann. Bei den ersten 3-4 Malen kommt man sich dämlich vor. Aber wenn man dann an seine ersten Tampons mit 14 oder 15 denkt, wusste man da auch nicht wirklich, wie man das einführen soll. Aber später macht man sich darüber überhaupt keine Gedanken mehr. Bei der Menstruationstasse ist das auch so. Manche Frauen lernen das Einsetzen des Diaphragmas sofort im ersten Anlauf, manche brauchen länger.

Bei uns passen das die Hebammen in der Praxis an. Die Patientinnen üben das dann unter Anleitung ein paarmal, bis sie das Gefühl haben, dass es klappt. Wir raten den Patientinnen immer, die ersten 2-4 Wochen entweder Kondome parallel zu nutzen oder wenn sie noch auf der Pille sind, die Pille nicht sofort abzusetzen, bis das Handling funktioniert. Wenn die Menstruationstasse nicht richtig sitzt oder nicht richtig aufgeploppt ist, gehen mal ein paar Tropfen daneben. Das ist keine Katastrophe. Eine ungewollte Schwangerschaft ist eine andere Liga, daher sagen wir immer, dass man in den ersten Wochen zusätzlich verhüten sollte.

Ich habe jetzt seit 13 Jahren die Praxis. Die einzigen Frauen, die mir mit Diaphragma schwanger geworden sind, haben alle zugegeben, es doch nicht immer genutzt zu haben.

Dr. med. Dorothee Struck

Das Diaphragma muss vor dem Sex eingesetzt werden. Diese Unterbrechung kann ja schon die Stimmung ruinieren. Kann man es auch schon einige Stunden vor dem Sex erledigen?

Man kann es bis zu zwei Stunden vorher einsetzen. Das ist der Vorteil zu Kondom: Das muss aufgerollt werden, wenn die Erektion steht. Das Diaphragma kann man abends einsetzen, wenn man sich denkt: Das könnte nett werden. Das Schlimmste, was passieren kann, wenn es doch nicht genutzt wird, ist, es am nächsten Morgen wieder rauszunehmen und mit warmen Wasser abzuwaschen.

Ein Problem ist aber, dass nicht mehr viele Frauenärzte das Diaphragma anpassen. Leider. Im Gesundheitssystem ist das nicht vorgesehen, bzw. es ist eine IGEL-Leistung, genauso wie das Einsetzen der Spirale. Das wird in der ohnehin schon sehr mageren Verhütungsberatung der Krankenkasse nicht abgedeckt. Wir lassen das in der Praxis überwiegend über die Hebammen machen, weil ganz einfach die Arzt-Zeit teurer ist als die der Hebamme.

Vielen Dank für das interessante Interview, Frau Dr. Struck!

Bildquelle:

(c) Gräfe und Unzer Verlag/ Jochen Arndt

Was denkst Du?

Galerien

Lies auch

Teste dich

* Werbung